»Ich würde gar nicht mehr fördern«

Menschen

Marktdesign - Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber steht einem Kapazitätsmarkt eher skeptisch gegenüber. Er mahnt zu einer Reform des CO2-Marktes.

25. Februar 2015

Immer mehr thermische Kraftwerke gehen aus dem Markt. Andererseits brauchen wir sie noch für die Versorgungssicherheit. Wie schaffen wir es, hier gegenzusteuern?

Die massive Förderung der Erneuerbaren hat dazu geführt, dass die Synchronisation zwischen Angebot und Nachfrage nicht mehr funktioniert. Die Preise gehen nach unten, was dazu führt, dass nicht mehr außerhalb des geförderten Bereiches investiert wird. Es besteht kein Wettbewerb der Technologien, sondern nur noch ein Wettbewerb der Förderer.

Vorab stellt sich die Frage, warum diese Kraftwerke nicht mehr wirtschaftlich sind. Einer der Gründe dafür ist, so glauben wir heute, dass das derzeitige Marktmodell keine Preisspitzen zulässt. Würde es Preisspitzen geben, hätten Kraftwerksbetreiber weiterhin Signale für die Wirtschaftlichkeit ihrer Anlagen gehabt.

Aus unserer Sicht müssten daher zwei Seiten vorgegeben werden: Zum einen müsste man Preissignale wieder zulassen. Die Preisspitzen wären in diesem Fall hoch, keine Frage. Aber dann entstehen wieder Anreize für Investitionen. Zweitens müssten wir den Energy-Only-Markt dahingehend reformieren, dass das Thema gesicherte Leistung dort einen Niederschlag findet.

Wie lässt sich dies ausgestalten?

Zum einen könnte man eine Art Kapazitätsreservierungssystem aufbauen. Ein zweiter Weg, der im Gespräch ist, ist ein Parallelmarkt, der Kapazitätsmarkt. Wir sehen diesen allerdings sehr skeptisch. Bei uns ist der Verdacht groß, dass hier durch die Hintertür eine Förderung nicht wirtschaftlicher Anlagen ins System kommt.

Ein solcher Markt würde wiederum ein Fördermarkt. Wir müssen also sehr genau hinschauen, ob wir so einen Kapazitätsmarkt brauchen und was wir eigentlich damit meinen. Wenn wir schon solche Märkte machen, dann müssen sie möglichst marktnah sein. Und es sollte ein europäischer Markt sein, der technologie- und altersneutral ist, sowie die geografische Nähe mit berücksichtigt. Wenn ich ein Kapazitätsproblem in Bayern habe, nützt mir beispielsweise ein Kraftwerk in Sizilien als Kapazitätsreserve relativ wenig.

Aber macht es Sinn, jede Art von Kraftwerken zu fördern, sollte die Effizienz nicht auch mit betrachtet werden?

Ich würde gar nicht mehr fördern. Wichtig ist natürlich, dass wir Rahmenbedingungen ausgestalten, die die Ziele der Energiewende, das heißt die CO2-Reduzierung, auch unterstützen. Um ein funktionierendes Strommarktdesign wieder herzustellen, ist neben gesicherter Leistung und möglichst großen Preiszonen eine Reform des CO2-Marktes notwendig. Wir brauchen einen vernünftigen CO2-Preis. Auch eine CO2-Steuer ist denkbar, ähnlich wie die Engländer es bereits umgesetzt haben. Wenn man zudem verhindern will, dass über diese Ebene der Weg in die Nuklear-Energie geht, muss Kostenwahrheit her: Man müsste jeder Technologie die Kosten zuordnen, die sie verursacht.

Und wenn man den Ausbau der Erneuerbaren trotzdem noch vorantreiben möchte?

In dem Fall wären wir die Verfechter eines Quotensystems. Das heißt, jeder Teilnehmer am Markt, ein Energieversorger etwa, muss eine Erneuerbar-Quote erfüllen: pro Jahr eine bestimmte Prozentzahl sagen wir ein Prozent mehr an erneuerbarer Energie in seinem System haben. Mit so einem Quotensystem würde Wettbewerb stattfinden, wo ich die billigste erneuerbare Energie herkriege. Natürlich würde der Strompreis steigen. Aber das wäre ein kommunizierendes Gefäß, da die EEG-Umlage zurückgeht.

Sie haben sich 2014 für einen markanten Strategiewechsel entschieden. Dazu zählt der Ausstieg aus thermischer Erzeugung und Ausbau von Energiedienstleistungen. Sind diese für Sie ein Geschäftsmodell?

Zweifellos. Der Sektor Energieversorger bricht um. Der Markt wird nie mehr wieder so werden, wie er einmal war. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Das Geschäftsmodell ist nicht tot, aber es ist ein anderes. Was zunehmend stärker in den Vordergrund treten wird, ist das Geschäftsmodell der Energiedienstleistungen beim Kunden. Es sind viele neue Wettbewerber, die Googles und Facebooks dieser Welt, die in den Markt eintreten. Und wir wollen auf diesem Markt einen gewissen Anteil haben. Im Bereich Elektromobilität, energienahe Dienstleistungen und Industrie-Contracting haben wir Joint Ventures gegründet. Darüber hinaus sind wir beim Thema Lastmanagement und virtuelle Kraftwerke aktiv, bieten aber unseren Kunden auch Kombi-Pakete mit Photovoltaik, Wärmepumpe und Speicher oder Produkte im Smart-Home- sowie im Energieeffizienz-Bereich an. Hier haben wir die Verbund Solutions gegründet. Die hat sich ganz gut in die Höhe entwickelt. Das ist natürlich noch kein riesiges Geschäft. Aber wir sind überzeugt, das kommt.

Sie sind mit Ihrer Tochter H2Ö hier in Deutschland aktiv. Werden Sie in diesen Bereich weiter strategisch investieren?

Werden wir machen. Der deutsche Markt ist für uns wichtig. Vor allem als Grünstomanbieter und im Bereich der Energiedienstleistungen. (mwi)

Vita

Wolfgang Anzengruber

- ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender der österreichischen Verbund AG.

- Er war vorher Vorstandsvorsitzender bei Palfinger, diese Funktion hatte er seit 2003 inne.

- Von 2000 bis 2003 war er als Mitglied des Vorstands der Salzburg AG tätig, davor seit 1999 Vorstandsmitglied der Salzburger Stadtwerke.

- In den 1990er-Jahren war er außerdem auch Vorstandsmitglied bei ABB Österreich und ABB Energie. »Der Sektor Energieversorger bricht um. Der Markt wird nie mehr wieder so werden, wie er einmal war.«

Erschienen in Ausgabe: 02/2015