Immer nur nach oben?

STROM Der Preis für Haushalte könnte bis 2013 auf über 22 ct/kWh klettern, sollten Steuern und Brennstoffpreise weiter steigen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Zudem geht der Prozess der Konsolidierung in der Branche weiter: Das Zeitalter der »Mega-Mega-Deals« soll eingeläutet sein.

30. April 2007

Die seit dem Start der Liberalisierung in Deutschland feststellbaren Entwicklungen sind kein Einzelfall. In ganz Europa lassen sich wiederkehrende Muster erkennen: Nach einem Sinken der Strompreise in den ersten Jahren der Liberalisierung steigen die Strompreise seit 2001 kontinuierlich an. »Von diesen Preissteigerungen sind Länder mit längerer Liberalisierungserfahrung wie Großbritannien und Skandinavien genauso betroffen wie Deutschland«, sagt Dr. Florian Haslauer, Mitglied der Geschäftsleitung von A.T. Kearney und Leiter der Studie ›Liberalisierung des deutschen Strommarktes: Wer profitiert, wer verliert?‹.

Geringe Wechselraten vor allem bei den Haushaltskunden und Probleme im Netzzugang sind außer in Großbritannien und Skandinavien in vielen europäischen Märkten auf der Tagesordnung. Entsprechend wird die Kritik an der Umsetzung der EU-Binnenmarktrichtlinie zur Energiemarktliberalisierung von Interessensverbänden und Politik immer lauter: Politiker fordern dirigistische Eingriffe in den Markt und die EU-Kommission legt weitgehende Vorschläge zur Intensivierung des Wettbewerbs beispielsweise durch Ownership Unbundling vor.

Haslauer rät, einen Schritt nach dem anderen zu gehen: »Der Bundesnetzagentur sollte die Zeit zugestanden werden, die Netzentgeltsenkung fortzusetzen. Hier sind mindestens drei weitere Jahre erforderlich, um eine erste echte Beurteilung vornehmen zu können«, betont er. »Die Netzentgeltsenkung sollte jedenfalls sehr viel schneller zum Ziel führen als das von vielen Politikern geforderte Ownership Unbundling - zudem ist empirisch nicht belegt, dass die eigentums-rechtliche Netzentflechtung auch tatsächlich zu mehr Wettbewerb führt.« Die Struktur der deutschen Stromwirtschaft mit einer Vielzahl von Netzbetreibern, lasse auch in der derzeitigen Regulierungsvariante Fortschritte in der Netzentgeltsenkung erwarten.

Die A.T. Kearney-Studie zeigt, dass die Länder in Europa, die schon seit längerem auf eine Regulierung setzen, die niedrigsten Netznutzungsentgelte aufweisen. So konnten etwa in Österreich und Großbritannien die Netznutzungsentgelte von 2001 bis 2006 um 28 beziehungsweise 32 % reduziert werden.

In Deutschland ist der Strompreis für die Verbraucher seit 1990 geringer als der Gesamtverbraucherpreisindex gestiegen. Seit 2001 steigt der Strompreis schneller als der Gesamtindex. 2006 lagen die Preise ohne Steuern für deutsche Industrieabnehmer mit 7,6 ct/kWh im EU-15- Durchschnitt (7,7 ct/kWh) und bei Haushalten mit 11,9 ct/kWh genau einen Cent über dem EU-15-Schnitt.

Der Strompreis ohne Steuern liegt 2006 immer noch knapp unter dem Niveau von 1998, dem Start der Liberalisierung. »In allen Ländern wurde die Energiemarktliberalisierung zur Erhöhung der Steuern und Abgaben genutzt«, betont Haslauer. In Deutschland sind diese neben Dänemark und den Niederlanden am höchsten und dienen nur zu einem geringen Teil der Förderung von alternativen Energien. Überwiegend fließen sie direkt in den Bundeshaushalt. So betrug die Stromrechnung in einem Durchschnittshaushalt im letzten Jahr 681 €. A.T. Kearney hat errechnet, dass davon 264 € auf Steuern und Abgaben entfielen, wovon wiederum 164 € direkt in die Staatskasse flossen. Durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer kommen noch einmal weitere 18 € hinzu.

Inklusive Steuern lag der Preis für private Haushalte im Jahr 2005 bei 18,7 ct/kWh. Aus der A.T. Kearney-Studie geht hervor, dass dieser bis zum Jahr 2013 auf 22,2 ct/kWh klettern könnte, sollten die Energiepreise und die Steuerbelastung weiter steigen. »Bleiben weitere Steuererhöhungen aus, wird sich der Strompreis in etwa auf dem heutigen Niveau einpendeln «, so die Erwartung der Experten.

Am Beginn der Liberalisierung zwischen 1998 und 2000 hätten die deutschen Energieversorger 16 % ihrer Stromerlöse eingebüßt - seither seien die Erlöse jedoch durch Preissteigerungen und Verbrauchswachstum wieder angestiegen. Zur Steigerung der Produktivität reduzierten sie zwischen 1995 und 2005 etwa 66.000 Arbeitsplätze - in diesem Jahr kommen etwa weitere 5.000 hinzu, das ergeben die Recherchen der Unternehmensberatung A.T. Kearney.

