ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Hunger auf mehr?

Markt

Innogy wird aufgeteilt zwischen E.on und der Innogy-Mutter RWE. Die Konzerne haben altes Konkurrenzdenken über Bord geworfen. Die Folgen für den Markt und die übrigen Wettbewerber sind erst schemenhaft erkennbar.

28. Mai 2018

»Sorge um Stellenabbau bei E.on und Innogy, Experten kritisieren Marktmacht und warnen vor Strompreiserhöhungen«: Nach Bekanntwerden der Pläne von E.on und RWE zum Tausch von Geschäftsbereichen wird über die Folgen spekuliert.

Die Pläne waren selbst für Experten überraschend: Mitte März hatten die beiden Unternehmen aus Essen auf einer Pressekonferenz angekündigt, dass E.on das Vertriebs- und Netzgeschäft von der RWE-Tochter Innogy übernehmen wird und RWE das Ökostromgeschäft von Innogy und E.on.

Die Unternehmen wollen die Verteilung der Innogy-Geschäfte bis Ende 2019 abschließen. Bis zu 5.000 Arbeitsplätze sollen laut E.on-Chef Johannes Teyssen in dem erweiterten Unternehmen wegfallen. In den Medien warnten Kritiker, dass mit der Entscheidung der Unternehmen unter anderem Strompreiserhöhungen einhergehen könnten.

Es entstehe ein Megakonzern mit großer Marktmacht, hieß es; das gefährde den Wettbewerb im Strommarkt und könnte auf lange Sicht zu Strompreiserhöhungen für Verbraucher führen. Das Kartellamt müsse die Fusion sehr kritisch prüfen, war zu lesen.

Cashcow Netzbetrieb

Inzwischen liegen die ersten wissenschaftlichen Einschätzungen vor, welche Auswirkungen die Pläne voraussichtlich auf den deutschen Energiemarkt haben. »Durch die Zusammenlegung der Netzaktivitäten von beiden Gesellschaften in der E.on entsteht ein Netzbetrieb mit 27 Milliarden Euro Umsatz und einem Ebit von knapp 4 Milliarden Euro«, so das Center für kommunale Energiewirtschaft am Ineko, einem Institut der Universität Köln.

»Das Ergebnis dürfte sich durch die Synergieeffekte beim Netzbetrieb noch steigern lassen«, heißt es. Denn bei E.on und RWE sei der Netzbetrieb inzwischen die wichtigste Ertragssäule geworden, so das Center, das anlässlich des zwanzigsten Jahrestages der Liberalisierung des deutschen Energiemarktes die Rolle der kommunalen Energieversorger und Netzbetreiber untersucht hat.

Rekordwert bei Konzessionen

Einer Studie zufolge seien die Stadtwerke in der Lage, ähnliche Renditen wie die privaten EVU zu erwirtschaften; zugleich seien die Wirtschaftlichkeitskennzahlen von insgesamt 194 Netzbetreibern schlechter als jene von E.on und RWE und die der gesamten deutschen Wirtschaft, heißt es. »Fast die Hälfte der Netzbetreiber erwirtschaftete 2015 Verluste«, so die Wissenschaftler.

Anders bei E.on und RWE. Der Umsatz der E.on-Energienetze wuchs den Angaben zufolge 2017 um 6,8% von 15,9 auf 17 Milliarden Euro.

Der Ebit stieg um 16,2% von 1,67 auf 1,94 Milliarden Euro. Damit hat 2017 der Netzbereich rund 44,7% zum Umsatz des Kerngeschäfts und rund drei Viertel beziehungsweise 75,5% des Ebit beigetragen, errechnete das Kölner Institut.

Fusion light

Ähnlich positiv verlief die Entwicklung bei der RWE-Tochter Innogy, wo RWE unter anderem die Netz- und Infrastrukturaktivitäten des Konzerns zusammengefasst hatte. Während 2017 die Netz- und Infrastrukturaktivitäten moderat um 1,5% von 9,85 auf 10Milliarden Euro stiegen, verzeichnete das Ebit einen Zuwachs um 11% auf 2 Milliarden Euro.

Nun werden die Netzbetriebe beider Konzerne bei E.on zusammengeführt.

Mit durchaus bemerkenswerten Resultaten; dem Kölner Center zufolge verfüge RWE künftig bei E.on über mehr als die Hälfte der Stromkonzessionen. E.on wiederum habe damit mehr Netzkonzessionen als vor der Liberalisierung. Eine Feststellung, die im zwanzigsten Jahr der Liberalisierung des deutschen Energiemarktes durchaus überrascht.

