Sibirische Kraft für China

Erdgas– Russlands Gasmarktführer Gazprom startete in Ostsibirien den Bau der Megapipeline ›Kraft Sibiriens‹, um ab 2019 Gas nach China zu exportieren. Auch der heimische Kontrahent Rosneft möchte diese Gasleitung nutzen.

01. Oktober 2014

Wir starten das größte Bauprojekt der Welt«, sagte der russische Präsident Wladimir Putin im sibirischen Us Chatyn in der Teilrepublik Jakutien am 1. September. Projekt für Russland und China. Zum offiziellen Baustart der rund 4.000 km langen Gasleitung reiste aus China Vize-Ministerpräsident Zhang Gaoli an. Es sei geplant, mit den Bauarbeiten des Leitungsabschnitts auf seinem Territorium im ersten Halbjahr 2015 zu beginnen, erklärte er.

Im russischen Grenzort Blagoveshchensk soll dieser an Kraft Sibiriens angeschlossen werden, die nach Fertigstellung die ostsibirischen Gasfelder Tschajanda in Jakutien und Kowykta bei Irkutsk mit der bestehenden Gasleitung Sakhalin Chabarowsk-Wladiwostok am Pazifik verbindet. 2018 will Gazprom das Transportsystem in Betrieb nehmen, so dass es mit den regulären Lieferungen nach China 2019 losgehen kann. Chabarowsk ist rund 700 km vom geplanten russischchinesischen Leitungsknotenpunkt entfernt. Für Kraft Sibiriens ist im Endausbau eine Transportleistung von 61 Mrd. m3 Gas geplant.

Auch Rosneft-Präsident Igor Setschin rechnet sich mit Gazproms kommender Megapipeline Chancen aus. So machte er auf einer Sitzung zur strategischen Entwicklung des Brennstoff-Energie-Komplexes im Juni 2014 seinem Vertrauten Putin klar, dass in Ostsibirien und im Fernen Osten Russlands enorme Öl- und Gasvorkommen lagerten. Neben Gazprom hätten Erdölgesellschaften ernste Pläne, in der Region mehr Gas zu fördern. Die jährliche Gasförderung schätzten Experten hier auf 200 Mrd. m3 Gas im Jahr. »Dieses Gas müssen wir auf dem Markt verkaufen«, so Setschin. Wenn Öl- und Gasgesellschaften hier Zugang zu Gazproms Leitungssystem bekämen, ließen sich die Investitionen optimieren.

Daher bat er Putin, prüfen zu lassen, inwiefern unabhängige Produzenten Gas von Feldern im Osten Russlands exportieren können. Dass die Infrastruktur im östlichen Landesteil schwach entwickelt ist, machte Setschins Gasstrategin Wlada Rusakowa in einem Zeitungsinterview im August 2014 klar. Sie hatte der Rosneft-Präsident nach ihrem Ausscheiden aus Gazprom 2013 für sein Unternehmen gewinnen können.

Zugleich sprach sich Rusakowa für transparente Transportgebühren aus und klagte: »Momentan zahlen in der Tat die unabhängigen Produzenten die Transportausgaben von Gazprom.« Gasproduzenten müssten für den Transport an Gazprom höhere Gebühren zahlen als in Europa oder USA üblich. Wie wichtig der Zugang zu Kraft Sibiriens ist, begründete sie damit, dass Rosneft im Süden Ostsibiriens und in Jakutien über Gasvorräte von über 1.000 Mrd. m3 Gas verfüge.

Dagegen wehrt sich die Führung von Gazprom und wandte Ende Juni 2014 ein, dass Kraft Sibiriens aus eigenen Mitteln finanziert werde und für das Gas von Tschajanda und Kowykta vorgesehen sei. Mit insgesamt 2.700 Mrd. m3 Gas stellten diese Felder ausreichende Mengen zur Verfügung, um im Jahr 60 Mrd. m3 zu fördern.

Auch Lieferungen aus Westsibirien?

Die Kosten für die Verlegung von Kraft Sibiriens bezifferte Gazprom-Vorstandsvorsitzender Alexej Miller auf 55 Mrd. US-$. Im Mai hatte sein Unternehmen mit Chinas Nationaler Ölgesellschaft CNPC nach jahrelangen Diskussionen über den Preis für russisches Gas einen Liefervertrag mit dreißigjähriger Laufzeit geschlossen. Der Vertrag sieht jährliche Lieferungen in Höhe von 38 Mrd. m3 Gas über die Ostroute vor. Sein Gesamtwert liegt Gazprom zufolge bei 400 Mrd. US $. Konkrete Preise nannten die Beteiligten nicht.