Kompensiert wird der Personalabbau in erster Linie durch Effizienzsteigerung und die Nutzung von Skaleneffekten. »Die Liberalisierung führt ganz klar zu einer Rationalisierung und Konsolidierung in der Branche«, sagt Experte Haslauer. Die Marktkonzentration sei signifikant gestiegen: Lag der Anteil der Big Five am europäischen Stromabsatz 1999 bei 58 %, waren es 2005 bereits 69 %.

»Das Zeitalter der Mega-Mega-Deals bei Käufen und Verkäufen in der Energiebranche ist eingeläutet«, so lautet auch das Fazit der Studie ›Power Deals - Annual Review 2006‹ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Die Veränderungen der politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen sorgten dafür, dass der Konsolidierungstrend weiter anhalten wird, heißt es dort.

Insgesamt haben laut PwC die Käufe und Verkäufe im Energieversorgungssektor 2006 ein Volumen von über 298 Mrd. US-Dollar erreicht, nach 196 Mrd. im Jahr zuvor. Das Transaktionsvolumen hätte sich im Vergleich zu den 43 Mrd. US-Dollar des Jahres 2003 innerhalb von nur drei Jahren nahezu versiebenfacht.

»Allein in Europa boten die Versorger über 190 Mrd. US-Dollar für andere Unternehmen, während sich die Offerten in den USA auf 54,5 Mrd. US-Dollar reduzierten. Großtransaktionen haben sich weiterhin von Nordamerika nach Europa verlagert«, so die PwC-Studie. Europa sei damit sowohl die größte Käufer- wie auch die größte Verkäuferregion.

NOCH NIE SO GROSSE FUSIONEN

»Das Jahr 2006 hat das Rekordjahr 2005 nicht nur beim Transaktionsvolumen noch einmal übertroffen. Nie zuvor hat es so viele und so große Fusionen gegeben wie 2006«, sagt Manfred Wiegand, Partner bei PwC und verantwortlich für die Sparte Global Utilities. Und dieser Trend werde sich fortsetzen: »Die Entwicklung an den internationalen Energiemärkten wird auch 2007 genügend Raum für weitere Konsolidierungen bieten «, prognostiziert der Energieexperte.

Die Strom- und Gasindustrie habe das Zeitalter der Mega-Deals schnell hinter sich gelassen und »2006 die Ära der Mega-Mega-Deals« erreicht. Hatte es laut PwC 2004 und 2005 je ein Gebot über der Marke von 20 Mrd. US-Dollar gegeben, waren es 2006 gleich vier. Schwerpunkt dieser außergewöhnlichen Entwicklung war Europa, wo die großen Versorger vor der Liberalisierung der Energiemärkte zum 1. Juli 2007 ihre Marktstellung ausbauen wollen.

»Auch wenn in Europa der Wettlauf um überregionale Marktanteile schon weit vorangeschritten ist, sind für 2007 weitere - auch große - Transaktionen nicht auszuschließen «, sagt Wiegand. Hintergrund: »Die großen Energiekonzerne haben ihre endgültigen Positionen im Markt noch nicht gefunden und streben nach wie vor nach Wachstum durch Zukäufe und Fusionen«, glaubt der Branchenkenner. Zudem zeigten sich die Rahmenbedingungen für eine hohe M& -Aktivität in der europäischen Energiebranche konstant: Finanzinvestoren und Infrastrukturfonds engagieren sich verstärkt.

EU-KRITERIEN PUSHEN WEITER

Auch eine aktuelle Untersuchung der Unternehmensberatung Bain & Company erwartet weitere europäische Fusionen. Bain & Company sieht als Treiber der Entwicklung insbesondere die EU-Forderung nach einem einheitlichen europäischen Binnenmarkt.

Wesentliche Kriterien der EU für einen funktionierenden Strom-Binnenmarkt - wie die Steigerung der Anzahl Lieferanten pro Land mit einem Marktanteil von über 5 % auf mehr als sechs Lieferanten, die Steigerung des Marktanteils ausländischer Lieferanten in einem nationalen Markt auf über 20 % oder die Reduktion des Marktanteils des jeweils größten nationalen Erzeugers auf unter 20 % - erforderten den zusätzlichen Markteintritt ausländischer Wettbewerber in den einzelnen, nationalen EU-Märkten, so die Prognose von Bain & Company.

»Dies dürfte, um genügendes Momentum zu erreichen, im Wesentlichen nur anorganisch durch Akquisitionen oder Fusionen unter Gleichen erfolgen können «, betont der Projektleiter der Studie Dr. Kim Petrick. »Als Treiber der Internationalisierung dürften sich vor allem die vier europäischen Großunternehmen E.on, EdF, RWE und Enel betätigen«, ist sich Dr. Petrick sicher. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 03/2007