Jeder Einzelne ist gefragt

Markt

Klimaschutz - Der Klimawandel ist in vollem Gange. Selbst gesteckte Ziele der Staaten etwa in Deutschland sind zudem in Gefahr, nicht erreicht zu werden. Was kann getan werden und wird getan, um gegenzusteuern?

23. Oktober 2014

Im Jahr 2015 steht in Paris der UN-Klimaschutzgipfel COP 21 an, auf dem eine globale Post-Kyoto-Regelung beschlossen werden soll, so ist es zumindest angedacht. Diese mögliche Entscheidung wirft ihre Schatten voraus. Im Vorfeld ist 2014 ein Jahr mit vielen Terminen und Veröffentlichungen, mit den schon gebetsmühlenartig wiederholten Warnungen sowie mit Vorschlägen und der Entwicklung von Maßnahmen: Der 5. IPCC-Sachstandsbericht und der UN-Sondergipfel in New York seien nur einmal beispielhaft genannt.

Trotz des langen Weges von Rio bis heute und trotz der Diskussionen, den Klimawandel zu begrenzen: Die Emissionen steigen weiter. Wissenschaftler warnen zudem davor, dass Deutschland sein Reduktionsziel von 40% bis 2020 nicht erreichen könnte. »Es reicht nicht, in den UN-Klimaverhandlungen jeweils nur auf die nächste Verpflichtungsperiode zu schauen. Es geht darum, dass alle gemeinsam und jeder für sich einen Pfad zur Klimaneutralität definiert – je früher, desto besser«, so Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.

»In der letzten Dekade, also von 2000 bis 2010, konnte trotz weltweiter Anstrengungen zur Energieeffizienz und zur CO2-Reduktion der nichtlineare Anstieg des CO2-Gehalts der Atmosphäre nicht gebremst werden im Gegenteil, der Anstieg war stärker als jemals zuvor, und der CO2-Gehalt der Atmosphäre hat inzwischen 400 ppm erreicht«, sagte Dr. Thomas Geelhaar, Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des IPCC-Berichts. »Zu diesem Anstieg tragen die Sektoren Transport, Gebäude und Industrie als Energieverbraucher in ähnlichem Umfang bei. Vor der zu erwartenden Verdopplung oder gar Verdreifachung des Energieverbrauchs bis 2050 wird der Begriff einer nachhaltigen Entwicklung anders als bisher zu berücksichtigen sein.«

»Unsicherer Lösungsweg BECCS«

Wissenschaftler des Global Carbon Projekts führten zudem in verschiedenen Beiträgen aus, dass die Welt noch maximal 1.200Mrd.t CO2 ab 2015 emittieren dürfte, um die immer wieder beschworene 2°-Marke zu halten. Lege man die Emissionen von 2014 als jährlichen Wert zugrunde, wäre dieses Budget in 30 Jahren aufgebraucht. »Die globalen Emissionen bräuchten nachhaltige und noch nie dagewesene Reduktionen von rund sieben Prozent pro Jahr für eine wahrscheinliche Chance, innerhalb dieses Kontingents zu bleiben«, führt Glen Peters vom Center for International Climate and Environmental Research aus. Die meisten 2°-Szenarien im IPCC-Bericht sind stark abhängigvon CO2-Abscheidung und Speicherung (CCS), im Speziellen in Verbindung mit Bioenergie (BECCS) und den damit zu erreichenden negativen Emissionen, so die Wissenschaftler. Mehr als zwei Drittel der Szenarien rechneten für das Jahr 2100 mit einem BECCS-Anteil an der Primärenergie von mehr als 20%.

»Wir verlassen uns auf einen Lösungsweg, der große Unsicherheiten birgt. Denn derzeit steckt BECCS noch in den Kinderschuhen«, sagt Sabine Fuss vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC). »Wenn CCS-Technologien nicht realisiert werden, könnte es nicht mehr möglich sein, einen Temperaturanstieg unter zwei Grad Celsius zu erreichen«, ergänzt Peters.

