»Jeder, der investiert, ist willkommen«

Erdgas Die Versorgungssicherheit steht im Zentrum des Deutsch-Russischen Rohstoff-Forums. Über die Herausforderungen, die damit verbunden sind, sprachen wir mit Prof. Klaus-Ewald Holst, Vorstandsvorsitzender der VNG.

29. November 2007

es: Vor einem Jahr haben Sie in Dresden das Memorandum zur Gründung des ›Ständigen Deutsch- Russischen Rohstoff-Forums‹ im Beisein von Präsident Wladimir Putin und Kanzlerin Angela Merkel unterschrieben. Jetzt findet die erste Konferenz des Rohstoff- Forums im Rahmen des 7. Petersburger Dialoges in Wiesbaden statt. Erfolg mit Signalwirkung?

Ja, da bin ich sicher. In einer Reihe von Treffen haben die betreffenden Vertreter vom Rohstoff-Forum von wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Seite die Konferenz vorbereitet. Die Konferenzbeiträge zeigten, dass wir einen guten Schritt nach vorn gemacht haben. Hier setzen wir in der Folgezeit auf Kontinuität.

es: Sie wollen zum Zweck der Versorgungssicherheit Ihr Bezugsportfolio ausbauen. Was heißt das konkret: Neben Norwegen und Biogas noch mehr Upstream-Engagement auch in Russland?

Die VNG ist geradezu ein Paradebeispiel. Wir haben aus einer hundertprozentigen einseitigen Belieferung aus der damaligen Sowjetunion eine Lieferdiversifizierung aufgebaut, wie sie heute in Deutschland üblich ist. Von allen europäischen Ländern haben wir die sicherste Diversifizierung. Den Ausbau des Bezugsportfolios treiben wir weiter voran, indem wir auch eigene Ressourcen entwickeln. In Russland ist die Wintershall an der Exploration des Juschno-Russkoje-Feldes beteiligt. Dies ist ein Großprojekt. Wir als etwas kleineres Unternehmen engagieren uns in der norwegischen Nordsee.

es: Heißt das für VNG in Zukunft keine direkte Beteiligung an russischen Projekten im Upstreambereich?

Wir sind keine Experten in der Exploration, sondern stehen dort erst am Anfang. Deshalb setzen wir uns Ziele, die wir mit unseren Möglichkeiten auch in absehbarer Zeit erreichen können. Für unser Engagement in Norwegen bedeutet das, dass wir uns an Förderlizenzen beteiligen, in denen ein kompetenter Partner jeweils die Betriebsführung übernimmt. Dazu haben wir im letzten Jahr die VNG Norge AS gegründet. Mit diesem Tochterunternehmen wollen wir innerhalb der kommenden zehn Jahre bis zu 1,5 Milliarden Kubikmeter unseres Gasbezugsportfolios aus der norwegischen Nordsee decken. Dafür erwarb unsere norwegische Tochter 2007 bereits die Anteile an vier Förderlizenzen im Haltenbanken-Gebiet. Anfangs haben wir auch darüber nachgedacht, uns an einem Förderprojekt in Russland zu engagieren. Dort erwiesen sich die infrage kommenden Projekte jedoch sowohl finanziell als auch von den Dimensionen der Vorkommen her als so gigantisch, dass wir diese Absicht nicht weiter verfolgt haben.

es: Auf der Konferenz kam Liquefied Natural Gas (LNG) zur Sprache. Wie steht es mit zukünftigen LNG-Bezügen in Ihrem Unternehmen, und wie sehen Sie die Aussichten für Wilhelmshaven?

Bei LNG-Lieferungen per Schiff zum Verbraucher stellt sich die Frage: Wo kommt das Erdgas hierfür her? Im Moment ist die Frage sowohl für Deutschland als auch Europa nicht beantwortet, weil es noch zu wenig LNG auf dem Markt gibt und wir dort in einem internationalen Wettbewerb stehen. Auch wohin solche verflüssigten Erdgasmengen per Schiff gehen, hängt vom Preis ab, den der Verbraucher bereit ist zu zahlen. Zugleich muss die notwendige Infrastruktur dafür vorhanden sein. In Wilhelmshaven bereitet E.on Ruhrgas ? wir sind mit zehn Prozent daran beteiligt ? eine Infrastrukturmaßnahme vor, um LNG wieder in gasförmigem Zustand für den Pipelinetransport zu überführen. Wir haben aber auch heute gesehen, dass die Verwirklichung solcher Projekte wiederum mit Kosten zusammenhängt. Die Stahlpreise sind beispielsweise auf 200 Prozent gestiegen. Zu Wilhelmshaven fällen wir voraussichtlich Mitte nächsten Jahres die Investitionsentscheidung. Eine weitere Beteiligung an dem Projekt ist aber sicher.

es: Welche Gashandelsmärkte stehen bei Ihnen zukünftig im Fokus?

