Im Osten geht die Sonne auf

Initiative Mit dem Spitzencluster ›Solarvalley Mitteldeutschland‹ wollen die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen den Ausbau der Photovoltaik (PV ) weiter forcieren. Problematisch sieht die investitionsintensive Branche die EEG -Novelle, die eine hohe Absenkung der Förderung vorsieht.

04. Juni 2008

»Die neuen Bundesländer sind das Herz der deutschen Solarproduktion und auch im internationalen Vergleich das Solarvalley«, freut sich Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft. Innerhalb weniger Jahre ist Ostdeutschland zum weltweit führenden Standort für Solartechnik aufgestiegen. 15 neue Solarfabriken entstehen derzeit dort und schaffen zahlreiche neue Arbeitsplätze. Allein in diesem Jahr werden über eine Milliarde Euro in den Ausbau der PV-Industrie investiert. Die Landesregierungen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wollen jetzt durch gemeinsame Aktivitäten die Solarindustrie weiter stärken. 25 Solarfirmen und zwölf Forschungseinrichtungen aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen haben ihre Potenziale in dem ›Cluster Solarvalley Mitteldeutschland‹ gebündelt und beabsichtigen so die Photovoltaik zur »bedeutendsten Energietechnologie dieses Jahrhunderts« auszubauen. Aus Sicht von Thüringens Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz hängt das weitere Wachstum der mitteldeutschen Solarwirtschaft in wachsendem Maße von der Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte ab: »Thüringen geht deshalb neue Wege bei der Ausbildung von Solarfachkräften: Wir errichten ein Kompetenzzentrum Solar und entwickeln spezielle Lernmodule für die Qualifizierung von Fachkräften.«

Für Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Dr. Reiner Haseloff sind »die Klimaziele, die Deutschland im nächsten Jahrzehnt erreichen will, im mitteldeutschen Raum bereits Realität«. Haseloff erwartet von der Novellierung des Erneuerbare- Energien-Gesetzes (EEG) einen ausgewogenen Kostenausgleich zwischen allen Bundesländern, der »die Wirtschaft zur weltmarktbestimmenden Technologieentwicklung stimuliert und zugleich die stärksten EEG-Regionen nicht weiter benachteiligt«. Um wettbewerbsfähig mit konventionellem Strom zu werden, braucht die PV für weitere Innovationen auch künftig die Unterstützung der Politik. Die drei Bundesländer sehen in den jüngsten Vorschlägen zur EEG-Novelle diese Zielstellung gefährdet, da diese darauf abzielen, die Solarstromförderung viel stärker abzubauen als ursprünglich geplant. Dazu Haseloff: »Es darf keine Sprünge in der Degression geben.« Deshalb fordern Politiker der drei Bundesländer die Parlamentarier auf, den Gesetzesentwurf nachzubessern. Eine Bedrohung sieht auch der BSW-Solar in den jüngsten Vorschlägen zur EEG-Novelle. Das Bundeskabinett hat vorgeschlagen, die geltende jährliche Absenkung der Solarstromförderung ab 2009 abrupt von 5 auf zeitweise über 9 % zu beschleunigen. Dazu der BSW-Geschäftsführer Körnig: »Der Bogen darf nicht überspannt werden. Um wettbewerbsfähig zu werden, braucht die junge Branche Spielraum für Innovation und Investitionen.« Man wisse, dass eine Degression der Föderung notwendig ist, fraglich sei nur die Höhe. Eine Kürzung von 5 % in 2009 erscheint durchaus realistisch, auch 7 % seien möglich.