Steigender Energiehunger

Die Gründe für die steigenden Emissionen sind sicher vielfältig, als Handlungsfelder werden von der Politik und verschiedenen anderen Akteuren der Emissionshandel, der Ausbau erneuerbarer Energien und die Energieeffizienz genannt. »Global betrachtet, ist der Anstieg der CO2-Emissionen zu zwei Dritteln auf den steigenden Energieverbrauch aufgrund von Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum zurückzuführen«, erklärt Sabine Nallinger, Vorstand der Stiftung 2°, einer Initiative von Unternehmen für den Klimaschutz. Diese Trends seien nicht zu ändern – sie müssten aber durch CO2-arme Energieerzeugung versorgt werden. »Die Umstellung auf erneuerbare Energien und die Stabilisierung der Nachfrage durch Effizienzmaßnahmen sind zwar keine neuen Ideen, aber ein unverzichtbarer Teil der Lösung.«

Das Problem: »Es gibt derzeit keine glaubwürdigen langfristigen Rahmenbedingungen, die diese Umstellung vorantreiben. Wichtigstes Element ist die effektive Bepreisung von CO2-Emissionen, durch den Emissionshandel oder eine CO2-Steuer. Ebenso müssen alle Subventionen für fossile Energieträger abgebaut werden.«

Mit Blick auf die Klimakonferenz in Paris sei es zunächst wichtig, dass sich die EU ambitionierte Ziele setzt: Konkret heiße das mindestens 45% CO2-Minderung sowie verbindliche und auf nationale Ebene heruntergebrochene Ziele für Energieeffizienz und erneuerbare Energien bis 2030. »Daneben ist die Reparatur des Emissionshandels überfällig. Der CO2-Preis ist derzeit mit sechs Euro viel zu gering, um eine steuernde Wirkung zu entfalten. Damit der Emissionshandel funktioniert, brauchen wir einen Preis von mindestens 30 Euro pro Tonne.«

Effizienz-Netzwerke Teil der Lösung

Neben der Entscheidung über den Klima- und Energierahmen bis 2030 auf EU-Ebene im Oktober stehen bis Ende des Jahres in Deutschland unter anderem der Aktionsplan Klimaschutz 2020 des Bundesumweltministeriums und der nationale Aktionsplan Energieeffizienz des Bundeswirtschaftsministeriums auf der Agenda.

»Im Gebäudebereich – speziell im Neubau – läuft die Entwicklung gut, die Aufmerksamkeit müsste mehr auf den Gebäudebestand durch Abschreibungsmöglichkeiten gelegt werden, wie in den späten 1970er-Jahren«, erläutert Professor Eberhard Jochem, Senior Executive beim Fraunhofer ISI, Strategien für mehr Effizienz. »In der Wirtschaft wäre ein großer Schritt, wenn die seitens der Regierung angefragte Selbstverpflichtung der Wirtschaft zu 500 Energieeffizienz-Netzwerken bis 2020 Wirklichkeit würde.« (Siehe auch Energiespektrum 7) Weitere Maßnahmen, die die Bundesregierung überlegt, würden im Bereich der Wirtschaft und privaten Haushalte weitere Effizienzerfolge bringen.

»Das Zwei-Grad-Ziel ist sicher ambitioniert und nur noch dann einzuhalten, wenn wir es unmittelbar, entschlossen und nachhaltig angehen. Dabei stimmt mich optimistisch, dass wir gerade in der Wirtschaft viele neue Unterstützer finden«, führt Nallinger aus. »Sie haben erkannt, dass ihr künftiger Geschäftserfolg massiv von Klimafolgeschäden beeinträchtigt werden kann, während gleichzeitig im Klimaschutz – Stichwort Energieeffizienz – ein weltweit wachsender Milliardenmarkt auf sie wartet.«

Die Förderunternehmen der Stiftung würden zeigen, was auf vielen unterschiedlichen Wegen möglich ist: »Schüco hat zum Beispiel seinen CO2-Ausstoß durch die Umstellung auf erneuerbare Energien für die gesamte Produktion um 33 Prozent reduziert.« Und die Otto Group erhielt den CSR-Preis der Bundesregierung, unter anderem für ihr Klimaschutzengagement.

