»Kein Klimaschutz ohne Erdgas«

WÄRME Dr. Bernhard Reutersberg, ab 1. März Nachfolger von Dr. Burckhard Bergmann als Vorstandsvorsitzender der E.on Ruhrgas, erläutert die Initiative Erdgas.ON, die Erdgas am Markt wieder besser positionieren soll.

12. Februar 2008

es: Der Einsatz von Erdgasheizungen auf dem Neubaumarkt ist von ehemals 75 auf unter 70 Prozent gesunken. Worin sehen Sie die Ursachen für den Rückgang?

Eine Ursache ist der zunehmende Einbau neuer Heiztechnologien, die zu Lasten des Erdgases gehen. Auch das gestiegene Umweltbewusstsein beispielsweise für die Nutzung erneuerbarer Energien spielt eine Rolle bei der Entscheidung für eine Heizungsanlage.

es: Hat sich die Erdgaswirtschaft zu stark an den Erfolg gewöhnt und die Entwicklung vor allem der regenerativen Heizenergien unterschätzt?

Keinesfalls. Schon früh haben wir die Kombination von Solar und Gasbrennwerttechnik erkannt und gefördert. Wir treiben die Entwicklung von Technologien zur Produktion von Bioerdgas voran und sind dabei, Bioerdgasanlagen im industriellen Maßstab im Markt zu platzieren. Eine erste Anlage in Schwandorf wird ab April Bioerdgas an einen Kunden liefern. Weitere Anlagen werden folgen.

es: Welche Auswirkungen hat der Rückgang auf die Erdgasbranche?

Der Wettbewerb ist intensiver geworden. Erneuerbare Energien sind als neue Konkurrenz im Markt. Die Branche ist aufgefordert, den Verbraucher aufzuklären, dass Klimaschutz mit Erdgas besonders günstig zu realisieren ist. Hier setzt unsere Klimaschutzinitiative Erdgas.ON an.

es: Was wollen Sie damit erreichen?

Wir wollen in der Praxis etwas bewegen. Erdgas.ON ist Teil der Aktivitäten des gesamten E.on-Konzerns, auch in Sachen Klimaschutz Marktführer zu werden. Insgesamt investiert E.on bis 2010 sechs Milliarden Euro in erneuerbare Energien. Erdgas ist kein Auslaufmodell des fossilen Energiezeitalters, sondern eine effektive Lösung bei der Frage nach Effizienz und Klimaschutz in der Hausenergieversorgung. Im Rahmen von Erdgas.ON wollen wir den Verbraucher umfassend darüber informieren und Anreize zur Modernisierung schaffen. Die Initiative erstreckt sich auf sechs Felder und setzt auf die schnelle Einführung heute verfügbarer, umweltschonender Technologie sowie auf Entwicklung und Einführung von Zukunftstechnologien.

es: Mit dem Klimaschutzprogramm stärkt die Bundesregierung vor allem erneuerbare Energieträger. Inwieweit erhöht das Programm den Druck auf die Gasbranche?

Wir unterstützen die Initiativen der Bundesregierung zu mehr Klimaschutz. Wir warnen aber davor, das Klimaschutzprogramm ausschließlich auf erneuerbare Energien zu reduzieren, die noch eine lange Zeit subventioniert werden müssen. Mit Erdgas steht ein bewährter und klimaschonender Energieträger sofort, erprobt und besonders wirtschaftlich zur Verfügung.

es: Wie zufrieden sind Sie hinsichtlich der Berücksichtigung von Bioerdgas?

Die Bundesregierung will den Anteil erneuerbarer Energien am Wärmemarkt deutlich erhöhen. Dabei ist aber unverständlich, warum Bioerdgas im Wärmemarkt diskriminiert wird. Wir sind daher nicht zufrieden, obwohl es Nachbesserungen gegeben hat. Faktisch wird dem Bioerdgas der Zugang zum Neubaumarkt versperrt. Es gilt Technologieoffenheit und marktwirtschaftliche Grundsätze bei der Umsetzung des Klimaschutzprogramms walten zu lassen. Dann hat auch Bioerdgas eine gleichberechtigte Chance.

es: Wie schätzen Sie generell das Potenzial von Bioerdgas ein?

