Katalysator für den Wettbewerb

Servicedienstleister entdecken das Energiedatenmanagement

Der Wettbewerb im Strom- und Gasmarkt steht und fällt mit der Beherrschung des Energiedatenmanagements (EDM). Findige Unternehmen wittern die Chance, als externe EDM-Dienstleister die Rolle des Scharniers zwischen den Marktteilnehmern zu spielen. Eine Lösung, die den trägen Wettbewerb anheizen könnte.

20. Juni 2001

Die Liberalisierung des Strom- und Gasmarkts ist für die Energieversorgungsunternehmen (EVU) eine gewaltige organisatorische Herausforderung. Die Tatsache, dass Kunden freie Lieferantenwahl haben und dass die EVU gezwungen sind, Erzeugung, Transport und Vertrieb geschäftlich zu trennen, führt zu höchst komplexen Aufgabenstellungen, unter anderem bei der Abrechnung von Energieverbrauch und Netznutzung, beim Bilanzkreis- und Netzfahrplanmanagement. Lange konnten sich die etablierten EVU hinter dem Argument verschanzen, es fehlten geeignete IT-Werkzeuge, um all diese Prozesse im Massengeschäft in den Griff zu bekommen. Doch diese Verteidigungslinie zerbröselt in dem Maße, wie findige Software-Häuser sich anschicken, marktgerechte Systeme für Abrechnung und Energiedatenmanagement zu entwickeln. Ein weiterer Katalysator für den zögerlich Fahrt aufnehmenden Wettbewerb ist der Marktauftritt einiger junger Unternehmen, die an der Schnittstelle zwischen Energieanbietern und Kunden Position bezogen haben. Als Dienstleister sind sie spezialisiert darauf, jene für EVU kosten- und zeitintensiven administrativen und organisatorischen Aufgaben zu erledigen, die der Versorgerwechsel von Kunden in den betroffenen Unternehmen auslöst. Einer dieser Neulinge ist die energybynet AG. Als „Energy System and Service Provider“ (Energy SSP) will das Mitte 2000 in Berlin gegründete Unternehmen Energieversorgern, Newcomern, Netzbetreibern und branchenfremden Unternehmen, die auch Energie vermarkten wollen, dabei helfen, die Chancen des liberalisierten Energiemarkts zu nutzen. energybynet-Vertriebsvorstand Ben Schlemmermeier, zuvor langjähriger Geschäftsführer der LBD-Beratungsgesellschaft mbH, Berlin: „Als unabhängiger Dienstleister versetzt energybynet alle Marktteilnehmer in die Lage, unter gleichen Bedingungen am Markt effizient zu operieren und in neue Geschäftsfelder zu expandieren.“

Für die meisten Unternehmen mache es aufgrund mangelhafter Amortisation keinen Sinn, selbst in Personal, Administration und neue Technik zu investieren. Am schnellsten und kostengünstigsten lasse sich ein bundesweiter Stromvertrieb organisieren, wenn dafür ein externer Dienstleister eingeschaltet werde, so die Argumentation der EDM-Experten von der Spree. Energybynet stelle dafür sowohl die nötige IT-Infrastruktur zur Verfügung als auch alle dazu gehörigen Dienstleistungen - von der Auftragserstellung beim Endverbraucher, über die Abwicklung der Lieferung und die Verhandlung der Netznutzung, das Bilanzkreis- und Netznutzungsmanagement mit dem notwendigen Datenaustausch bis hin zur Rechnungsstellung. Mit diesem Angebot will Schlemmermeier nicht zuletzt Newcomern den Mund wässrig machen, denn damit verhelfe der hinter den Kulissen tätige Dienstleister beispielsweise ausländischen Unternehmen und sogar branchenfremden Vertriebsorganisationen zur Chance eines schnellen und kostengünstigen Eintritts in den deutschen Strommarkt. Speziell für Netzbetreiber hat energybynet den „Netzshop“ entwickelt, der alle Dienstleistungen abdeckt, die bei der Netznutzung durch Dritte nach der Verbändevereinbarung II für den Netzbetreiber anfallen.

Die energybynet AG, die mit gegenwärtig rund 70 Mitarbeitern zur Offensive bläst, hat nach eigenen Angaben mit einem Großteil der Netzbetreiber hier zu Lande Nutzungsvereinbarungen geschlossen, so dass etwa 95 % des deutschen Stromversorgungsnetzes abgedeckt seien. Diese „einzigartige vertragliche Infrastruktur“ stelle man den Marktteilnehmern nun zur Verfügung, indem man für den Lieferanten das Bilanzkreis- und Netznutzungsmanagement übernehme. energybynet biete EVU und Netzbetreibern den schnellsten und effizientesten Weg, die Schwierigkeiten der Liberalisierung zu meistern. „Mit diesem bisher noch nie da gewesenen Konzept revolutionieren wir den deutschen Strommarkt“, frohlockt Ben Schlemmermeier.

