Hop oder Top?

Energievertrieb der Riva AG polarisiert

Fast überall das gleiche Spiel: Wo Riva-Vertriebsmitarbeiter auftauchen, beschweren sich Kunden über deren Verhalten; die ortsansässigen Energieversorger werfen dem Newcomer falsche Aussagen vor; Riva beschuldigt die Netzbetreiber, den Wettbewerb zu behindern. Gerichtliche Auseinandersetzungen sind nicht selten. Direktvertrieb an der Haustür - ein Thema mit vielen Facetten.

30. Juli 2002

Haustürgeschäfte haben in Deutschland keinen guten Ruf - Drückerkolonnen, die Zeitschriften-Abos mit dubiosen Methoden an die Frau oder den Mann bringen, haben das Image verdorben. Dennoch sieht die Riva AG, Essen, im Direktvertrieb einen hervorragenden Verkaufsweg für Strom. „Wir haben uns für den direkten Verkauf entschieden, weil wir damit Hemmschwellen überwinden und Ängste vor dem Wechsel nehmen können“, begründet Riva-Vorstand Carsten Knauer die Wahl. Riva berate die potentiellen Kunden fair und komme dem Wunsch nach persönlicher Beratung nach, erläutert er weiter.

Viele Kunden und auch die örtlichen EVU sehen das anders. Man fühle sich bedrängt; es sei nicht klar, von welchem Unternehmen der Vertriebsmitarbeiter überhaupt komme - so lauten die Klagen immer wieder. Viel grundsätzlicher geht Jürgen Schröder vor: „Wir stehen dem Direktvertrieb generell skeptisch gegenüber“, fasst der Jurist der Verbraucherzentrale NRW, Düsseldorf, die Auffassung der Verbraucherschützer zusammen.

Gerade in der Anfangsphase im Frühjahr 2000 hatte Schröder viel mit Riva zu tun. „Wir haben damals vor den Vertriebsmethoden gewarnt“, bestätigt er auf Anfrage. Es gab immer wieder Fälle, in denen das Wiederrufsrecht nicht beachtet oder sogar behindert wurde. Vor allem störte die Verbraucherzentrale NRW, dass Riva mit Unterlagen gearbeitet hat, die nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprachen. „Erst fehlte die Wiederrufsbelehrung, dann tauchte eine falsche auf, nach einiger Zeit und vielen Gesprächen änderte Riva die Belehrung endlich“, beschreibt er die Probleme damals. In der Zwischenzeit sei es ruhiger geworden, allerdings stieg die Anzahl der Beschwerden jetzt wieder.

Dass Riva einiges ändern musste, bestätigt auch Knauer indirekt: „Wir haben viel gelernt im letzten Jahr.“ Doch aus seiner Sicht, sind die Beschwerden Einzelfälle. Er könne zwar nicht ausschließen, dass auch Fehler passieren - Riva stelle aber durch unterschiedliche Programme und Maßnahmen sicher, dass Probleme mit Kunden nicht entstehen. So erfolgt eine halbe Stunde nach jedem Vertragsabschluss ein Telefon-Anruf. Hierbei würden noch offene Fragen geklärt und nach der Zufriedenheit mit dem Außendienstmitarbeiter gefragt. Hat sich einer der zurzeit rund 120 Vertriebsmitarbeiter nicht korrekt verhalten, würde er sofort aus dem Feld gezogen werden, betont Knauer. Für Riva sei nach Aussage Knauers die Kundenzufriedenheit oberstes Gebot. Service und Beratung als Erfolgsrezept? Knauer stellt fest: „Der Kunde kauft nicht von allein, man muss ihn abholen.“ Zumindest unterschiedliche Deutungen lässt diese Aussage zu.

Seit September 2000 meldet sich Riva übrigens bei den Netzbetreibern an, bevor eine Vertriebskampagne in deren Gebiet beginnt. So war es auch bei den Stadtwerken Garbsen. Riva machte dem Unternehmen schon im Vorfeld ein Gesprächsangebot, sollte es zu Problemen kommen. Und die Beschwerden kamen. Nicht nur von verunsicherten Verbrauchern, sondern auch von den Stadtwerken. Denn Riva verglich den eigenen mit einem falschen Tarif der Garbsener. Für dieses Problem fanden die beiden Unternehmen aber eine außergerichtliche Lösung.

