Der Boom am Bosporus

Markt

Länderreport Teil 4 - Im letzten Teil unserer Serie über attraktive Märkte für Erneuerbare wenden wir uns der Türkei zu. Das Land an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident baut die Stromerzeugung aus. Die Zubauzahlen sind teilweise größer als die Planzahlen.

27. Oktober 2015

Die Türkei verfügt über ein riesiges natürliches und wirtschaftliches Potenzial für die Nutzung erneuerbarer Energiequellen und erfüllt alle Voraussetzungen für den Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen. Für den Einsatz von Sonne, Windkraft, Biomasse, Wasserkraft und Geothermie stehen die zugehörigen Technologien, Einrichtungen und Dienstleistungen bereit.

 

Wachstumsmotor Energiesektor

Im Sinne des Gesetzes zur Nutzung erneuerbarer Energien für die Erzeugung elektrischer Energie, veröffentlicht unter der Gesetzesnummer 5346, bietet das Land attraktive Rahmenbedingungen, die den Energiesektor zu einem Wachstumsmotor der Türkei werden lassen.

Mit dem Ziel, bis zum Jahr 2023 eine installierte Leistung von insgesamt 20.000MW Windenergie zu erreichen, den Einsatz von Wasserenergie zu maximieren und den EE-Anteil am Strom-Mix auf 30% zu erhöhen, hat die Türkei die Weichen für den Ausbau der erneuerbaren Energien gestellt. Erneuerbare Energiequellen tragen bereits 33,8% zum gesamten Strom-Mix der Türkei bei, wobei der Anteil an installierten Leistungen bei 41,4% liegt.

 

Sechs Prozent zuwachs jährlich

Schätzungen zufolge wird aufgrund des wirtschaftlichen Wachstums und des steigenden Pro-Kopf-Einkommens sowie der zügigen Urbanisierung des Landes die Energienachfrage bis 2023 um 6% pro Jahr zulegen.

Um den Mehrbedarf im Land zu befriedigen, soll die installierte Stromleistung von derzeit 72.000 MW auf 120.000MW im Jahr 2023 steigen. Im Rahmen der Liberalisierung des türkischen Energiemarktes kommt den privaten Anlegern dabei eine besondere Rolle zu.

Das am 20. Februar 2001 verabschiedete Gesetz mit der Gesetzesnummer 4628 brachte eine Liberalisierung des Energiemarktes auf den Weg, die in den folgenden Jahren die Attraktivität des Stromsektors für Investitionen steigern sollte. 21,2% der EE-Anlagen finanziert derzeit der Staat, 78,8% private Anleger. Der Primärenergieverbrauch der Türkei setzt sich zusammen aus 33% Erdöl, 28% Kohle, 29% Erdgas und 10% erneuerbaren Energien. Die Strompreise unterscheiden sich je nach Endverbraucher: Während das Preisniveau im Industriesegment bei netto circa 0,074€/kWh liegt, beträgt der Strompreis für Gewerbekunden und Privathaushalte netto circa 0,091€/kWh (Tarife der Regulierungsbehörde ab 1.7.2015).

Wasserkraft

Heute sind 537 Wasserkraftwerke mit einer installierten Gesamtleistung von 25.204MW in Betrieb. Diese erzeugen durchschnittlich 66.790 GWh/Jahr. Bis 2023 soll das Wasserkraftpotenzial von 36.000MW vollständig ausgeschöpft werden. Das theoretische Wasserkraftpotenzial der Türkei umfasst 16% des gesamten Potenzials in Europa. Langfristig sind verstärkte Investition in Solarkraftwerke und Geothermiekraftwerke zu erwarten.

 

Geothermie

Hinsichtlich ihres geothermischen Energiepotenzials steht die Türkei mit rund 1.000 Thermalquellen weltweit an fünfter Stelle. Laut der Forschungsanstalt für Elektrizität befinden sich 95 Prozent dieser geothermischen Felder mit circa 31.500MW in Westanatolien; sie sind für die lokale Erzeugung von Wärme sowie für den Wellnesstourismus geeignet.

