18. NOVEMBER 2018

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Kette voller Energie


Mit der Blockchain lässt sich vieles machen im Energiesektor. Sei es Prozessoptimierung, sei es dezentrale Versorgung. Aber die Regularien müssen es auch hergeben. Ein Überblick über Möglichkeiten, Herausforderungen und erste Projekte.

Welche Möglichkeiten die Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft bietet, sind Experten des Beratungsunternehmens PWC 2016 in einer Studie nachgegangen. Energiespektrum berichtete hier in der Ausgabe 10/2016  über die Erkenntnisse der Berater.


Blockchain ist eine Technologie für sogenannte Peer-to-Peer-Transaktionen. Jeder kann mit jedem in einem Netzwerk interagieren. Transaktionen werden dafür nicht mehr auf zentralen Datenbanken, sondern dezentral auf allen beteiligten Rechnern gespeichert.

Vielfältiger Einsatz

»Die Blockchain-Technologie ist vielversprechend«, heißt es im Fazit der Studie. »Neben der Nutzung für Energieliefertransaktionen lässt sie sich als Grundlage für Ablese- und Abrechnungsprozesse sowie Clearing einsetzen«, so die Autoren.


Auch bei der Dokumentation von Eigentumsverhältnissen, Anlagenzuständen, Herkunftsnachweisen, CO2- und Ökostromzertifikaten seien Einsatzmöglichkeiten denkbar.


So kann die Blockchain-Technologie Anwendungen bei der Bezahlung mit Kryptowährungen, Digitalisierung von Verträgen, Verwaltung digitaler Inhalte, Verifizierung von Transaktionen, Handel und diversen weiteren Bereichen finden.

Marktreife erst in einigen Jahren

Die Blockchain würde in der Energiewirtschaft vor allem für die Entwicklung eines dezentral gesteuerten Transaktions- und Energieliefersystems eingesetzt, sagen die Experten voraus.


Blockchain-Anwendungen setzen allerdings eine Neustrukturierung des Energiesektors voraus, sodass man davon ausgehen kann, dass die Marktreife frühestens in einigen Jahren erreicht wird, so Dr. Thorsten Deckers von NTT Security. Dies sei nicht zuletzt abhängig von der weiteren Entwicklung der regulatorischen Rahmenbedingungen, aber auch von der Energietechnik, wie er hier in einem Gastbeitrag in der Ausgabe 01/2018 erläutert.


Erst wenn Blockchain-Anwendungen Benutzerfreundlichkeit, Stabilität und Datenschutz garantieren könnten, würden sie bisherige Vermittler wirklich ersetzen können.


Eine wichtige Rolle spielt dabei die Validierung der neuen Blöcke in der Technologie, so Deckers. In offenen Blockchains erfolgt sie durch das Mining, für das ein Anreiz wie Bitcoins existieren muss, ohne den es für potenzielle Miner derzeit keinen Grund gäbe, den hohen Validierungsaufwand zu übernehmen.


"Ob also Peer-to-Peer-Netze in der Energieversorgung überhaupt funktionieren werden, hängt am Ende davon ab, dass hier geeignete Verfahren gefunden und implementiert werden", stellt er heraus.

Rechtliche Standards fehlen

Auch die bisherigen Rahmenbedingungen und rechtlichen Vorgaben reichen noch nicht aus, wie Deckers ausführt."Vor allem sind die rechtlichen Pflichten der Teilnehmer an einem dezentralen Markt zu klären."


Näher an konkreten Umsetzungen sei die Blockchain-Technologie bei den Energieunternehmen selbst. Unternehmen können mit geschlossenen Blockchains die Automatisierung vorantreiben, was zu geringeren Kosten und höherer Effizienz führt – beispielsweise bei Ablese- und Abrechnungsverfahren. Im Netzmanagement könnten wiederum Smart Contracts Angebot und Nachfrage von Energie regeln.


Auf Basis der Blockchain-Technologie ließen sich auch neue Geschäftsmodelle entwickeln, etwa bei der E-Mobilität. "Generell steht die Blockchain aber immer auch mit anderen Ansätzen in Konkurrenz, etwa mit klassischen Datenbanklösungen", so Deckers.

Einstieg, aber wie?

Bastian Wilkat, Digital Strategist bei BTC, verweist darauf, welche Anziehungskraft die Blockchain hat: So gründete sich etwa im Mai 2017 die Energy Web Foundation, um das Anwendungspotenzial der Blockchain zu erforschen. Und im Juni fanden sich 31 Teilnehmer zur Gründung des Bundesverbands Blockchain zusammen.


Wilkat empfiehlt allerdings, die Technologie „nicht blinden Auges zu adaptieren“. Der Experte hat für Unternehmen, die den Einstieg in die Blockchain frühzeitig angehen wollen, 10 Punkte zusammengestellt: Unter anderem gilt es klare Ziele zu definieren, sich Unterstützung und Know-how zu holen und die Anwendung in den Fokus zu setzen.


