Interaktives Training auf dem Parkett

Management/Energiehandel

Schulung - Man muss erst einen Tag in den Schuhen eines anderen gelaufen sein, um ihn zu verstehen. So lautet in etwa sinngemäß ein altes Sprichwort. Nach diesem Prinzip arbeitet auch ein Programm, das den Energiehandel simuliert. Im Fokus stehen unter anderem Kraftwerksmitarbeiter.

05. Oktober 2009

»Ich habe das erste Mal den Kraftwerksausfall auf dem Trading Floor erlebt«, sagt Frank Wolmerath. Er arbeitet seit 13 Jahren als Schichtführer, momentan im Statkraft-Kraftwerk Knapsack. »Ein unglaubliches Gefühl für jemanden wie mich, der das Kraftwerk wie seine eigene Tasche kennt und plötzlich kommerzielle Verantwortung für die Vermarktung seiner Kapazitäten übernimmt.«

Anfang August hat er zusammen mit Kollegen sowie Mitarbeitern des Kraftwerkes Emden an einem Workshop von Marlin zum Energiehandel teilgenommen. Dabei nutzten sie erstmals in Deutschland eine neue computergestützte Echtzeit-Simulation des Börsengeschehens. Für einen Tag sind sie in die Rolle der Händler geschlüpft und steuerten den Betrieb eines virtuellen Kraftwerks.

»Mit den sich ständig verändernden Rahmenbedingungen und der fehlen-den Markttransparenz wird das Engagement an Energiehandelsplätzen zurzeit für viele Unternehmen zu einem richtigen Kraftakt«, sagt George McKenzie, geschäftsführender Gesellschafter des Softwareanbieters Marlin. Das englische Unternehmen entwickelt unter anderem Simulationen für den Energiesektor, bietet Beratung und Training an.

»Trotz aller Erschwernisse steht es aber für die meisten Unternehmen in Deutschland außer Frage, dass der Energiehandel und besonders der kurzfristige Handel am Spotmarkt für dessen Zukunft von vitaler Bedeutung sind«, führt er weiter aus. »Die Anzahl der Handelsteilnehmer an der EEX wächst kontinuierlich auch in Zeiten der Finanzkrise.«

Keiner weiß, welcher Energieträger und welche Technologie demnächst die wirtschaftlichste Option darstellen wird. »Nur Wenige verstehen die Besonderheiten der einzelnen Energieerzeugungsarten und sind sich im Klaren, dass wir in Zukunft ein zuverlässiges Erzeugungsportofolio für jedes mögliche Szenario brauchen.«

Fakt ist: Die Gesetzgebung zieht die erneuerbaren Energien den traditionellen fossilen Brennstoffen vor. Fakt ist ebenfalls, dass die Einbindung der erneuerbaren Energien in die Stromversorgung die Energieunternehmen vor immense Herausforderungen stellt: stochastische Einspeisung mit der Folge eines erhöhten Regel- und Ausgleichsenergiebedarfs, Kalkulations- und Kostenrisiken im Energievertrieb aufgrund von Prognoseabweichungen und mangelhafter Transparenz.

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen Kraftwerke ihre Fahrpläne lange im Voraus kannten. Die Flexibilität in der Energieerzeugung und der Fokus auf den kurzfristigen Energiehandel sind heute wichtiger denn je. »Plötzliche Marktveränderungen bergen viele Risiken, aber bringen auch viele Chancen mit sich«, erklärt McKenzie. »Ein Wetterumschwung kann beispielsweise ideale Voraussetzungen für die kurzfristige Portofolio-Optimierung schaffen.«

Auf dem sich schnell wandelnden Energiemarkt ist ein erhöhtes kommerzielles Bewusstsein bei allen Mitarbeitern und Fachspezialisten der Energieindustrie erforderlich. Solide Marktkenntnisse und die Fähigkeit auf unerwartete Marktveränderungen schnell zu reagieren sind schon jetzt gefragte Kompetenzen, werden aber in Zukunft noch essenzieller.

