„Investitionen in Effizienz werden immer rentabler“

INDUSTRIE Die effiziente Energienutzung ist eines der Top-Themen in der Öffentlichkeit. Doch häufig folgen den Worten keine Taten. Seinen Industriekunden will die EnBW Energie Baden-Württemberg mit konkreten Beratungsprodukten auf die Sprünge helfen. Hintergründe und erste Ergebnisse erläuterte uns Jürgen Rösch.

27. November 2006

es: Ob in Europa oder in Deutschland: Effizienz steht ganz oben auf der Agenda in der Energiepolitik. Sind die Chancen wirklich so groß oder werden die Potenziale überschätzt?

Eine höhere Energieeffizienz ist zunächst ein wichtiger und notwendiger Baustein, um unsere Ziele im Klimaschutz zu erreichen oder auch die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern. Zudem handelt es sich bei Energieeffizienz-Projekten um lohnende und vergleichsweise leicht zu realisierende Investitionen, bei denen Deutschland sein technologisches Know-how gewinnbringend einsetzen kann. Das Potenzial wurde aus meiner Sicht bis vor kurzem eher unter- als überschätzt.

es: Welche Potenziale gilt es dabei in der Industrie zu bergen?

Experten sagen vorher, dass Industrie und Gewerbe ihren Energieverbrauch in den nächsten zehn Jahren um bis zu 20 Prozent reduzieren könnten. Angesichts des Preisniveaus für Energie werden Investitionen in dieser Richtung immer rentabler. Hier setzen wir mit unseren Energieeffizienz-Produkten an.

es: Was bringt es einem Energieversorger, wenn seine Kunden immer effizienter werden und somit weniger Strom verbrauchen?

Das hört sich nur im ersten Moment paradox an: Unser Ziel und unser Interesse als Energieversorger ist es, mit unseren Kunden eine möglichst langfristige Partnerschaft einzugehen. Dazu gehört, dass wir Mehrwert über den reinen Strom hinaus bieten. Unsere Energieeffizienz-Produkte nützen beiden Seiten: Der Kunde profitiert von sinkenden Kosten; wir stellen unser Know-how und unsere konsequente Kundenorientierung unter Beweis. Gerade in Zeiten steigender Energiepreise ist es für unsere Kunden sehr wichtig, über Möglichkeiten zum effizienten Energieeinsatz bestens informiert zu sein.

es: Das heißt die Bedeutung steigt - auch im Mittelstand?

Natürlich steht das Thema derzeit hoch im Kurs. Was sich verändert, ist der Fokus: Immer mehr Mittelständler beschränken sich nicht mehr auf das Schimpfen über hohe Energiepreise. Sondern sie bewegen sich und schauen ihren eigenen Betrieb an: Wo gibt es Einsparpotenziale beim Energieeinsatz? Wo kann ich sinnvoll in die Effizienz investieren? Genau diesen Prozess unterstützen und fördern wir.

es: Welche Einsparungen sind nach Ihrer Erfahrung zu erwarten?

Das ist nach Kunde und Branche sehr unterschiedlich. Der Impulskreis Energie, der das Projekt bei der Initiative ‚Partner für Innovation’ der Bundesregierung angeschoben hat, schätzt das Einsparpotenzial bei unseren Netzwerkprojekten auf rund zehn Prozent. Das ist ein realistischer Wert. Im Einzelfall kann es aber auch deutlich mehr oder etwas weniger sein.

es: Wie unterscheiden sich dabei die Potenziale bei Groß- und Kleinkunden?

Entscheidend ist aus meiner Sicht, welche Vorgeschichte ein Unternehmen in puncto Energieeffizienz hat. Wer das Thema noch nie angegangen hat, kann naturgemäß mehr erwarten als einer, der schon früher Maßnahmen ergriffen hat. Insofern spielt die Größe vielleicht doch eine Rolle. Bei größeren Firmen ist zumindest die Wahrscheinlichkeit größer, dass es in der Firma eigenen Sachverstand zum Thema Energie gibt. Aber das ist nach unseren Erfahrungen keine Garantie dafür, dass auch tatsächlich Initiativen gestartet wurden.

es: Wo unterscheiden sich die Produkte Forum Energieeffizienz für Großkunden und Netzwerk Energieeffizienz für Mittel- und Kleinkunden?

In erste Linie im Setting: Beim Forum Energieeffizienz gehen wir mit einem Kunden in Klausur und schauen uns intensiv diesen einen Betrieb an. Beim Netzwerk Energieeffizienz bringen wir zehn bis 15 Firmen aus einer Region an einen Tisch - quer durch alle Branchen. Zudem übernimmt beim Forum der Kunde die Projektleitung, beim Netzwerk laufen bei uns die Fäden zusammen.

es: Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Groß- und Kleinkunden?