Das sind natürlich beim Verkauf die neuen Bundesländer. Aber ganz klar ist auch, dass wir auch Position zu ganz Deutschland und Europa insgesamt beziehen werden. Vorzugsweise konzentrieren wir uns auf die Länder Polen, Tschechien, die Slowakische Republik und Italien, wo wir teils seit geraumer Zeit tätig sind. Insgesamt zehn Prozent unseres derzeitigen Absatzes generieren wir bereits in diesen ausländischen Märkten. Generell müssen Unternehmen darauf achten, sich zu konzentrieren, da es Geld kostet, sich in neue Märkte zu bewegen. Die Handelsaktivitäten müssen aufgebaut werden. Mitarbeiter setzen dies um. Diese sind jedoch auf diesen Märkten aktuell schwer zu kriegen, weil auch andere Unternehmen ähnliche Überlegungen haben.

es: Gazprom hat am deutschen Downstream-Geschäft ein langfristiges Interesse und will in die Gasspeicherung und in den Pipelinebau investieren. Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Wir haben die Gazprom seit 17 Jahren als Gesellschafter in der VNG. Als Aktionär unterstützt Gazprom unsere Entwicklung in allen Zeiten und hat zugleich eigene Interessen. Sie will ihr Geschäft ausweiten, so wie wir auch neue Märkte erschließen. Das muss nicht beunruhigen. Im Grunde genommen ist jeder, der in Infrastruktur investieren will, nicht nur willkommen, sondern stärkt die Position für das Produkt auf dem Markt.

es: Wie stellt sich die Zusammenarbeit zwischen der Gazprom und der VNG im Downstream- Bereich Gashandel, bei der Gasspeicherung und dem Pipelinebetrieb auf dem deutschen Markt konkret dar?

Hier merke ich an, dass wir bereits auf der Transportstrecke des Gases zu uns schon seit vielen Jahren eine direkte Zusammenarbeit mit dem Regelzentrum der Gazprom in Moskau haben. So können wir frühzeitig Informationen zum Beispiel über Veränderungen der benötigten und gelieferten Gasmengen austauschen. Zudem arbeiten wir seit einigen Jahren intensiv beim Speichern von russischem Erdgas für Gazprom in unseren Untergrundgasspeichern zusammen. Gazprom nutzt das im Sommer eingespeicherte Gas im Winter zur Stabilisierung der Liefermengen für die Kunden in Westeuropa. Diese Zusammenarbeit werden wir noch weiter vertiefen.

es: Sie haben im Mai mit Gazprom ein Programm für die weitere wissenschaftlichtechnische Zusammenarbeit in den Jahren 2007 bis 2009 unterschrieben. Das hat in Ihrem Unternehmen Tradition. Was können Sie hier Neues zu Projekten der Gasspeicherung und des Betriebs von Hochdruck-Gasleitungen sagen?

Die Frage Wissenschaft und Technik ist auf allen Gebieten unseres Kerngeschäftes beim Transport, bei der Speicherung und beim Gashandel wichtig, um die Partner weiter dazu anzuregen, mit uns zusammenzuarbeiten. Im bis 2009 festgelegten Kooperationsprogramm geht es um den Einsatz moderner Prüf- und Überwachungsmethoden für Gasleitungen und -anlagen in Russland. Beispiele dafür sind thermografische und laserfotografische Aufnahmen vom Helikopter aus, um mögliche Leckagen punktgenau und schnell zu erfassen und in Kombination mit anderen Verfahren den technischen Zustand von Leitungen insgesamt zu bewerten.

Daraus lässt sich dann ein nach Dringlichkeit gestaffeltes Sanierungsprogramm für Leitungsabschnitte definieren ? ein Verfahren, welches wir bei unseren Leitungen schon seit vielen Jahren erfolgreich praktizieren. Passend dazu untersuchen wir mit den russischen Partnern auch effiziente Reparaturtechniken an Hochdruckleitungen, mit denen Störungen schneller und ohne Gasverlust behoben werden können.

es: Mit der Unterstützung des Deutsch-Russischen Rohstoff-Forums und des Deutsch-Russischen Institutes für Energiepolitik und Energiewirtschaft in Leipzig investieren Sie in die Ausbildung von Fachkräften. Welche Erwartungen knüpfen Sie hieran?

Zwei Aspekte sind hier erwähnenswert: Der erste ist, Wissenschaft, Technik und Investitionen in die Zukunft von Fachkräften über die Institutionen zu fördern, die auf diesem Gebiet seit vielen Jahren zusammenarbeiten, nämlich das St. Petersburger Staatliche Bergbauinstitut und die Bergakademie Freiberg. Das ist die Idee, die hinter dem Deutsch-Russischen Rohstoff- Forum steht. Wir erwarten neue technische Lösungen und Vorschläge, wohin wir als Unternehmen unseren Fokus richten können, und natürlich auch qualifizierte Fachkräfte.

Der zweite ist eine Zusammenarbeit zwischen der Universität Leipzig und dem Staatlichen Institut für internationale Beziehungen in Moskau. Es handelt sich um eine ganz exzellente Ausbildungsstätte für russische Nachwuchskräfte. Deutsches Personal kann hiervon profitieren, was uns als Unternehmen letztendlich auch zugute kommt.

Dr. Josephine Bollinger-Kanne

www.vng.de

VITAKlaus-Ewald Holst

• Nach der Promotion an der Bergakademie Freiberg arbeitete er als Entwicklungsingenieur im Bereich Untergrundgasspeicherung und als Hauptabteilungsleiter im Volkseigenen Betrieb VEB Verbundnetz Gas.

• Seit 1990 ist er VNG-Vorstandsvorsitzender, Aufsichtsratsmitglied sowie Geschäftsführer in mit der VNG verbundenen Unternehmen.

• Holst ist norwegischer Honorargeneralkonsul für Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Erschienen in Ausgabe: 12/2007