Rechnerisch ergibt sich aus dem Vertragsvolumen ein Gaspreis von 350 US-$ je 1.000 m3 Gas. Seither sind auch Gaslieferungen von westsibirischen Gasfeldern nach China wieder verstärkt in den Fokus gerückt. So könnte bereits im November ein dementsprechender Vertrag abschlussbereit sein, erklärte Miller im Rahmen des feierlichen Baubeginns. Als mögliche Lieferoption gilt die Altai-Pipeline. Doch ist sie umstritten, weil die Topographie am betreffenden schmalen russisch chinesischen Grenzstreifen komplex ist, und die Leitung durch das Weltnaturerbe Goldene Berge des Altai führen soll. Daher laufen mit Nachbarländern Gespräche, um die Pipeline über Kasachstan oder die Mongolei nach Westchina zu verlegen.

Um die Pipelines quer durch ganz Russland miteinander zu verbinden, müssen von Kowykta aus noch rund 1.700 km Rohre westwärts verlegt werden. Steht die Verbindung, kann Gas aus West- und Nordsibirien nach China über Blagoveshchensk und zur Ostgrenze zum LNG-Werk auf der Pazifikinsel Sakhalin oder zum geplanten Werk bei Wladiwostok transportiert werden. Mitte September sprach Miller von den Vorteilen der westlichen Lieferroute, auf der bis zu 100 Mrd. m3 Gas exportiert werden könnten. Beim Gasgeschäft hinkt Rosneft hinterher, auch wenn inzwischen eine gesetzliche Erlaubnis für den Export von Flüssigerdgas LNG vorliegt.

Im letzten Jahr hatte sich Setschin für die Freigabe von LNG-Exporten eingesetzt. Nachdem die Duma die Korrekturen im Gasexportgesetz im Dezember durchgewunken hatte, folgte Mitte Juli 2014 der Regierungsbeschluss hierzu. Zusammen mit dem Partner Exxonmobil plant Rosneft, auf Sakhalin ein Werk zu errichten, das im Jahr 5 Mio. t LNG produzieren kann. Das LNG-Werk von Gazprom und seinen Miteignern Shell, Mitsui und Mitsubishi im Süden von Sakhalin produziert 10 Mio. t. Die Betreiber wollen es um eine Produktionslinie von 5 Mio. t erweitern und sind an dem Gas interessiert, das Rosneft mit Exxonmobil fördert.

Die russisch-amerikanische Allianz möchte es lieber im eigenen Werk verflüssigen und exportieren, da dies mehr Einnahmen verspricht. »Rosneft hat keinen Finanzengpass«, da man 2013 einen Rekordgewinn von 13,5 Mrd. US-$ erzielt habe, beteuerte Setschin im Interview eines deutschen Magazins auf die Frage, wieso sein Unternehmen um finanzielle Unterstützung durch den Staat gebeten habe. Dazu hält er das Urteil des Schiedsgerichts für Menschenrechte in Den Haag, das Russland 50 Mrd. US-$ Schadensersatz an ehemalige Eigner der zerschlagenen Ölgesellschaft Jukos auferlegt, für unberechtigt.

Das Gericht sei laut Energiecharta gar nicht zuständig. Sein Unternehmen habe Jukos-Anteile gekauft, »so wie das auch die italienischen Konzerne Enel und Eni getan haben oder Gazprom und andere.« Finanzhilfen aus dem nationalen Staatsfond habe die Regierung Rosneft in Aussicht gestellt, hieß es in Medienberichten.

Mit ihnen soll der Bau eines Petrokomplexes, die Erschließung von Ölvorkommen im Osten Russlands finanziert und zum Teil Kredite ausländischer Banken zum Kauf der russisch-britischen Erdölgesellschaft TNK-BP refinanziert werden. Wie das Sanktionen, die die EU im Zug der Ukrainekrise auch gegen Rosneft verhängt hat, entgegen wirkt, ist offen. Indessen bedeuten Exporte nach China für Setschin keine Abkehr von Europa, sondern lediglich Diversifizierung.

Erschienen in Ausgabe: 08/2014