Immun gegen Korrosion

Spezial

Leitungsbau - Trotz seiner leichten Verarbeitung ist Fiberglas im Kraftwerksbau noch nicht weit verbreitet. Erste Vorreiter gibt es etwa in Ingolstadt, Hameln und Voerde.

18. Mai 2009

»Der Werkstoff ist unempfindlich gegenüber Rauchgasen, Hitze, Chemie- und Kräfteeinwirkung. Das geringe Gewicht und die einfache Kürz- und Zuschneidbarkeit der Rohre führt zu besonders niedrigen Transport- und Montagekosten, die Preisvorteile mit sich bringen«, erläutert Alexander Bamberger, Inhaber des Rohrleitungsbauers Fiberpipe aus Stolberg, Rheinland.

»Die unterschiedlichen Produktionsverfahren und Verbindungsarten ermöglichen es, Fiberpipe-Rohre auf fast alle Anforderungen maßzuschneidern«, betont der Experte. Möglich sei ein erhebliches Temperaturspektrum von minus 150°C bis hin zu großer Hitzebeständigkeit. Hochtemperaturharze schaffen die Voraussetzung für Fiberglasrohre, durch die Rauchgase oder Flüssigkeiten mit bis zu 180°C strömen können. Druckfestigkeit und Chemiebeständigkeit der Leitungen gegen aggressive Stoffe aller Art passt der rheinländische Rohrhersteller flexibel mit Epoxid-Harzen an.

Im Vergleich zu anderen Werkstoffen schneiden die Rohre laut Bamberger fast immer als die mit Abstand wirtschaftlichste und günstigste Gesamtinvestition ab – »auch langfristig, denn der Glasfaser droht keine Korrosion, was den Werkstoff wesentlich haltbarer macht als andere«. Dabei sind die Glasfasern zudem zug- und druckfest.

Dennoch werden Energieversorger erst langsam auf den Werkstoff aufmerksam. »Die hohe Qualität und Leistungsfähigkeit von Glasfaserrohren ist in Deutschland häufig einfach noch unbekannt«, erklärt Bamberger.

Rohrsystemkompatibel

Die Herstellung von Sonderteilen gehört zum Tagesgeschäft des Herstellers: »Wir fertigen letztlich alles, was sich als Form bauen und mit Glasfaser umwickeln lässt«, resümiert Bamberger. Dabei liefert Fiberpipe neben dem Material auch die Montage und sämtliche ingenieurtechnischen Dienstleistungen.

Der Rohrleitungsbau ist jedoch ein kurzfristiges Geschäft. Die Rahmenbedingungen verändern sich schnell. »Aus diesem Grund haben die Rohre und Formstücke ISO-Abmessungen, das macht sie mit allen Rohrsystemen kompatibel«, sagt der Experte.

Am Firmensitz in Stolberg steht eine große Lager- und Fertigungshalle: Bis zu einer Nennweite von DN 300 bedient Fiberpipe von hier aus alle Anfragen direkt ab Lager und ist damit dicht am Markt.

Partnerunternehmen haben ihren Sitz beispielsweise in den USA und der Türkei. Fiberpipe ist von seinen Zulieferern unabhängig und nutzt diese flexibel und nach Bedarf, zum Beispiel in Singapur oder Saudi-Arabien. Vorteil der weltweiten Herstellung sind geringe Transportkosten zu den internationalen Projektstandorten, so Bamberger.

Zum Einsatz kommt der robuste Werkstoff beispielsweise im mit schwerem Heizöl betriebenen Kraftwerk Ingolstadt der E.on-Kraftwerke GmbH. Die Blöcke stellen eine Kapazität von je 386MW und werden vor allem zur Deckung der Spitzen- und Mittellast eingesetzt.

In den Kraftwerksblöcken sind von Zeit zu Zeit kurzfristige Arbeiten nötig. Sind in der Rauchgasentschwefelung unvorhergesehene Reparaturen durchzuführen, müssen diese in der Regel umgehend, bei laufendem Betrieb und nötigenfalls mit Schutzausrüstung ausgeführt werden.

Fiberpipe stellte hier den Reparaturservice mit vertraglich verabredeten Vorlaufzeiten von bis zu 24 Stunden. Vorteil ist neben der vollen Kompatibilität der verschiedenen Rohrsysteme die Einsetzbarkeit von Standard-Bauteilen für die Halterungen.

Dass die leichtgewichtigen Rohre zudem eine schnellere Montage und Verarbeitung zulassen, als dies bei herkömmlichen Rohrleitungssystemen möglich wäre, spart bei allen Arbeiten zusätzlich Zeit und Kosten, betont das Unternehmen.

Eine Müllverbrennungsanlage in Hameln ist ein weiteres Einsatzfeld der Fiberglasrohre. Im Zuge einer Kapazitätserweiterung erneuerten die Spezialisten bei der Anlage der Enertec Hameln binnen sechs Wochen den Kühlwasserkreislauf. Enertec wollte dem Stand der Technik entsprechend Rohrleitungen aus glasfaserverstärkten Kunststoffen einsetzen. Mit der Planung der Kapazitätserweiterung war ein externer Dienstleister betraut. Aufgrund der bestehenden Zusammenarbeit mit Enertec war Fiberpipe der erste Ansprechpartner für den Rohrleitungsbau.

Die Spezifikationen ergaben eine anspruchsvolle Druckfestigkeit von 4bar bei gleichzeitiger Ringsteifigkeit einer Nennweite von SN 10.000. »Diese Anforderungen konnten wir mit einem sandgefüllten, kreuzgewickelten Rohr lösen«, sagt Bamberger. Vorgegeben war eine geringe Umschlusszeit von wenigen Tagen. Um zeitaufwendige Laminatverbindungen zu vermeiden, konstruierte das Unternehmen daraufhin ein längskraftschlüssiges Rohrsystem mit Steckverschluss. Dies machte gleichzeitig die Ringsteifigkeit von der Druckstufe unabhängig.

Durch diese Innovation drückte Fiberpipe die Montagezeiten und -kosten um 80%. Die Dauer des Anlagenstillstandes reduzierte sich auf ein Minimum. Der Umschluss erfolgte planungsgemäß binnen fünf Tagen.

Aufgewärmtes Reingas

Für das Steinkohlekraftwerk der RWE Power in Ibbenbüren erstellte Fiberpipe Gasvorwärmer, die in der Rauchgasentschwefelungsanlage zum Einsatz kommen. Aus verfahrenstechnischer Sicht ist es sinnvoll, das Reingas aufzuwärmen. Durch die Gasvorwärme werden die Gasströme gegeneinander geführt, wobei das Rauchgas abkühlt und das Reingas aufwärmt. Die Verbrennungsluft aus dem Kessel sollte durch Rohre strömen, die bis zu 160°C temperaturbeständig sein müssen. Zu diesem Zweck erhielten die Glasfaserkomponenten eine 2,5mm starke Chemieschutzschicht.

Rohrleitungen on Demand stellten die Stolberger zudem der Evonik Steag am Standort Voerde zur Verfügung. Der Essener Stromerzeuger betreibt die Steinkohlekraftwerke ›West‹ und ›Voerde‹. In unregelmäßigen Abständen sind dort Reparaturmaterialien sowie Ersatzrohre vonnöten. Um von bestimmten Artikeln keine eigene Reserve vorhalten zu müssen, betraut die Betreibergesellschaft Fiberpipe mit einem 24-Stunden-Service. Das Rohrleitungsunternehmen fungiert für den Betreiber als verlängertes Lager.

Erschienen in Ausgabe: 05/2009