Auf globaler Ebene scheint auch Engagement gefordert: Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen spricht in einem Gutachten von Handlungsblockaden. Der Schutz der Erdsystemleistung sei für eine nachhaltige Entwicklung unverzichtbar, ein Paradigmenwechsel daher nötig. »Somit ist es an allen Akteuren, von Individuen über Unternehmen bis zu Staaten, sich Verantwortung anzueignen«, heißt es dort.

Er empfiehlt unter anderem ein gesellschaftliches Klima der Verantwortung zu schaffen und die Gründung eines transformativen Staatenclubs voranzutreiben. Die Vorreiterfunktion von Städteclubs solle »nach Möglichkeit verstärkt ausgebaut werden«. Um individuelle Verantwortung zu fördern, regt er etwa an, Informationen zur Produkt-Nachhaltigkeit bereitzustellen.

Motivieren und Unterstützen

Doch besteht überhaupt Interesse bei den Bürgern? »Als ›klimaschutzmüde‹ würde ich uns nicht bezeichnen. Von einer gewissen Resignation gegenüber politischen Veränderungen – insbesondere den Verhandlungen auf internationaler Ebene – kann man jedoch schon sprechen«, sagt Michael Kreß, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Zu dieser Resignation komme, dass der Klimawandel unsere kognitive Risikowahrnehmung überfordere – die Herausforderung ist zu groß und die eigene Betroffenheit wird durch die Menschen in Deutschland zeitlich und räumlich als weit entfernt wahrgenommen.

»Trotz dieser Phänomene zeigen aber Umfragen immer wieder, dass von zehn Bürgern zwischen acht und neun Klimaschutz als wichtig und notwendig betrachten – und inzwischen mehrheitlich auch den Ausbau erneuerbarer Energien bei sich vor Ort akzeptieren. Durch Befragungen haben wir festgestellt, dass bis zu vier Fünftel der Bürger sich durchaus selbst für Klimaschutz in der Verantwortung sehen.« In Deutschland entstehen jährlich pro Person etwas 11t CO2, über die Hälfte davon wird direkt oder indirekt durch private Haushalte verursacht. Im Projekt Klimaalltag unter Leitung des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) haben Forscher anhand der Städte München, Frankfurt und Köln untersucht, wie Kommunen ihre Bürger zu einem klimafreundlichen Lebensstil motivieren können.

Demnach sollte das kommunale Engagement möglichst alltags- und praxisnah sein. Dazu gehören stadtteilbezogene Kampagnen oder eine Klimaschutzberatung, die in den Haushalten stattfindet. Sinnvoll kann auch sein, bürgerschaftliches Engagement öffentlich sichtbarer zu machen, um andere zum Mitmachen zu bewegen.

Die Kraftwerksfrage

Stadtwerke können klimaschonendes Verhalten durch veränderte Ausgangsbedingungen wie Ökostrom als Standardtarif erleichtern, ergänzt Kreß. »Aktiv sein können Bürger in verschiedenen Rollen«, als Energiekonsument, Investor und politischer Akteur. »Wichtig in allen Bereichen ist: um eine langfristige Aktivierung der Bevölkerung zu erzielen, reicht es nicht, diese nur zu informieren oder finanziell zu motivieren, vielmehr müssen Maßnahmen kombiniert werden, die auf verschiedenen Ebenen auf das Energieverhalten oder Investitionsentscheidungen einwirken.«

Das Bundesumweltministerium sieht zudem für Deutschland Energie als den Sektor mit den höchsten Treibhausgasemissionen und den größten Minderungspotenzialen. Es müsse vermieden werden, dass das nationale Klimaschutzziel verfehlt wird, wenn Erneuerbare ausgebaut und Energieeffizienz verbessert wird, aber nicht im Gegenzug fossile Stromerzeugung um- und abgebaut wird, so das Ministerium. Erdgas sei ein wichtiger Bestandteil der Energieversorgung und ein wesentlicher Partner für die Erneuerbaren, so Hendricks außerdem auf einer Konferenz.

