Industrie sieht Potenziale

STUDIE - Contracting nimmt als Alternative zu Bankkrediten und Investitionen über Eigenmittel an Attraktivität zu, wenn Energiekosten gesenkt werden sollen. Im Fokus der Kunden steht dabei die Reduzierung der Stromverbräuche.

19. April 2006

Um am internationalen Markt weiterhin wettbewerbsfähig zu sein, müssen deutsche Industrieunternehmen ihre Energie effizienter nutzen. Den meisten fehlt jedoch die Liquidität für notwendige Modernisierungsmaßnahmen bzw. die Ressourcen, beim Energiesparen konsequent zu agieren. Einspar-Contracting etabliert sich als brauchbare Lösung, die Energieversorgungsanlagen ohne eigene Investitionen zu erneuern und die Verantwortung an einen Dienstleister zu delegieren.

Dies ist das zentrale Ergebnis einer Untersuchung, die das Institut für Unternehmensberatung e. V. an der TU Hamburg-Harburg in Kooperation mit der Vattenfall Europe Contracting jetzt erstellt hat. Die Wirtschaftsingenieure untersuchten den Contracting-Markt mit dem Fokus auf Kundenanforderungen und nachfrageseitige Strukturen. Sie zeigen mit ihrer Studie Trends beim Energiesparen für Unternehmen.

Unter der Leitung von Prof. Dr. Gerd Bornmüller wurden insgesamt fünfzig kleine, mittlere und große Unternehmen aus dem Fahrzeugbau, der Papierherstellung, der Nahrungs- und Genussmittel-Industrie sowie aus dem Glasgewerbe befragt. Die Stichprobe fokussierte Firmen aus dem industriellen Sektor.

In der ersten Untersuchungsphase wurden die Teilnehmer mittels standardisiertem Erhebungsbogen befragt, in der zweiten Phase per Telefoninterview. Die Gesprächspartner entstammten hauptsächlich leitenden Positionen aus der Geschäfts- und Betriebsleitung sowie aus Einkauf und Technik. Um die Frage nach den Anforderungen potenzieller Contracting-Kunden möglichst detailliert beantworten zu können, wurden vier Aspekte untersucht: die Bedarfsstruktur an Nutzenergien, die Leistungsanforderungen der Auftraggeber, die Bedeutung konkreter Contracting-Vorteile für Kunden sowie das Contracting-Verständnis der Industrieunternehmen.

Die Analyse des industriellen Bedarfs an Nutzenergien zeigt, dass Unternehmen Contractoren vor allem dann einschalten würden, wenn es um die Reduzierung der Stromverbräuche geht. Energie-Dienstleistungen werden aber auch für die Reduzierung von Dampf, Luft, technischen Gasen, Wärme oder Kälte als notwendig betrachtet.

Laut Untersuchung erkennt die Papierindustrie ihre Energieeinsparmöglichkeiten neben Strom hauptsächlich bei Dampf. Mehr als die Hälfte der Papierhersteller sieht zudem einen hohen Einsparbedarf bei Wärme und Wasser.

Branchenunterschiede

Die Fahrzeug- und Maschinenbauer dagegen schätzen ihre Einsparressourcen von Strom, Wasser, Kälte und Reststoffentsorgung ungefähr gleich ein. Mehr als ein Drittel der Auto- und Maschinenhersteller beurteilt die Rolle dieser Medien beim Energie-Contracting als wichtig. Indessen erkennen die Glas- und Keramikhersteller ihr Einspar-Potenzial neben Strom vor allem bei Wärme.

Über 30 % der Interviewpartner aus diesem Segment sehen hier eine hohe Notwendigkeit, einzusparen. Aber auch der Verbrauch von Luft, technischen Gasen und Wasser wird in der Keramik- und Glasbranche von einem Fünftel der Befragten als zu hoch beurteilt.