Wenn es denn eine Revolution ist, so hat sie mehrere Väter, denn auch andere Unternehmen haben erkannt, dass sich im Energiedatenmanagement ein interessantes neues Betätigungsfeld eröffnet. Die EnDaNet GmbH, ein Tochterunternehmen der SWE Stadtwerke Erfurt GmbH, des Ingenieurbüros für Energiewirtschaft Dr.-Ing. Dirk Schramm sowie der Göken, Pollak und Partner Treuhandgesellschaft mbH, Bremen, bietet ebenfalls Energiedienstleistungen und Datenmanagement für Netzbetreiber und Händler an. Das in Erfurt ansässige Unternehmen übernimmt auf Basis einer gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut Ilmenau selbst entwickelten Software-Lösung das komplette Spektrum an Dienstleistungen für das Netznutzungsmanagement. In Partnerschaft mit der endacom AG & Co. KG, Frankfurt/Main, kann auf Kundenwunsch die komplette Dienstleistungskette vom Zählerparkmanagement über das EDM-Paket der endanet GmbH bis zur Energieabrechnung aus einer Hand abgedeckt werden.

Über die Dienstleistungen eines anderen Newcomers, der Mainzer EuroDCS Energiedaten AG, wurde an dieser Stelle bereits berichtet (ES 12/2000, S. 36, „Datenservice“). Darüber hinaus haben sich aber auch jene Unternehmen des Energiedatenmanagements angenommen, die sich bislang vor allem auf die Verbrauchsabrechnung konzentriert haben: beispielsweise die A/V/E Abrechnungsgesellschaft Ver- und Entsorgungsleistungen mbH, Halle/Saale, ihr Schwesterunternehmen B/A/S Berliner Abrechnungs- und Servicegesellschaft für Ver- und Entsorgung mbH, die Gedos Gesellschaft der Energiewirtschaft für Daten- & Organisationsservice mbH, Würzburg, die BerlinDat Gesellschaft für Informationsverarbeitung und Systemtechnik mbH oder die Viterra Energy Services GmbH, Gladbeck (ES 11/2000, S. 24/25, „Den europäischen Markt im Visier...“).

Die Fiducia Geno-Datenservice GmbH, in Berlin ansässiger unabhängiger Spezialist für integrierte IT-Dienstleistungen, hat ebenfalls erkannt: “Wie ein Versorger es auch dreht: An Lösungen für das Energiedatenmanagement kommt er nicht vorbei.“ Allerdings gehörten die Beschaffung neuer DV-Hardware, die Wartung bestehender Rechnertechnik, Systempflege und Release-Wechsel nicht zu den Kernkompetenzen von Versorgungsunternehmen oder Energiehändlern, meint man bei Fiducia. Individuell zugeschnittene Dienstleistungspakete, angeboten von erfahrenen externen Fachleuten, seien deshalb die ideale Problemlösung.

Darüber, was zu den Kernkompetenzen eines EVU zählt, wird freilich vielerorts noch trefflich gestritten. Die Anbieter von ausgelagerten Dienstleistungen für das Energiedatenmanagement werden sich wohl darauf einstellen müssen, dass sie bei den allermeisten Versorgern noch harte Überzeugungsarbeit für die Vorteile ihre Servicekonzepte leisten müssen und dass sie einen langen Atem brauchen. Marktbeobachter reagieren gegenwärtig eher skeptisch, fragt man sie, welche Chancen die zahlreichen EDM-Start-Ups sowohl im Bereich der System- als auch der Serviceanbieter haben. Dipl.-Ing. Stefan Wietzke vom Essener Beratungshaus ConEnergy AG: „Vieles an den diskutierten Dienstleistungen ist noch nicht ausreichend durchdacht. Die sehr komplexen rechtlichen und organisatorischen Fragestellungen werden oft unterschätzt. Auch bei den potenziellen Kunden sind die Diskussions- und Planungsprozesse noch nicht weit genug fortgeschritten. Daher rechne ich nicht mit einer schnellen Verbreitung. Mittelfristig kann sich hier aber ein interessanter Markt entwickeln.“

Erschienen in Ausgabe: 03/2001