Bieterfieber für Ökostrom

Markt

Die neue Zeitrechnung ohne festgelegte Fördersätze im Erneuerbare-Energien-Gesetz schlägt Wellen. Nach Solarparks sind nun auch Windparks in der Ausschreibung. Der Bieterwettstreit drückt die Preise.

21. September 2017

Stadtwerke, Projektentwickler, Investoren und Ausrüster müssen seit diesem Jahr beim Bau von Windparks Ausschreibungsgebote einpreisen. Standards der alten Förderpraxis mit festen berechenbaren Einspeisetarifen sind passé. Für Solaranlagen auf der Freifläche gilt dies bereits seit 2015. Seither führt die Bundesnetzagentur hier jährlich drei Ausschreibungen durch. In den Jahren 2015 und 2016 schrieb sie in Summe über 900MW aus. In diesem Jahr sind es in drei Auktionsrunden insgesamt 600MW.

Mit dem neuen EEG 2017 kamen über 750kW starke Anlagen an und auf Gebäuden hinzu. »Die Preise gehen definitiv nach unten. Die Qualität rückt in den Hintergrund«, bringt Christoph Schmitt, Geschäftsführer vom Projektierer Solar-Konzept, seine Erfahrung auf den Punkt.

Sein Unternehmen erhielt in der dritten Auktionsrunde im Dezember 2015 für zwei Solarkraftwerke bei Zarrentin am Schaalsee in Westmecklenburg den Zuschlag. Die Förderhöhe beträgt acht Cent je Kilowattstunde und wurde nach dem höchsten Fördergebot, dem sogenannten uniform pricing ermittelt. Beide Parks mit einer Gesamtleistung von 16,4MW gingen Anfang Mai ans Netz.

Schmitt weiß, worauf es im Bieterwettstreit ankommt: »Durch den gestiegenen Preisdruck wird bei allen Projekten noch stärker auf die Wirtschaftlichkeit geachtet, unter anderem möglichst hohe Einstrahlung, günstige Pacht, gut geeigneter Boden, naher Netzanschluss.«

Die Zahlen der Bundesnetzagentur zu Gebotspreisen und Zuschlagswerten bestätigen den Abwärtstrend. Lag die Förderhöhe in der Pilotausschreibung im April 2015 im Schnitt noch bei 9,17 Cent je kWh, erreichte sie im Juni den Tiefstand von 5,66 Cent je kWh.

Gemeinsame Ausschreibungen

»Dieses Auktionsergebnis ist ein weiterer Beleg für das ausgezeichnete Preis-Leistungs-Verhältnis der Photovoltaik. Es gibt keinen Grund mehr, den Photovoltaik-Ausbau weiter zu deckeln«, schließt hieraus Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer vom Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar). Im Kraftwerksmaßstab erzeugter Solarstrom habe inzwischen in Deutschland die Erzeugungskosten von Strom aus neu errichteten fossil befeuerten Kraftwerken unterschritten. Das jährliche Auktionsvolumen müsse deutlich erhöht werden, um Klimaschutzziele einzulösen und den wachsenden Ökostrombedarf für Strom, Wärme und Mobilität zu decken.

Für nicht zielführend hält Körnig wie auch seine Kollegen beim Bundesverband Windenergie BWE gemeinsame Ausschreibungen für Solar- und Windkraft an Land, wie es das EEG 2017 vorsieht. Wissenschaftler würden ein Verhältnis von eins zu eins bei der installierten Leistung der beiden Technologien empfehlen. Beide Branchenverbände fordern daher, »faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, die einen ausgewogenen Mix erneuerbarer Energien sicherstellen. Sinnvoller wäre es, ergänzend zu technologiespezifischen Ausschreibungen die Kombination verschiedener EE-Technologien auf geeignete Weise anzureizen.«

Der deutsche Bundestag winkte dennoch noch Ende Juni vor seiner Sommerpause die Mantelverordnung durch, die technologieübergreifende Ausschreibungen für Solarenergie- und Windenergieanlagen einschließt. Sie sollen für eine Pilotphase von drei Jahren (2018–2020) eingeführt und in der Praxis erprobt werden. Das Ausschreibungsvolumen umfasst insgesamt 400MW installierte Leistung pro Jahr.