Energiespektrum berichtete hier  im Oktober 2017 darüber und stellte die zehn Punkte vor.


Anfang Januar 2018 haben sich auch im Edna-Bundesverband 26 Unternehmen in der Blockchain-Initiative Energie zusammengefunden. Da die Technologie nicht für jeden Anwendungsfall Vorteile gegenüber bestehenden  Technologien bietet, hat das Team Markt der Initiative im Mai 2018 einen Entscheidungsbaum veröffentlicht, mit dessen Hilfe untersucht werden kann, ob der Einsatz der Blockchain für einen bestimmtenAnwendungsfall sinnvoll ist oder nicht. Mehr dazu unter www.energiespektrum.de/180818.

Anfänge in der Praxis

Einige Energieversorger testen schon in Pilotprojekten den Umgang mit der neuen Technologie.


So haben im Mai 2017 verschiedene europäische Energieunternehmen die Enerchain-Initiative gegründet. Ziel der Unternehmen ist, einen dezentralen europäischen Marktplatz für den Energiehandel zu entwickeln. Beteiligt an der Initiative sind auch E.on und IT-Spezialist Ponton. Die beiden Partner haben den dezentralen Energie-Großhandel 2016 im E.on Future Lab getestet. Basis ist ein Peer-to-Peer-Netzwerk, dass von Ponton entwickelt wurde.

Wuppertaler Marktplatz

Für den regionalen Stromhandel ist in Wuppertal eine Online-Plattform an den Start gegangen, auf der sich Kunden der Wuppertaler Stadtwerke etwa Strom von Ökostrom aus der Solaranlage des Nachbarn, aus der Biogasanlage des örtlichen Bauernhofs oder aus dem Windrad eines lokalen Anbieters bestellen können. Das umgesetzte Modell basiert auf Basis der Blockchain-Technologie Elblox von Axpo.


Die Wuppertaler Stadtwerke sind Betreiber der Handelsplattform und übernehmen die energiewirtschaftliche Abwicklung. Energiespektrum berichtete im November 2017 hier über das Projekt.


„Mit Talmarkt ist für uns eine neue Marktrolle verbunden“, erklärt WSW-Vertriebsleiter Andreas Brinkmann. „Wir sind das Bindeglied zwischen Produzenten und Konsumenten und kümmern uns um die energiewirtschaftliche Abwicklung des Handels, die Abrechnung und stehen für die Ausfalllieferung gerade.“ Daher sind die WSW sowohl für die Anbieter, als auch für die Käufer Vertragspartner.

Speicher im Einsatz

Welche Möglichkeiten die Blockchain auch für netzdienliche Anwendungen bietet, untersucht ein Pilotprojekt von Übertragungsnetzbetreiber Tennet und Speicherunternehmen Sonnen. Die Blockchain-Technologie wird im Zusammenspiel mit vernetzten Heimspeichern zur Stabilisierung des Stromnetzes genutzt. Energiespektrum stellte das Pilotprojekt hier in einem Beitrag in der Ausgabe 01/2018 vor.


»Wenn sich die Technik bewährt hat, möchten wir in Zukunft für das Redispatch Hunderttausende kleiner Speicher einbinden und uns hierfür auch für weitere Partner öffnen«, sagt Ulrike Hörchens von Tennet.  »Im Gegensatz zu anderen Blockchain-Projekten im Energiesektor beschränken wir uns hier nicht auf Standard-Handelsaktionen, sondern setzen eine komplexe Netzdienstleistung um«, so Hörchens. Zudem sei dies das erste Mal, dass vernetzte Heimspeicher für das Redispatch und nicht für Regelleistung genutzt würden, wie beispielsweise in der Zusammenarbeit mit Caterva.

Laststeuerung in Ludwigshafen

Die Technischen Werke Ludwigshafen testen dagegen in einem Feldversuch in Ludwigshafen die Blockchain-Technologie für die dezentrale Laststeuerung  von Strom. Das Unternehmen simuliert 2018 hierfür eine autarke Stromgemeinschaft aus Verbrauchern und Produzenten. Energiespektrum berichtete im Februar 2018 hier auf seinen Webseiten über das Projekt.


Beim Projekt Lutricity werden freiwillige Teilnehmer aus dem Kreis der Verbraucher und Produzenten des öffentlichen Verteilnetzes sowie Speicher dezentral durch Smart Contracts auf der Blockchain gesteuert,so das Unternehmen.


Smart Contracts sind intelligente, automatisch ablaufende Verträge. Computercodes programmieren dabei Aktionen vor, die ohne menschliches Eingreifen automatisch ausgeführt werden, wenn die ebenfalls programmierten Bedingungen hierfür eintreten.

Datum:
24.05.2018
Bilder:
Bild: Sashkin/ fotolia.de

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