Die Nahrungs- und Genussmittelproduzenten dagegen sehen keine großen Unterschiede beim Einsparpotenzial unterschiedlicher Medien. Wie die anderen Industriezweige auch, bewertet die Lebensmittelbranche Strom als wichtigsten Energieträger, wenn es um die Reduzierung von Betriebskosten geht. Allerdings wird hier der Bedarf für Contracting auch für Dampf, Luft, technische Gase, Wärme und Kälte von circa zwei Dritteln als hoch betrachtet.

Gefragt nach den Leistungen, die Industrieunternehmen von Contracting-Dienstleistern fordern, zeigt die Analyse, dass wirtschaftlicher Sachverstand der ausschlaggebende Faktor ist, wenn sich Unternehmen für einen Contractor entscheiden. Für 73 % der Befragten hat diese Kompetenz eine sehr hohe und für 24 % eine hohe Bedeutung. Auffällig ist, dass neben ökonomischer, technischer und rechtlicher Expertise vor allem die Referenzen des Anbieters eine maßgeb­liche Anforderung darstellen.

Ebenfalls wünschen Kunden Innovationskraft. Rund 68 % der Befragten beurteilen Kompetenzen im Bereich Forschung und Entwicklung als bedeutend oder sehr bedeutend. Dagegen sagen nur 9 % der Industrieunternehmen, dass die Bevorzugung alternativer Energien für sie eine hohe Anforderung darstellt. Ebenso spielt die räumliche Nähe zum Contractor für größere Unternehmen keine Rolle.

Um Anforderungen von potenziellen Contractingnehmern differenziert einschätzen zu können, wurde auch untersucht, welche Teilaspekte von Contracting für Unternehmen in Zukunft am meisten von Bedeutung sind. Zwei Drittel der Befragten sehen in den Kosteneinsparungen einen hohen bzw. sehr hohen Nutzen. Den zweitwichtigsten Vorteil sehen die Befragten darin, dass Contractoren die Finanzierung übernehmen.

Die Bewertung der Aspekte Instandhaltung und Betrieb fällt sehr unterschiedlich aus. 53 % beurteilen die Unterhaltung der technischen Einrichtungen als Vorteil des Contracting. Aber nur 10 % halten die Wartung der Anlagen für bedeutend. Ähnlich differenziert sieht die Industrie die Vorzüge des Betriebs. Die Analyse zeigt, dass die Effizienzsteigerung für die Firmen wichtiger ist als die Abgabe des Risikos an die Dienstleister. Insgesamt am niedrigsten wird der Nutzen der Planung eingestuft, die das Contracting-Unternehmen übernimmt.

Die Studie hat des Weiteren gezeigt, dass Contracting zwar in rund 10 % der Unternehmen noch unbekannt ist, die Mehrheit der befragten Entscheider aber eine sehr profunde Auffassung von diesem Energieeinsparmodell hat.

Die Mehrheit der Befragten (51 %) versteht Contracting als Finanzierungsmodell, wobei zwei Drittel davon zusätzlich die Abgabe von Verantwortung schätzt und Contracting als ein ‚Rundum-Sorglos-Paket’ versteht. Die Befragten gaben in Interviews außerdem an, keine Bedenken hinsichtlich eines fehlenden Mitspracherechts zu haben. Keiner der Gesprächspartner sah Contracting als Betreibermodell, in dem Contractingnehmer nicht mitentscheiden können.

Zusammenfassend betrachtet, zeigt die Untersuchung einen Trend auf: Contracting nimmt als Alternative zu Bankkrediten und Investitionen über Eigenmittel an Attraktivität zu, wenn Energiekosten reduziert werden sollen. Die Anziehungskraft von Einspar-Contracting liegt für potenzielle Dienstleistungsnehmer vor allem in der kostengünstigen Erneuerung der Energieversorgungsanlagen, die allein über die Investitionen des Contractors geleistet wird.

Differenziertes Bild

Unter dem Begriff Contracting verstehen nicht alle das Gleiche. Das zeigte auch die Studie: 32 % der Befragten verbinden damit ein Rundum-Sorglos-Paket, 36 % ein Betreibermodell mit Mitsprache und nur 21 % verstanden da­runter ein Finanzierungsmodell. Für 11 % der Befragten war Contracting kein Begriff.

Erschienen in Ausgabe: 04/2006