Das würde ich weniger an Gigawattstunden als an konkreten Strukturen festmachen: Das ‚Forum Energieeffizienz’ ist vor allem für Unternehmen mit mehreren Standorten geeignet und setzt voraus, dass es interne Fachleute und Ressourcen gibt. Insofern ist das ein Produkt, das wir in der Regel Größtkunden anbieten.

es: Wo liegen nach den ersten Erfahrungen die größten Einsparpotenziale?

Die Schwerpunkte, die wir uns anschauen, sind die Bereiche Druckluft, Wärmerückgewinnung, Lastgang oder auch Pumpen und Motoren. Wie groß das Einsparpotenzial ausfällt, ist naturgemäß sehr unterschiedlich. Natürlich kennen unsere Experten die Abläufe so gut, dass sie nach einer ersten Bestandsaufnahme schnell wissen, wo man am besten anfängt.

es: Wie sind Ihre ersten Erfahrungen im Bereich der Netzwerke?

Das Engagement ist sehr erfreulich. Wir sprechen hier ja über einen Zeithorizont von drei Jahren: Da ist es schon wichtig, dass der Anfangsschwung stimmt. Sicher wird es genauso wichtig sein, dass es auf beiden Seiten eine Kontinuität bei den handelnden Personen gibt - davon kann ein Netzwerk nur profitieren.

es: Gibt es schon Konkretes zu berichten?

Im Netzwerk im Raum Ravensburg hat bereits die Initialberatung über 100 Ideen und Themen ergeben, die mit hoher Priorität und Wirtschaftlichkeit vorgeschlagen wurden. Dahinter verbirgt sich bereits ein Energieeinsparpotenzial von 34.000 MWh pro Jahr oder Energiekosten von jährlich 1,75 Millionen Euro. Die Kosten zur Realisierung dieser Maßnahmen liegen in etwa bei einmalig zwei Millionen Euro. Die Umwelt wird jedes Jahr um über 12.000 Tonnen CO2 entlastet.

es: Wie sensibel gehen die Firmen mit dem Thema Betriebsgeheimnis um?

Bei der Zusammenstellung eines neuen Netzwerks klären wir im Vorfeld, ob direkte Wettbewerber aufeinander treffen würden. In diesem Fall besprechen wir mit den Kunden, ob sie darin Probleme sehen und etwa lieber bei einem Projekt mitmachen, das anderswo stattfindet. Generell gehen die Firmen sehr offen mit dem Thema Energieeffizienz um, weil sie wissen, dass alle Teilnehmer ähnliche Ziele haben und das Netzwerk vom offenen Umgang lebt. Wir beobachten eine Art Weight-Watchers-Effekt: Man stellt gegenüber den anderen gerne heraus, was man schon erreicht hat.

es: Auf was kommt es konkret an, wenn die Projekte erfolgreich sein sollen?

Ich würde drei Schlüsselfaktoren nennen: Zum einen funktioniert das Netzwerk nur, wenn - wie bei der EnBW - das nötige fachliche, aber auch methodische Know-how vorhanden ist. Von Seiten der Teilnehmer ist unabdingbar, dass die Geschäftsleitung hinter dem Projekt steht und Kontinuität gewährleistet. Und schließlich ist nichts erfolgreicher als der Erfolg: Sicht- und messbare Ergebnisse sind die beste Motivation.

es: Welche Rolle spielt hier einerseits die EnBW als Versorger und auf der anderen Seite die jeweils integrierte IHK?

Die EnBW versteht sich als Impulsgeber, Partner und Treiber der Netzwerke. Die Zusammenarbeit mit Wirtschaftsverbänden - das kann die IHK, der BDI oder eine andere Organisation sein - verbreitert die Plattform des Projekts und schafft zusätzlichen Rückenwind. (mn)

Vita - Jürgen Rösch

• stieg nach dem Studium der Verfahrenstechnik 1993 in den Vertrieb der damaligen Energie-Versorgung Schwaben AG (EVS) ein.

• Nach Bildung der EnBW Energie Baden-Württemberg AG im Jahr 1997 arbeitete er als Key Account Manager und leitete danach die EnBW-Niederlassung München.

• Seit 2003 ist der 42-Jährige Leiter des Bereichs Industrie- und Geschäftskunden der heutigen EnBW Vertriebs- und Servicegesellschaft mbH.

Effizienzprodukte

Für Groß und Kein

• Unter dem Namen ‚EnBW Forum Energieeffizienz’ geht EnBW mit seinen Großkunden über zwei Jahre in Klausur, um Chancen für das Energiesparen zu eruieren.

• Das Produkt ‚EnBW Netzwerk Energieeffizienz’ richtet sich an kleinere und mittlere Unternehmen. Unter Anleitung des Energieversorgers erarbeiten 10 bis 15 Firmen aus einer Region gemeinsam Effizienzpotenziale.

Erschienen in Ausgabe: 12/2006