 

Photovoltaik

Nach Spanien hat die Türkei das europaweit zweitgrößte Potenzial für Solarenergie. Mit einer durchschnittlichen Sonnenscheindauer von 2.737 Stunden im Jahr oder 7,5 Stunden am Tag ließen sich in der Türkei jährlich rund 1.527kWh pro m2 erzeugen. Das Gesetz für die Nutzung der Sonnenenergie soll den Ausbau der Solaranlagen in der Türkei beschleunigen. Bis 2023 soll die installierte Leistung der PV-Anlagen mindestens 3.000MW erreichen. Im Dezember 2014 wurden die ersten Vorlizenzen für den Bau von Solarkraftwerken in den Gebieten Erzurum, Elazig und Sirnak erteilt.

Wind

Das Windkraftpotenzial beläuft sich auf circa 48.000MW, wobei die genehmigte Gesamtleistung von Windparkprojekten derzeit bei 9.563 MW liegt. Hauptakteure der Energiewirtschaft in der Türkei sind EÜAS (Elektrik Üretim A.S.) und deren Beteiligungen (42,66%), BO-Werke (10,51%), freie Erzeuger (35,38%), Selbsterzeuger (5,72%), BOT-Werke (4,17%) und TOR-Werke (1,56%) für die Erzeugung sowie TEIAS (Türkiye Elektrik Iletim A.S.) für die Übertragung. TETAS (Türkiye Elektrik Ticaret ve Taahhüt A.S.) für den Verkauf staatlicher Strukturen ist mit der Privatisierung in den letzten Jahren zugrunde gegangen.

Im Jahr 2014 hat das Energieministerium 165 Kraftwerksprojekte mit einer Gesamtleistung von 8.663MW genehmigt. Dabei handelt es sich um 57 Wasserkraftwerke, 39 Windkraftwerke, 4 Geothermiekraftwerke, 19 Biomassekraftwerke und 46 Wärmekraftwerke.

 

Fördermechanismen

Als Förderinstrument finden in der Türkei Einspeisevergütungen Anwendung: Für einen Zeitraum von zehn Jahren sind feste Abnahmepreise für die verschiedenen Energiearten gesetzlich garantiert. In der Praxis verkaufen alle Stromerzeuger ihre elektrische Energie an das ›Marktfinanzausgleichszentrum‹, das den Energieankauf aufgrund der Versorgungslücke derzeit zu Höchstpreisen anbietet. Um die Entwicklung der einheimischen Produktionstechnologien zu fördern, werden unter der Bezeichnung ›Einheimischer Beitrag‹ fixe Prämien angeboten.

Der Energiemarkt in der Türkei bietet ein beträchtliches Wachstumspotenzial. Das Wachstum der Bevölkerung und des BIPs sowie der erwartete Rückgang der Inflationsrate bis zum Jahr 2017 von zurzeit etwa 9 auf 4,7% werden voraussichtlich zu einem Anstieg der Stromnachfrage um etwa 6% pro Jahr führen. Das Energieministerium schätzt, dass bis zum Jahr 2020 jährliche Investitionen in den Elektrizitätssektor von mindestens 3Bn$ notwendig sind, um die steigende Nachfrage zu decken.

 

Chancen durch Privatisierungen

Der Strategieplan des Energieministeriums legt als Ziel für das Jahr 2019 eine installierte Leistung von 10.000MW für Windkraft fest. Die Türkei bietet viele Chancen für Investitionen und im Rahmen der Privatisierungsprojekte auch Möglichkeiten, sich im türkischen Energiemarkt zu engagieren.

Zusammenfassend wird Investoren empfohlen, in den EE-Markt zu investieren, da die Türkei ein immenses Potenzial aufweist. Langfristig ist mit zunehmenden Investitionen in PV-Anlagen, CSP und Geothermiekraftwerke zu rechnen.

 

Hatice F. Özcan Sekil (Rödl & Partner)

 

 

Erschienen in Ausgabe: 09/2015