Ist Open-GIS mehr als Marketing?

GEOINFORMATION - Nicht erst seit Google World liegt in der Kombination von Internet und Geoinformation Potenzial. Aktuelle Projekte zeigen die Chancen von Web-Services in der Praxis.

29. September 2005

In der Geoinformations(GIS)-Branche werden derzeit zwei Fragen verstärkt diskutiert: Ist Open-GIS mehr als nur ein Marketing-Werkzeug? Und ist Interoperabilität im GIS-Umfeld nicht nur eine Vision der Kunden und der Forschung? Der Runde Tisch GIS e.?V. - ein Netzwerk aus Verwaltung, Wirtschaft, Industrie und Forschung - verfolgt das Ziel, mehr Effizienz bei der GIS-Nutzung und ihrer Daten zu erreichen. Dieser Interessensverband widmet sich bereits seit dem Jahr 2000 intensiv der tatsächlichen Interoperabilität auf der Basis von Open Geospatial Consortium(OGC)-Webservices. Hierzu wurde an der TU München und der Universität der Bundeswehr in Neubiberg die OGC-Testplattform des Runden Tisch GIS e.V. aufgebaut.

Dabei stellen Server unterschiedlicher GIS-Anbieter verschiedene Webservices bereit. Diese werden in Anwendungsszenarien kombiniert, wobei der Runde Tisch durch Eigenentwicklungen zusätzliche Webservices, die noch nicht den offiziellen OGC-Stempel tragen, hinzugefügt hat.

Ein interessantes Anwendungsgebiet von Web-Services ist die Leitungsauskunft. Bei den Leitungsbetreibern bindet die Auskunftspflicht hohe Ressourcen. Überregionale Unternehmen beantworten bis zu 20.000 Anfragen jährlich, bei einem Versorger wie den Stadtwerken München sind es immerhin noch 12.000 Anfragen pro Jahr. Insgesamt summieren sich die jährlichen Kosten für Netzdokumentation, -monitoring und -beauskunftung auf mehrere Millionen Euro.

Trotzdem treten immer wieder Schadensfälle auf, da die Beschaffung der Informationen zur Lage der Leitungen mit hohem Aufwand verbunden ist. Notwendig ist daher ein System, das eine verbesserte Informationsbereitstellung mit niedrigeren Kosten verbindet. Eine bereits im Prototyp mit Versorgern und Bauämtern erfolgreich getestete Lösung wird von der TU München und der Micus Management Consulting GmbH entwickelt. Ein Auskunftsportal generiert aus dem jeweiligen GIS der Leitungsbetreiber eine integrierte Auskunft für das betroffene Gebiet, die der Kunde sofort online erhält.

20 % weniger Tiefbaukosten

Auf diese Weise werden nicht nur die Wünsche der Nutzer nach einer raschen und gebündelten Informationsbereitstellung erfüllt, sondern auch die Interessen der Leitungsbetreiber bezüglich ihrer Datenhoheit gewahrt, da die Daten bei den Versorgern verbleiben.

Durch die vereinfachte Auskunft profitieren von dem Projekt nicht nur Leitungsbetreiber, sondern auch Planer, Bauunternehmen und Tiefbauämter.

Eine derartige unternehmensübergreifende Innovation konnte nur durch internationale Normen und Standards im IT- und GIS-Bereich realisiert werden. Über die Leitungsauskunft hinaus sind weitere innovative Dienste möglich, die von der elektronischen Bauanfrage bis zur Baustellenkoordinierung reichen. So zeigen erste Projekte zur Baustellenkoordination in Städten, dass sich 20 % der Tiefbaukosten einsparen lassen.

Die Partner sehen dem gemeinsamen Projekt erwartungsvoll entgegen: „Bei einer flächendeckenden Umsetzung der Online-Leitungsauskunft können die Schäden massiv reduziert und gleichzeitig Einsparungen von mehreren Millionen Euro bei den Leitungsbetreibern erzielt werden,“ betont Dr. Martin Fornefeld, Geschäftsführer von Micus.

Prof. Matthäus Schilcher von der TU München ergänzt: „Mit diesem innovativen Projekt lässt sich für ein bislang nur unzureichend gelöstes Problem eine wegweisende Lösung realisieren.“

Ein anderes Projekt der TU München zeigt die Praxistauglichkeit: Mehrere Studenten-Teams haben bei einem Projektseminar im Sommersemester 2005 für die fränkische kommunale Allianz der Stadt Neustadt an der Aisch und der drei angrenzenden Kommunen Gutenstetten, Diespeck und Dietersheim aktuelle Fragestellungen zu Landentwicklung und Verkehrsplanung untersucht.

Lösung in nur drei Monaten

Zur Lösung dieser Aufgaben und der Internet-basierten Präsentation der Ergebnisse nutzen die Studenten das neue GIS-Portal von AED-Sicad auf der ArcGIS-Technologie. Mittels dieser ausgereiften Applikation konnten die Teams trotz der nur dreimonatigen Laufzeit des Projektes die relevanten Karten und Geoinformationen integrieren, auswerten und als Entscheidungsgrundlage zum Stichtag 15. Juli 2005 präsentieren.

Eine weitere Neuerung betrifft die Clientseite. Dort wurde bisher für die beiden bereits umgesetzten Anwendungen ‚Real Estate’ und ‚Leitungsauskunft aus verteilten GIS’ nur auf einen Viewer zum gemeinsamen Betrachten und Analysieren der Dienste zurückgegriffen. Durch die Integration des vom GIS-Anbieter Intergraph kostenlos im Internet bereitgestellten WMS-Viewers in die OGC-Testplattform kann nun auch die Interoperabiltät am Client nachgewiesen werden.

Schleppende Umsetzung

Trotz der Vorzüge und Fortschritte erfolgt die Umsetzung von Geo-Webservices in Geschäftsmodelle bisher sehr langsam. Prof. Schilcher vermutet als Ursache unter anderem einen Mangel an abgesicherten wirtschaftlichen Untersuchungen zur Wirtschaftlichkeit. Das Fehlen von Preis-, Verrechnungs- und Geschäftsmodellen für vernetzte Systeme hat Micus-Mitarbeiter Peter Oefinger als Hemmschuh ausgemacht.

Aus ganz anderer Ecke erwächst zudem Konkurrenz: Google stellt seit kurzem eine API für Google Maps Service kostenfrei zur Verfügung. Dieser ermöglicht es jedem, georeferenzierte Daten zu kombinieren und in Webseiten zu integrieren. Experten erwarten einen Hype, der nicht nur die GIS-Branche fasziniert, sondern auch viele, die bisher noch nichts von GIS gehört haben. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 09/2005