Dabei spielt das Kraftwerkspersonal eine wichtige Rolle, wenn es um den Unternehmenserfolg am Energiemarkt geht. Mangelndes Verständnis der komplexen Marktstrukturen führe oft zu Missverständnissen und Fehlern, die hohe Kosten verursachen können, sagt der Chef des Software-Unternehmens. »An eigener Haut erlebte ich die Spannung und die Verwirrung zwischen Energiehandelsabteilungen und Kraftwerken.«

McKenzie wollte eine Möglichkeit finden, den Kraftwerksmitarbeitern nicht nur relevante Inhalte zu vermitteln, sondern ihnen den Alltag eines Energiehändlers näher zu bringen. Dabei wurde ihm klar, dass man die Dynamik der Energiehandelsplätze selbst erleben muss, um das ganze Spektrum des Energiehandels begreifen zu können.

Reale Rahmenbedingungen

»So entstand die Idee des computergestützten Echtzeit-Marktsimulators«, erzählt er. »Unsere Trainingsplattform ist nichts anderes als ein interaktives Erlebnis mit allen Höhen und Tiefen, dem Zeitdruck und realen Rahmenbedingungen, unter denen der Energiehandel an den Handelsplätzen abläuft.«

Mittels des Marktsimulators werden die Teilnehmer der Workshops aktiv in die vielschichtigen und voneinander abhängigen Abläufe eingebunden. Dazu gehören auch unvorhersehbare Ereignisse, wie ein Kraftwerksausfall. So erfahren die ›Energiehändler‹ finanzwirtschaftliche Auswirkungen ihrer Entscheidungen am eigenen Leib.

Nach dem erfolgreichen Start in England begann das Unternehmen, auch andere Märkte zu simulieren und als eine Trainingsplattform anzubieten. Zuerst im niederländischen Markt und danach im deutschen.

»Der deutsche Markt spielt eine Schlüsselrolle in Europa. Durch die enge Vernetzung mit anderen Märkten beeinflusst er das Geschehen auf dem europäischen Energiemarkt sehr stark«, so der ehemalige Energiehändler und heutige Schulungs-Experte. Mit Statkraft Markets habe man einen erfahrenen Marktteilnehmer als Partner für das deutsche Projekt gefunden.

Bei der Auftakt-Veranstaltung in Düsseldorf war dann auch Frank Wolmerath dabei. Der Schichtführer aus dem Kraftwerk in Knapsack agierte am deutschen Day-Ahead-, Intraday- und Day-After-Markt, erstellte Preisprognosen, nahm an Auktionen und Ausschreibungen für Strom teil und führte börsliche und außerbörsliche Transaktionen durch natürlich in simulierter Form.

»Die Simulation verläuft nicht nur in Echtzeit, sondern benutzt auch realitätsnahe Tools«, erläutert McKenzie. Wenn die Nutzer beispielsweise Fahrpläne erstellen, sehen sie auf ihren Bildschirmen alle relevanten Details, auf die auch Energiehändler in ihrem täglichen Arbeitsablauf zurückgreifen.

»Wir legen Wert darauf, dass während der Simulation unterschiedliche Marktsituationen erlebt werden können. Deshalb läuft das Programm szenariobasiert ab.« Jedes Szenario dauert circa 40 Minuten. In Zweiergruppen durchlaufen die Teilnehmer sechs computergestützte Simulationen und eignen sich dabei schrittweise das Spezialwissen über den Energiemarkt an. Jedes Szenario baut auf dem vorherigen Szenario auf. Im Laufe des Tages werden die simulierten Abläufe immer komplexer.