Auswirkung auf Wirtschaftlichkeit

Dazu beklagte der BSW im Mai, dass Bürger und Energiegenossenschaften in Ausschreibungen gegenüber professionellen Investoren mit entsprechenden Portfolio-Vorteilen das Nachsehen hätten. Anders sah es in der ersten Auktionsrunde für Onshore-Windenergie aus. Anfang Mai räumten Bürgerwindparks weit über 90 Prozent die Zuschläge ab. Ihr Vorteil gegenüber anderen Bietern ist, dass sie keine Baugenehmigung laut Bundesemmissionsgesetz benötigen und die Projekte innerhalb einer längeren Bauzeit umgesetzt werden dürfen.

»Das ist ein Weckruf für die Windenergiebranche. Das Ausschreibungsverfahren hat den Preisdruck auch im Onshore-Bereich massiv erhöht«, sagt Dr. Klaus Bader, Head of Energy Europe von Norton Rose Fulbright zu den Ergebnissen. Im Rahmen einer Studie befragten er und seine Kollegen im Vorfeld der Ausschreibung Projektentwickler, Investoren und Hersteller. Nur sehr wenige hätten einen Preis unter sechs Cent für die erste Ausschreibungsrunde erwartet.

»Das Niveau von 5,71 Cent je kWh verglichen mit dem bisherigen Preis von 8,03 Cent je kWh hat gewaltige Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit von Windparks. Die Projekte werden nur rentabel zu realisieren sein, wenn die Projektentwickler und Windturbinenhersteller neue Strategien zur Preissenkung in die Wege leiten«, so Bader. Er rechnet vor, dass bei einer unterstellten Renditeforderung des Investors von rund fünf Prozent der Gesamtkaufpreis eines typischen Windparks um rund ein Drittel sinken müsse. Deswegen erwartet er eine Konsolidierung auf dem Windenergiemarkt. Die Marktteilnehmer setzten verstärkt auf strategische Beteiligungen und angepasste Finanzierungsstrategien.

Einkauf der Stadtwerke

Einige Stadtwerke reagierten bereits. Demnach übernahm Anfang Mai die Thüga-Tochter Thüga Erneuerbare Energien THEE die Wind-Projektentwicklungsgesellschaft Wiebe Wind in Hamburg. Wiebe Wind war eine Tochtergesellschaft der H.F. Wiebe GmbH & Co. KG. Die Übernahme sei eine perfekte Ergänzung für die THEE, sagt Geschäftsführer Thomas Walther. »Wir können jetzt den gesamten Entwicklungsprozess im eigenen Haus abbilden. Das ist effizient, kostengünstig und sichert unsere Wettbewerbsfähigkeit in den kommenden Ausschreibungsrunden.«

Die Stadtwerke München (SWM) sind seit Februar beim Berliner Projektierer Unlimited Energy zu 49 Prozent beteiligt. Gemeinsam wollen die Unternehmen Windkraftprojekte an Land entwickeln und an kommenden Ausschreibungen teilnehmen. Die SWM erwarten mit Tarifen unterhalb der aktuellen Einspeisevergütungen ein insgesamt steigendes Entwicklungsrisiko und eine tendenziell schlechtere Wirtschaftlichkeit der Projekte. MVV Energie hat die zwei Projektierer Windwärts und Juwi unter seinem Dach, die den Mannheimern beim Ausbau der erneuerbaren Energien auf die Sprünge helfen sollen.

Die Konzerntochter EWE Erneuerbare Energien kaufte im Juli den Hannoverschen Windprojektierer Turbowind, nachdem zuvor das Tochterunternehmen Swb Crea sämtliche Anteile der Gewi regenerative Energien übernommen hatte. Die Leistungen dieses Projektierers reichen von der Flächensicherung, der Planung und Entwicklung, der Errichtung bis zum Betrieb von Windparks.

