Investition in Sicherheit

EXPLORATION - Die in der Erdöl- und Erdgasgewinnung tätigen deutschen Unternehmen profitieren von der gegenwärtigen hohen Nachfrage. Dies führte unter anderem dazu, dass sie ihre Investitionen zur Erschließung neuer Vorkommen um 23 % steigerten. Rückläufig ist die Produktion aus heimischen Quellen.

18. April 2006

Auf der Jahrespressekonferenz des Wirtschaftsverbandes Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) redete man nicht lange um den heißen Brei herum: „Wir haben gut verdient“, resümierte der WEG-Vorsitzende Gernot Kalkoffen. 2005 sei für die Branche ein gutes Jahr gewesen.

Die Erlöse der deutschen Förderindustrie und ihrer Zulieferer stiegen im zweistelligen Prozentbereich. Die Zahl der Beschäftigten wuchs erstmals seit Jahren wieder an: Mittlerweile beschäftigt die Branche rund 6.000 Mitarbeiter.

Der insgesamt positive Trend für die Branche werde sich auch 2006 fortsetzen, gab sich Kalkoffen überzeugt.

Ein Grund für die guten Geschäfte seien sowohl die gestiegenen Rohstoffpreise als auch der „gewaltige Öldurst der Weltwirtschaft“, erklärte Kalkoffen und nannte hierbei insbesondere Fernasien als Nachfragegebiet mit außerordentlich hoher Dynamik. Die Anfragen speziell aus China hätten sich 2004 zwar etwas abgeschwächt, aber nach wie vor steige der Weltverbrauch an Öl und Gas.

Die hohe Nachfrage hat im letzten Jahr zu erheblichen Preissteigerungen bei Erdgas und Erdöl geführt. Die WEG erwartet für dieses Jahr eine „Verstetigung“ der Preisbewegung. Konkret: Im Jahresmittel sollten sich die Preise in diesem Jahr nicht wesentlich von denen des Vorjahres unterscheiden. Allerdings nehme die Volatilität deutlich ab, prognostizierte Kalkoffen. In Deutschland waren die Gaspreise im Jahresdurchschnitt 2005 um 35 % höher als 2004.

Am Beispiel der Gaspreisentwicklung in UK und USA machte Kalkoffen deutlich, dass seiner Ansicht nach kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der viel gescholtenen Ölpreisbindung und der Steigerung der Gaspreise besteht. „In beiden Ländern gibt es keine Ölpreisbindung bei Erdgas. Es gab aber trotzdem in der Preiskurve deutliche Ausschläge nach oben jeweils zum Jahresende - und zwar deutlich höher als in Deutschland.“ Das zeige, dass sich auch in Märkten ohne Ölpreisbindung der Gaspreis nicht unabhängig vom Ölpreis entwickle. Dass die Märkte in UK und USA freier seien, bedeute nicht, dass die Gaspreise niedriger seien. Das Gegenteil sei der Fall, hat Kalkhofen ausgemacht.

Ein Grund für die Ölpreissteigerungen seien auch die geringen freien Förderkapazitäten, ergänzte WEG-Vize und RWE-DEA-Vorstandssprecher Georg Schöning: „Wir sehen, dass freie Förderkapazitäten nur noch in geringem Maße zur Verfügung stehen. Konkret heißt das: Wir haben etwa zwei Millionen Barrel pro Tag freie Kapazität bei einem Bedarf von insgesamt 85 Millionen Barrel in der Welt - ein sehr geringer Vorrat an freier Kapazität.“ Zu gering, um als Instrument zur Preisdämpfung zu dienen.

Die insgesamt gestiegenen Gewinne haben auch zu verstärkten Anstrengungen der Branche zur Sicherung bestehender und Neuerschließung neuer Vorkommen geführt. Im abgelaufenen Jahr 2005 steigerten die Mitgliedsunternehmen des WEG ihre Investitionen weltweit um 23 % auf 1,1 Mrd. € - der höchste Wert seit fünf Jahren. Für Kalkoffen sind diese Investitionen der „beste Beitrag zur Versorgungssicherheit“.

Trotz der steigenden Investitionen sei es aber immer schwieriger, das Produktionsniveau in Deutschland zu halten, fuhr er fort. Die Erdgasförderung in Deutschland ging im letzten Jahr um 3,4 % zurück, die heimische Erdölproduktion konnte nach langem Abwärtstrend bei 3,6 Mio. t stabilisiert werden. Es werde technisch immer anspruchs­voller, die vorhandenen Lagerstätten wirtschaftlich auszubeuten, sagte Kalkoffen.

Er sieht trotz der zunehmende politischen Spannungen in vielen Förderländern und der Nervosität der Energiemärkte die Versorgungssicherheit in Deutschland nicht gefährdet. „Wir sind in Deutschland mit unserer speziellen Versorgungsstruktur gut aufgestellt“, bekräftige der WEG-Vorsitzende.

Problem Förderabgabe

Das gilt insbesondere für den Gasmarkt. Die Gasversorgung ist breit gefächert. Der Versorgungsanteil aus inländischen und westeuropäischen Quellen addiert sich auf 68 % - deutlich mehr als im EU-Durchschnitt. Einen wichtigen Beitrag liefert dabei Erdgas aus deutschen Quellen mit immerhin 20 % des Verbrauchs.

Beim Erdöl leisten die WEG-Unternehmen einen wesentlich kleineren Beitrag zur Versorgungssicherheit. Der Anteil der heimischen Produktion am Erdölverbrauch in Deutschland beträgt nach Angaben der WEG nur etwa 3?%.

Der Verband erwartet - auch mit Blick auf die Versorgungssicherheit - verlässliche politische Rahmenbedingungen. Kalkoffen forderte die Länder auf, die Förderabgabe in der jetzigen Höhe zu überdenken. Sie sei in den letzten zwei Jahren um fast 50 % erhöht worden. Dadurch entziehe die Abgabe den WEG-Unternehmen Investitionsmittel, die diese aufgrund der immer schwierigeren Ausbeutung der heimischen Erdgasgebiete dringend benötigen.

Erschienen in Ausgabe: 04/2006