Eine Studie von EWI, GWS und Prognos stellt unter anderem fest, dass vor allem die Erzeugung aus CO2-intensiven Kraftwerken weiter reduziert werden muss, um die Reduktionsziele zu erreichen. Da der Emissionshandel als Hauptsteuerungsinstrument europäisch ist, lasse sich eine wirksame Klimaschutzpolitik nur eingeschränkt auf nationaler Ebene umsetzen.

Kohlekraftwerke verursachen ein Drittel des CO2-Ausstoßes in Deutschland, so Wissenschaftler von DIW und IASS. Als flankierende Maßnahmen neben der Reform des Emissionshandels schlagen sie Emissionsgrenzwerte vor, da die Reform des Handels allein nicht ausreichen würde, um die Braunkohleverstromung zu verringern. Solche Grenzwerte können laut Klaus Töpfer, Exekutivdirektor des IASS Potsdam, »dazu beitragen einen Kohlekonsens eine Übereinkunft zwischen den entscheidenden Akteursgruppen über eine kohärente Übergangsstrategie für den Kohlesektor zu erreichen«.

»CO2 wird im Bereich der Kraftwerkstechnik vermieden durch Effizienzsteigerung und durch Flexibilisierung für ein besseres Zusammenwirken mit fluktuierender Energie. Technisch verfügbar ist außerdem sowohl die Umrüstung auf Biomassebrennstoffe als auch die Nachrüstung der Kohlendioxid-Abscheidung«, so eine Sprecherin des VDMA Power Systems. »Über die Rentabilität eines Umbaus oder andere Investitionen müssen Kraftwerksbetreiber entscheiden. Darum ist ein verlässlicher klimapolitischer Rahmen für den Einsatz der oben genannten Technologien entscheidend. Der VDMA plädiert daher dringend für ein weltweites ambitioniertes Klimaschutzabkommen.«

Die IEA habe in einem Szenario mit ambitionierter Klimapolitik ermittelt, dass etwa Schwellenländer mit Kohlevorkommen sich nicht zuletzt für Kohlekraftwerke entscheiden werden und in den Jahren 20112035 die Kraftwerkskapazität um 764GW steigt. »Dass sie in Kohle investieren werden steht fest. Ob sie den Zugang zu effizienten Kraftwerken mit bester anwendbarer Technologie finden, entscheidet sich heute in Deutschland«, so die Sprecherin. Beste verfügbare Kraftwerkstechnologie, also Technologie vom weltweiten Innovationsführer Deutschland, vermeide durchschnittlich etwa 10% Emissionen gegenüber einem Standard-Kraftwerk.

»Hocheffiziente fossile Kraftwerke mögen eine Zwischenlösung für Schwellenländer für die kommenden wenigen Jahrzehnte wegen ihres schnell wachsenden Strombedarfs sein. Das ist aber nicht das Thema in Europa«, so Jochem. Wenn die Menschheit von heute 36Mrd.t CO2-Emissionen pro Jahr bis Mitte dieses Jahrhunderts auf etwa 5Mrd.t CO2 zurückfahren muss, obwohl sie wesentlich reicher wird, »dann müssen fossile Kraftwerke – und Kondensationskraftwerke zuerst – ein Auslaufmodell sein, auch wenn man einen Teil ihrer Emissionen in der Erde vergraben könnte«. Die Energieeffizienz – und die Materialeffizienz seien der Schlüssel, dass dies gelingen kann. »Ob Politik und Wirtschaft diesen Schlüssel in einem Gemeinschaftswerk aufgreifen, ist einer der spannendsten Krimis unserer Zeit.« (mwi)

Erschienen in Ausgabe: 09/2014