Ikea im Tank

Energie + Mobilität

Kann Deutschland elektrisch fahren? Bis 2020 sollen eine Million Elektro- und Hybridautos unterwegs sein. Ob das klappt, ist fraglich. Handelsunternehmen sehen die Elektromobilität als Chance, Kundennähe zu zeigen.

21. September 2017

Die Bundesregierung fördert sowohl die Entwicklung und den Verkauf der Fahrzeuge als auch die Schaffung einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur. Mit einer Finanzspritze von 300 Millionen Euro aus Steuergeldern sollen nun landesweit rund 15.000 neue Stromtankstellen entstehen: 5.000 Schnellladestationen und 10.000 Ladesäulen mit normaler Ladetechnik.

Infrastruktur-Fonds

»So geben wir den Autofahrern das Vertrauen, dass sie ihre Fahrzeuge u¨berall und jederzeit aufladen können«, so Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt.

Seit März können private Investoren, Städte und Gemeinden die staatliche Förderung beantragen; sie ermöglicht die Errichtung der Ladesäulen, den Netzanschluss und die Montage.

Die meisten Stromtankstellen werden derzeit von Parkhäusern, Energieversorgern, Hotels und Supermärkten betrieben. Allein bei Aldi Süd und Rewe können Kunden während ihres Einkaufs bereits an insgesamt rund 100 Geschäften die Batterien ihrer Elektroautos aufladen, und auch Ikea hat die Installation von Ladestationen vor seinen Möbelhäusern angekündigt.

In der Schweiz lässt das Unternehmen gerade Ladesäulen der Firma Mennekes an den Kundenparkplätzen verschiedener Ikea-Märkte installieren.

»Die Besonderheit bei dem Projekt in der Schweiz ist sowohl die Nutzung von Strom aus Erneuerbaren Energiequellen, als auch die Errichtung einer vernetzten Ladeinfrastruktur, die zentral verwaltet wird«, heißt es in einer Mennekes-Mitteilung. »Die Verantwortlichen bei Ikea entschieden sich daher bewusst für eine umfassende Lösung aus dem Portfolio von Mennekes, die der Schweizer Anbieter Alpiq umsetzte. Beratung, Planung, geeignete Hardware sowie umfangreiche Installationsleistungen an den Aufstellungsorten inklusive Verkabelung, Inbetriebnahme und Wartung kommen so aus einer Hand«, so Mennekes.

Kostenloser Autostrom

Der Betrieb der Ladepunkte erfolgt den Angaben zufolge zu 100 Prozent mit Ökostrom. Die Ladestationen stehen dem Kunden während der Öffnungszeiten kostenlos zur Verfügung und befinden sich meist direkt vor dem Einrichtungshaus, in unmittelbarer Nähe zum Eingang und den Familienparkplätzen, mit freiem Zugang für Kunden zu den Ladesäulen und zentraler Verwaltung der Ladepunkte.

Sollte Ikea diesen Service zukünftig nicht mehr kostenlos anbieten wollen, ist die Infrastruktur so konzipiert, dass dies über die Zentralverwaltung flexibel realisiert werden kann, ohne dass Änderungen an der Hardware vorgenommen werden müssen, heißt es.

Service für Familien

Für konventionelle Tankstellenbetreiber ist die E-Mobilität Medienberichten zufolge bislang kein Thema. Der Grund: Das Laden dauere im Vergleich zum Tanken viel länger. Das erhöht die Servicefunktion für Handelsunternehmen wie Ikea, deren Kunden meist länger parken, um Möbel oder Einrichtungsgegenstände zu kaufen.

Für eine Million E-Autos auf den Straßen sind 70.000 Normalladepunkte und 7.000 Schnellladepunkte erforderlich. Das haben Experten berechnet.

Zu wenig E-Fahrzeuge auf den Straßen aufgrund fehlender Lademöglichkeiten, kein Ladesäulenausbau aufgrund zu geringer Fahrzeugzahl: Um die strukturellen Hindernisse für den Ausbau der E-Mobilität im öffentlichen Straßenverkehr zu überwinden, richtete die Bundesregierung bereits Ende 2016 einen Fördertopf für Infrastruktur ein.

Im Februar gab die EU-Kommission in Brüssel grünes Licht; seitdem ist die Nachfrage nach dem Geld sehr hoch.

Bund fördert Infrastruktur

Die Kaufprämie für Elektroautos wurde dagegen bislang kaum genutzt. Dies liege Experten zufolge auch an noch fehlenden Lademöglichkeiten. »Wenn die für die Kaufprämie bereitstehenden öffentlichen Gelder – insgesamt 600 Millionen Euro – nicht vollständig abgerufen werden, sollten diese in das Ladesäulenprogramm umgeschichtet werden«, forderte jüngst der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Der Verband legte ein Papier mit Forderungen vor, die aus Sicht des Verbandes besonders wichtig für die E-Mobilität in Deutschland seien.

BDEW fordert Flottengrenzwerte

Unter anderem fordert der Verband ambitionierte CO2-Flottengrenzwerte für Pkw und Nutzfahrzeuge, den zügigen Aufbau öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur, ein Förderprogramm für private und gewerbliche Ladelösungen und den Abbau rechtlicher Hürden für die private Ladeinfrastruktur im Gebäudebestand.

Ferner mahnt der Verband eine Regelung der Ladeinfrastruktur bei Renovierungen und neuen Wohn- und Gewerbeimmobilien auf EU-Ebene an sowie Möglichkeiten zur Teilnahme von Ladeinfrastruktur und Elektrofahrzeugen an zukünftigen Flexibilitätsmärkten.

Holger Dirks

Grüne Welle

Das Bundesverkehrsministerium lässt seit Januar Pläne für eine Energiewende im Verkehrssektor erarbeiten. Experten sollen eine Roadmap für die Entwicklung des regulatorischen Rahmens entwickeln.

Das Projekt »Integriertes Energiekonzept 2050« soll unter anderem die Frage beantworten, welche Weichen zu welchem Zeitpunkt gestellt werden müssen, damit der zukünftig zu erwartende Strom aus Erneuerbaren optimal im Verkehrsbereich eingesetzt werden kann. Bislang ist es nicht gelungen, die CO2-Emissionen im Verkehr unter dem Strich zu reduzieren.

Erschienen in Ausgabe: 08/2017