Bei einer Kürzung von über 9 % fragt sich jedoch nicht nur Thüringens Wirtschaftsminister Reinholz: »Welche Branche schafft dies denn?« Das mitteldeutsche ›Solarvalley‹ belegt schon heute eine internationale Spitzenposition. Alle derzeit am Markt befindlichen PV-Technologien sind mit Produktionsstätten vertreten. Zu den Solarunternehmen, die sich in den vergangenen Jahren angesiedelt haben, gehört die Q-Cells AG. Seit 2001 verarbeitet das Unternehmen Wafer zu Solarzellen weiter. Die PV-Jahresproduktion von rund 390 MWp sichert dem Thalheimer Unternehmen den weltweiten Spitzenplatz vor der japanischen Sharp. Allein 2007 konnte Q-Cells seinen Umsatz um 50 % auf fast 860 Mio. € steigern. Dabei hat das Unternehmen längst nicht mehr nur den deutschen Markt im Fokus. Mehr als 60 % aller Solarzellen exportiert Q-Cells heute ins Ausland. Auch mit Beteiligungen ist das Unternehmen erfolgreich. So feierte die EverQ GmbH, ein Joint Venture zwischen Q-Cells, der Renewable Energy Corporation ASA und der Evegreen Solar Inc., Anfang März Richtfest für die mittlerweile dritte Fertigungsstätte am Standort Bitterfeld- Wolfen. Die EverQ setzt auf die Silizium sparende String-Ribbon-Technologie und produziert in einer voll integrierten Solarfabrik vom Silizium bis zum fertigen Solarmodul. Die Expansion des Unternehmens soll weitere 500 Arbeitsplätze in Thalheim schaffen. Das ambitionierte Ziel des rasant wachsenden Unternehmens ist, bis 2012 rund 600 MWp pro Jahr herzustellen. ´

Ab Mitte 2008 werden zudem mehrere Tochterfirmen und Beteiligungen am Standort Thalheim Solarmodule unter Verwendung verschiedener neuer Dünnschicht- Technologien produzieren. Auch in die Herstellung von Solar-Silizium – dem Grundstoff der Zellproduktion – steigt man im ›Cluster Solarvalley‹ ein. Anfang 2009 wird die PV Crystalox Solar plc. eine Anlage im Chemiepark Bitterfeld fertigstellen, die im ersten Jahr 900 t Silizium-Scheiben produzieren soll. Bei entsprechender Marktentwicklung will man die Kapazität ausdehnen. Der Solarboom breitet sich auch auf andere Landesteile aus, wofür die im Land ansässigen Glas- und Chemieunternehmen beste Voraussetzungen bieten. In Osterweddingen, vor den Toren der Landeshauptstadt Magdeburg, errichtet die Malibu GmbH & Co. KG, ein Gemeinschaftsunternehmen von Schüco International, einer der führenden Hersteller von Fenster- und Solarsystemen, sowie des Düsseldorfer Energieversorgers E.on, für rund 100 Mio. € ein Produktionswerk für Dünnschicht-Solarmodule für die Gebäudeintegration. Auch im Bereich Forschung wird einiges getan. Jüngstes Beispiel ist das im Aufbau befindliche Fraunhofer-Center für Silizium-Photovoltaik CSP in Halle.

Netzparität um 2015 erreicht

Die Initiatoren sind die Fraunhofer-Institute für Werkstoffmechanik IWM und für Solare Energiesysteme ISE. Das IWM bringt dabei sein Know-how auf dem Gebiet der Optimierung und Bewertung von Silizium-Prozesstechnologien und Modulintegration ein, das ISE seine Kompetenz in der Materialherstellung, Solarzellen- und Modulentwicklung und Charakterisierung. Aktuell wird das CSP mit 60 Mio. € durch Bund, Land und die EU (rund 75 % davon) gefördert. Momentan arbeitet man unter anderem daran, die Effizienz von Solarzellen durch den Einsatz spezieller Deckgläser und Rückseitenschichten zu steigern. Die PV-Industrie gilt als investitionsfreundlichste Branche der erneuerbaren Energien. Die Förderung des EEG hat es laut Eike R. Weber vom Fraunhofer ISE ermöglicht, dass Solarstom »zu kompetetiven Preisen in greifbare Nähe« gerückt sei. Experten rechnen um 2015 mit der sogenannten Grid-Parität mit anderen Energieträgern. Wirtschaftsminister Haseloff befürchtet, dass sich bei einer zu starken EEG-Absenkung der Zeitpunkt dieser Parität nach hinten verschiebt. Die Freude über jede Verzögerung wäre einseitig: nämlich auf der Seite der Asiaten. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 06/2008