Als erstes lernten die Kraftwerksmitarbeiter aus Knapsack und Emden die Grundprinzipien der Prozesse und lösten die Aufgaben unter Anleitung des Trainers. Danach mussten Frank Wolmerath und sein Partner selbstständig weitere Szenarien bearbeiten. Sie konnten mit unterschiedlichen Strategien experimentieren und auf Marktveränderungen reagieren.

»Der erhöhte Lerneffekt unseres Trainingskonzepts wird dadurch erzielt, dass Ideen und Strategien sofort auf ihre Praxistauglichkeit geprüft werden können«, führt McKenzie aus. »Wird eine Entscheidung getroffen, sieht man in kürzester Zeit ihre finanziellen Auswirkungen. Diese werden ständig aktualisiert und in einer Gewinn-Verlust-Spalte angezeigt.« Das letzte Szenario war ein Wettbewerb zwischen den Beteiligten. »Zu diesem Zeitpunkt merkt man die Spannung in der Luft und das Arbeitsklima kommt an die Atmosphäre eines Börsenparketts sehr nah heran.«

Keine Vorkenntnisse nötig

Der Mix aus Theorie und interaktiven Echzeitsimulationen sei eine ausgesprochen effektive und motivierende Trainingsmethode. Innerhalb eines Tages gelinge es dem Unternehmen die Materie zu vermitteln, für die unter klassischen Lernbedingungen mehrere Tage oder Wochen erforderlich wären.

Die Workshops werden mit mindestens 10 und maximal 16 Teilnehmern durchgeführt. Für die Teilnahme sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Der Software-Anbieter hat die Simulationen zusammen mit großen europäischen Marktteilnehmern entwickelt. Durch engen Kontakt mit Partnerunternehmen würden sie ständiger Aktualisierung unterliegen.

»Mit unserer Idee des interaktiven Trainings mittels einer Echtzeit-Marktsimulation decken wir eine Marktlücke in Deutschland«, sagt der geschäftsführende Gesellschafter. »Es gibt so ein Modell auf dem deutschen Markt noch nicht. Einige Anbieter simulieren fiktive zukünftige Ereignisse, keiner reale Märkte in Echtzeit.«

Schwerpunkt der deutschen Simulation liegt auf der Kraftwerkeinsatzsteuerung durch den mittel- und kurzfristigen Energiehandel. Simuliert werden der Regelenergiemarkt, die EEX-Auktion, der OTC-Handel, der Day-Ahead- und Intraday-Handel am EEX Spotmarkt sowie der Intraday-S-Markt.

Die Simulation könne auf verschiedene Zielgruppen zugeschnitten werden, so das IT-Unternehmen. Sie eigne sich auch als teambildende Maßnahme. Angesprochen sei jeder, der sich einen fundierten Überblick über die Grundprinzipien des kurz-, mittel- und langfristigen Energiehandels und über die Funktionsweise der einzelnen Energiehandelsplätze verschaffen möchte.

McKenzie erhofft sich mit seinen Workshops mehr Transparenz zu schaffen und so mehr Verständnis bei den Mitarbeitern für den komplexen Markt zu wecken. Bei Frank Wolmerath scheint es geklappt zu haben: »Ich verstehe jetzt nicht nur die Hintergründe einiger kommerzieller Entscheidungen besser, sondern auch welche wirtschaftliche Konsequenzen es geben kann, wenn es an der effektiven Kommunikation zwischen dem Kraftwerk und der Handelsabteilung mangelt.« Denn in der virtuellen Welt des Energiehandels ist das Zusammenspiel zwischen Erzeugung und Handel sowie eine effektive Kommunika-tion zwischen beiden Unternehmensbereichen von zentraler Bedeutung.

Workshops

Düsseldorf 10.-12.11.2009

(3 Termine)

Berlin 24.-26.11.2009

(3 Termine)

Offene Workshops (deutsch) zum englischen Handelsmarkt Strom und Gas, deutschen Handelsmarkt Strom und zum europäischen Emissionshandel

Erschienen in Ausgabe: 10/2009