Im Einklang mit der Natur

Großes Wasserkraftwerk in Rheinfelden wird ausgebaut

In mehreren Etappen wird im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet in Rheinfelden das größte deutsche Ökostromprojekt um- bzw. ausgebaut. Bis 2019 soll das älteste Flußkraftwerk Europas dann die Leistung von rund 100 MW erbringen. Der Startschuß erfolgt voraussichtlich noch in diesem Jahr.

07. Juli 2005

Die Genehmigungen der deutschen und Schweizer Behörden sind bereits erteilt. Im Sommer wollen die Verwaltungsgremien beim Betreiber Energiedienst Holding AG im schweizerischen Laufenburg endgültig grünes Licht geben. Bis dahin ist das Ganze noch eine Zitterpartie. Die Kosten liegen immerhin bei rund 400 Mio. €. Das Projekt soll in mehreren Bauetappen nach der Fertigstellung aber auch eine weit höhere Leistung als die bisher 25,7 MW erbringen, nämlich rund viermal so viel, was einer künftigen Jahresstromproduktion von rund 600 GWh entspräche.

„Das Projekt setzt auch in ökologischer Hinsicht hohe Maßstäbe“, sagt Energiedienst-Projektleiter Helmut Reif von der 75prozentigen Tochter der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW). Denn das Vorhaben an der ‚Wiege der Wasserkraft‘, dem seit über hundert Jahren bestehenden ältesten Flußkraftwerk Europas, soll wegweisend bei der Integration gewässerökologischer Verbesserungen in die modernisierte Kraftwerksstruktur sein.

Allein 65 Maßnahmen im ökologischen Bereich sind dafür vorgesehen. „Die größte Maßnahme ist ein naturbelassenes Fisch- und Laichgewässer“, erläutert Helmut Reif. Eine sogenannte ‚Fischtreppe‘ sorgt künftig dafür, daß etwa der Laichvorgang für die Lachse in einem fließenden Aufstiegsgewässer erfolgen kann. Dazu gehören auch Brutinseln und Nistplätze für diverse Vogelarten, etwa die Flußseeschwalbe. ür die einzelnen Baumaßnahmen sind Kosten in Höhe von 355 Mio. € veranschlagt, den größten Anteil stellt das Maschinenhaus mit 290 Mio. €, gefolgt vom neuen Stauwehr mit 65 Mio. €. „Der Rest sind Vorlaufkosten für die Konzessions- und Planungsphase“, sagt Reif. Auch in technologischer Hinsicht sei das Projekt auf dem modernsten Stand: Das neue Kraftwerk wird mit vier Turbinen als vollautomatisches Wehrkraftwerk konzipiert, mit dem Ziel das Hochwasserrisiko zu minimieren und parallel dazu die Erzeugungskosten zu optimieren.

Das Hochwasserrisiko ist dabei keine rein statistische Wahrscheinlichkeit. In den letzten gut zehn Jahren gab es zweimal in 1994 und 1999 Höchststände von 4.200 und 4.600?qm. „Wir haben deshalb den künftigen Stauwehrabfluß auf 5.400 Kubikmeter ausgelegt“, gibt Reif zu bedenken. Erprobt wurde das hydraulische Modell an der Universität Karlsruhe. Der Kunstgriff bei der Modellbildung bestand auch darin, den freien Blick auf das Rheinbett zu erhalten. Vier horizontale Rohrturbinen mit einem vierflügligen Kaplan-Laufrad sorgen für einen Durchfluß von je 375 qm/Sek. Ein anderes wichtiges Kritierium sind die Erzeugungskosten. „Im Vergleich zur Gasturbine sind wir natürlich deutlich teurer“, ist sich Projektleiter Reif bewußt. Die Stromgestehungskosten sollen sich erst nach 35jähriger Zeitspanne auf durchschnittlich neun Cent pro Kilowattstunde amortisieren. „In der Anfangsphase liegen wir mit 13 Cent pro Kilowattstunde noch ziemlich hoch“, sagt Reif.

Die Umrüstung großer wie kleiner Wasserkraftanlagen liegt im Trend. Daß sich derartige Projekte grundsätzlich rechnen, zeigt der Umstand, daß es allein in Baden-Württemberg zahlreiche mittlere und kleine Was­serkraftwerke gibt. „Große Wasserkraftwerke am Rhein gibt es vielleicht 20 bis 30. Aber je kleiner die Flüsse und Bäche sind, desto mehr Kraftwerke existieren“, sagt Professor Dr. Ing. Eberhard Göde, Direktor des Instituts für Strömungsmechanik an der Universität Stuttgart. Die meisten der kleineren und mittleren Kraftwerke könnten nach Auffassung von Göde mit Hilfe einer eingehenden Strömungsanalyse modernisiert und umgerüstet werden, neue Anlagen wären kaum mehr erforderlich.

Um die Wasserkraftwerke an den Flüssen und Bächen zu modernisieren und die Energieausbeute zu optimieren, entwickelt das Institut für Strömungsmechanik bereits seit 20 Jahren Simulationsprogramme. Mit Hilfe einer Strömungsanalyse war man beispielsweise beim Wasserkraftwerk in Kiebingen bei Rottenburg in der Lage, die Leistung um mehr als 30 % zu steigern. So lag nach dem Umbau in Kiebingen die Leistung pro Turbine um mehr als 30 % höher, eine Steigerung von 300 auf 400 kW. Dadurch wuchs die resultierende Energieproduktion auf über 8 Mio. kWh/Jahr.

Nur die Hälfte der eingeplanten Kosten

Auch die Betreiber des Großen Wasserkraftwerks in Rheinfelden hoffen schon bald auf eine wirtschaftlich ähnlich erfolgreiche Story. „Die Aufnahme der Großen Wasserkraft in das EEG im vergangenen Jahr war für uns letztlich das Signal, daß sich der langfristige Ausbau rechnet“, bilanziert Projektleiter Reif. In den letzten Jahren wurde das Projekt zudem deutlich redimensioniert.

Statt des ursprünglich veranschlagten Budgets von 800 Mio. € verschlingt der Ausbau mit Hilfe eines sogenannten ‚Target Investment Ansatz‘ jetzt nur noch rund die Hälfte. Dennoch gibt es noch weitere Unwägbarkeiten im Planungsprozeß. Bis 2012 müßte der Stauwehrbau erfolgt sein, um in den Genuß der EEG-Förderung zu kommen - und danach bis 2019 der Kraftwerksbau. Die Zeit drängt also. Im Sommer 2005 will der Aufsichtsrat das endgültige Placet für das rund 290 Mio. € teure Maschinenhaus erteilen. Von der Konzernspitze gibt es Rückendeckung. EnBW-Vorstand Utz Claassen hat sich mehrfach für das Projekt ausgesprochen. Ein Grund dafür, daß es auf der Baustelle auch heute schon einiges zu sehen gibt.

Derzeit werden gerade die Wehrschützen-Einbauten vorgenommen. Die erste Wehröffnung wird Ende diesen Jahres fertig sein. Der weitere Umbau erfolgt in insgesamt drei Etappen. Die nächste Etappe bis zum Jahre 2007 umfaßt weiter drei Wehrfelder und danach folgt das Maschinenhaus von 2007 bis 2012.

Lothar Lochmaier

Erschienen in Ausgabe: 05/2005