Kritiker werfen Riva immer wieder vor, die Vertriebsmitarbeiter würden die potentiellen Kunden überrumpeln und bedrängen. Durch die Vertreter entstünden Ängste. „Die Bekanntheit von uns ist zu gering“, ist aus Knauers Sicht der Grund. Wäre Riva so bekannt wie Yello, würden die potentiellen Kunden nicht verunsichert sein. Außerdem würden häufig unwahre Aussagen getroffen, wenn die Besuchten bei einem Call-Center des örtlichen EVU anriefen. Hiergegen setzt sich Riva regelmäßig zur Wehr - mit Hilfe von Einstweiligen Verfügungen.

Erstaunlich ist übrigens, dass nach einer Umfrage bei einer Vielzahl von Landgerichten und betroffenen Energieversorgern Riva keine Gerichtsverfahren in der Hauptsache anstrebt. Rechtskräftige Urteile liegen fast nur gegen Riva vor. Die Einstweiligen Verfügungen lässt Riva in der Regel einfach verjähren.

Inoffiziell ist bei den Stadtwerken in ganz Deutschland vieles zu erfahren - doch offen zu Riva äußern möchte sich kaum jemand. Da Riva mit einer Einstweiligen Verfügung droht, sobald ein Energieversorger an die Presse gehen will, durchaus verständlich. Häufig hat das Unternehmen damit auch Erfolg: Die Gerichte deuten eine Pressemitteilung als unzulässige Selbsthilfe. Ein Maulkorb für die Pressestellen ist das Ergebnis. Dabei geht Riva jedoch nicht gegen die Inhalte vor, sondern gegen das Einschalten der Presse an sich.

Nicht klein beigegeben hat die GEW Köln. Sie setzte sich mehrfach gegen Riva zur Wehr - und gewann die Hauptsacheverfahren. Dies äußern die Gerichtssprecher, denn aus der Pressestelle der GEW Köln kommt nur: „Kein Kommentar, zur Sache dürfen wir uns auf Grund Einstweiliger Verfügungen nicht äußern.“

Von einem einheitlichen Tarif für alle Vertriebsgebiete hält Riva nicht viel. „Wir bleiben immer unterhalb des Tarifs der Ex-Monopolisten“ beschreibt Knauer die Preisfindung. Somit kann Riva auch kaum mit anderen überregionalen Versorgern verglichen werden. Selbst auf der eigenen Internet-Seite sind nicht alle Tarife veröffentlicht. Dennoch kommen die Macher der Internetseiten „www.stromwettbewerb.de“ zum Fazit, dass Riva seit der „drastischen Preiserhöhung“ zum 1. Februar keine gute Wahl mehr ist: „Damit liegt Riva über den Etablierten!!! Wir raten ab: Keine Haustürgeschäfte!“.

Richtig gelassen sind bei dem Gerangel um die Vertriebsmethoden von Riva anscheinend nur die Verbände. Sowohl der VDEW als auch VKU sehen keinen Grund tätig zu werden. Während der VDEW nach Auskunft einer Sprecherin grundsätzlich keine Stellung zu Rechtsstreitigkeiten einzelner Mitglieder bezieht, sagt der Pressesprecher des VKU Wolfgang Prangenberg: „Wir hören von vielen Mitgliedern über Probleme mit Riva, sind aber noch von keinem gebeten worden, juristisch aktiv zu werden.“ Während einzelne Stadtwerke kaum die Möglichkeit haben, das Thema „Riva“ in Gänze vor Gericht zu bringen, winkt das Kartellamt ab. Da es sich bei Problemen mit den Vertriebsmethoden meist um Fragen bezüglich des Gesetzes gegen den Unlauteren Wettbewerb handelt, sieht ein Sprecher keinen Ansatz, im Rahmen des Kartellrechts einzugreifen. Einzig Verbraucherschützer Schröder wirkt kämpferisch. Gerne würde er die Vertriebsmethoden im Rahmen einer Verbandsklage durchleuchten lassen, allerdings fehle ihm dazu die Zeit - steckt er doch gerade in Streitigkeiten mit einem großen Software-Konzern.

Erschienen in Ausgabe: 05/2001