Die Kölner Wissenschaftler interpretieren die Pläne der beiden Konzerne als mehr oder weniger umfangreiche Fusion zweier Wettbewerber mit dem Ziel, künftig nicht gegen-, sondern miteinander am Markt aufzutreten, – ganz nach dem Motto ›Aus zwei großen Netzbetreibern, zwei Vertrieben und zwei Erzeugern wird einer‹. Die Pläne sind also nolens volens auch ein großes Programm zur Kostensenkung.

Mit der Übernahme des Netz- und Vertriebsgeschäfts der RWE-Tochter Innogy erwartet E.on, ab dem Jahr 2022 Kosten in Höhe von 600 bis 800 Millionen Euro jährlich zu sparen, so das Unternehmen.

Neue Marktordnung

Wie sich die Zusammenarbeit der bisherigen Wettbewerber mittel- und langfristig auswirken wird, ist noch unklar. Dass sie Folgen haben wird, steht außer Frage, sagen unisono Analysten und Branchenkenner. »Der Tausch der Aktivitäten zwischen RWE und E.on wird die deutsche Energiewirtschaft von Grund auf neu ordnen«, heißt es.

Wie diese Ordnung aussehen wird, ist noch völlig offen. Genehmigt das Kartellamt den Tausch der Geschäftsbereiche wie angedacht, hätte RWE künftig womöglich rund 50% der Stromproduktionkapazitäten in Deutschland inne. Damit kann das Unternehmen die Großhandelspreise bei Strom und Regelleistung maßgeblich bestimmen, fürchten Kritiker. E.on hingegen wäre in Zukunft ein maßgeblicher Anbieter bei Vertrieb und Netzbetrieb.

Ob und wenn ja wie sich die Veränderungen bei Eon und RWE für das deutsche Großprojekt Energiewende auswirken, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Unterschiedliche Reaktionen

Die Bundesregierung lobte die Pläne von RWE und E.on. »Ich habe Vertrauen in unsere Energieunternehmen, dass sie auf jeden Fall die beste Variante suchen, wie sie die Energiewende und die nachhaltige Energieversorgung schaffen können«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel unmittelbar nach Bekanntwerden der beabsichtigten Fusion Mitte März.

Energie-Expertin Claudia Kemfert vom DIW Berlin hält die Pläne der Konzerne für besorgniserregend. Es sei kaum zu erwarten, dass RWE die Energiewende voranbringe.

Anders als E.on habe RWE kaum Geschäftsmodelle für Erneuerbare entwickelt. E.on habe zwar durchaus interessante Geschäftsmodelle für die Energiewende erarbeitet. Nun gebe das Unternehmen dies auf, so Kemfert laut dem Portal Börse Online. Nach Einschätzung von Scope Ratings wird es künftig einfacher für Investoren und Banken, die Kreditwürdigkeit von E.on oder RWE zu bewerten. Ferner sinkt mit der Fusion nach Ansicht von Scope das Risiko, dass neue Wettbewerber auf den deutschen Markt kommen.

Zuletzt hatten die geplante Übernahme von 50-Hertz-Anteilen durch State Grid aus China und den Einstieg von Fortum aus Finnland bei Uniper für Aufsehen gesorgt.

Letztlich wappnen sich die beiden Unternehmen mit einer Fusion auch gegen eine Übernahme durch europäische Wettbewerber wie etwa Engie aus Frankreich oder Iberdola aus Spanien, so Scope Ratings. So gesehen haben Eon-Chef Teyssen und RWE-CEO Rolf Schmitz also gut daran getan, Animositäten und Eitelkeiten beiseite zu schieben und sich, zum Wohle ihrer Unternehmen, an einen Tisch zu setzen.

Die Unternehmen waren nie existenziell bedroht durch die mit der Energiewende ausgelöste Neustrukturierung des Marktes. Trotzdem ist es heute in Deutschland nicht mehr so einfach, mit Strom und Gas solide Erträge zu verdienen – selbst wenn man E.on oder RWE heißt. Teyssen und Schmitz sind seit Jahren im Geschäft. Vermutlich war beiden schon länger klar, dass sie ihre Unternehmen verändern müssen, um im heimischen Markt wieder in die Vorwärtsbewegung zu kommen. Nun ist der Veränderungsprozess eingeleitet.

Ob daraus eine Vorwärtsbewegung wird, muss sich erst noch zeigen. Einige Experten zweifeln, ob E.ons Abschied von der Ökostromerzeugung auf lange Sicht richtig ist. Wenn Strom hauptsächlich aus erneuerbaren Quellen stammt und in großer Menge speicherbar ist, kann es sich rächen, keine eigenen Erzeugungskapazitäten zu haben, heißt es.hd

 

Erschienen in Ausgabe: Nr. 05 /2018