»Eine Schlüsselfrage ist die Flächensicherung, die mit ortsansässigen Projektierern sich besser bewerkstelligen lässt«, erläutert Alwin Schlörmann, Geschäftsführer von EWE Erneuerbare Energien.

Sein Unternehmen bewertet derzeit die Auktionsergebnisse und steht für eine der nächsten Runden in den Startlöchern. Wie Bader in seiner Studie sieht Schlörmann den Kostendruck auf allen Wertschöpfungsstufen durch Ausschreibungen, wovon über 80 Prozent auf die Windenergieanlagen entfielen. Flächenpachten dürften da nicht ins Kraut schießen.

Zweite Runde stark überzeichnet

Auch die zweite Ausschreibungsrunde im August für Windparks an Land ging zu 95 Prozent an Bürgerenergiegesellschaften und war von einer hohen Überzeichnung geprägt. Sie bestätigt den Trend der ersten Runde. Der Zuschlagswert sank weiter auf 4,29 Cent je kWh im Schnitt. Sprach BWE-Präsident Hermann Albers bei der ersten Runde unter dem Strich von einem formal gelungenen Start, befürchtet der Verband jetzt eine wachsende Unsicherheit, dass der Zubaukorridor in den Jahren nach 2018 zeitlich und hinsichtlich des Volumens nicht erreicht werden kann.

»Zulieferer und Hersteller, aber auch Baunebengewerbe, Logistik und Projektierer setzt diese Unsicherheit stark unter Druck«, heißt es beim BWE. Deswegen fordert BWE-Präsident Albers jetzt, dass schon ab nächster Ausschreibungsrunde die Baugenehmigung laut Bundesemissionsgesetz und die 24- plus sechsmonatige Bauzeit für alle Windparks und somit auch für die Bürgerwindparks als Teilnahmevoraussetzung gelten soll.

Synergien für die Nullrunde

Unbehagen lösten im April beim BWE und unter Branchenvertretern der erneuerbaren Energien die Ergebnisse der ersten Ausschreibung für Windenergie auf See aus. Hier gaben der dänische Energiekonzern Dong Energy und der Baden-Württemberger Energieversorger EnBW für geplante Windparks Gebote in Höhe von null Cent je kWh ab. Die Rede war von Spekulationen auf künftig steigende Börsenstrompreise. Albers forderte faire Leitplanken.

EnBW selbst ist von seiner Gesamtkompetenz als Projektierer, Errichter, Betreiber und starker Partner der Turbinenhersteller überzeugt. So sorgte die Projektgröße von He Dreiht, das mit 900 MW mit weitem Abstand größte Einzelprojekt, im Bieterwettbewerb für Skalenvorteile und Fixkostendegressionen, ließ EnBW auf Nachfrage wissen. Dazu ließen die laufenden Projekte Hohe See und Albatros in der Nachbarschaft Synergien zu. Dies beträfen zum Beispiel Betriebsführung, maritime Logistik und Service. Alles könne mit einer Leitwarte bewerkstelligt werden. Außerdem biete der Fertigstellungstermin bis 2022 Raum, »den technologischen Fortschritt und die Marktentwicklung der nächsten Jahre voll mitzunehmen«.

Blick aufs Ausland

In den Solarausschreibungen ist EnBW von Anfang an dabei und hat den Zuschlag für neun Projekte erhalten. In Sachen Onshore-Wind analysieren die Baden-Württemberger wie andere Interessenten in der Branche aktuell die Auktionsergebnisse.

Bader wies zugleich darauf hin, dass »viele Investoren und Entwickler verstärkt im Ausland investieren, hier stehen insbesondere die USA und Kanada im Fokus«. Nach dem Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen von Paris dürfte jedoch eine gewisse Katerstimmung herrschen, sodass die Attraktivität von Ausschreibungen steigt. Die hohe Überzeichnung spricht klar dafür.

Josephine Bollinger-Kanne

Erschienen in Ausgabe: 08/2017