Bioerdgas öffnet eine neue Dimension der Nutzung Erneuerbarer Energien. Aufbereitet auf Erdgasqualität kann Biogas als Bioerdgas per Pipeline bundesweit angeboten werden – ein Meilenstein für den Vertrieb eines Produktes im Bereich erneuerbarer Energien. Das Potenzial ist derzeit noch nicht ausgeschöpft. Um dieses neue Produkt bereitstellen zu können, haben wir Anfang 2007 eine eigene Gesellschaft, die E.on Bioerdgas GmbH gegründet. Die erste Anlage zur Bioerdgasaufbereitung entsteht derzeit in Schwandorf. Eine erste Vereinbarung für Bioerdgas haben wir im November 2007 mit der RheinEnergie über zunächst rund zehn Millionen Kilowattstunden Bioerdgas pro Jahr geschlossen. Ab April dieses Jahres ist Lieferbeginn.

es: Das Klimaprogramm fördert insbesondere die Kombination von Gas-Brennwerttechnik und Solarthermie. Was versprechen Sie sich von dieser Förderung?

Diese Kombination verbindet zwei moderne Technologien, die für Modernität und Klimaschutz stehen. Mit einem weiteren Baustein von Erdgas.ON schaffen wir Anreize für den Verbraucher, seine mehr als 15 Jahre alten Ölheizungen endlich auszutauschen. Dafür stellen wir ab April mit unseren weiterverteilenden Kunden gezielt Fördermittel zur Verfügung. Dies sind mindestens 400 Euro im Einfamilienhaus und mindestens 1.000 Euro in einem Mehrfamilienhaus ab zwölf Wohneinheiten beim Ersatz durch Brennwertkessel. Rund 400.000 Tonnen CO2 pro Jahr können wir so einsparen. Mehr noch: Wir entlasten die Portemonnaies der Verbraucher langfristig.

es: Sie wollen auch den Einsatz von Erdgaswärmepumpen unterstützen. Welche Potenziale sehen Sie hier?

Die nächste Generation in der Heizungstechnik ist die Gaswärmepumpe. Sie kann noch einmal rund ein Viertel weniger Erdgas verbrauchen als herkömmliche Brennwertkessel und setzt entsprechend weniger CO2 frei. Allerdings ist die Technik noch nicht marktreif. Daher haben wir die Gründung einer Initiative Gaswärmepumpe angestoßen. Sie arbeitet – analog der Initiative Brennstoffzelle – mit den Geräteherstellern und anderen Gasgesellschaften an der Marktreife einer neuen, umwelt- und klimafreundlichen Technik für den Wärmemarkt. Sie wird umfangreiche Labor- und Feldtests für derartige Anlagen durchführen. Ziel ist es, erste Gaswärmegeräte im Jahr 2010 auf dem Markt einzuführen.

es: Wo liegen denn die Vorteile zum strombetriebenen Pendant?

Der Vorteil liegt im geringeren Stromverbrauch durch die Zusatzheizleistung, die mit Erdgas erfolgt und nicht mit teuerem Nachtstrom, wie es beim Konkurrenzmodell meist der Fall ist.

es: Einen weiteren Schwerpunkt legen Sie in Ihrer Klimaschutzinitiative auf die Mikro-KWK. Welche Chancen sehen Sie für die Kleinkraftwerke im Keller?

Mikro-KWK ist eine Zukunftstechnologie, die im deutschen Heizungsmarkt noch nicht Einzug gehalten hat. Die vorhandenen Geräte befinden sich im bundesweiten Test, dessen Ergebnisse abzuwarten sind. Im Moment steht fest, dass diese Anlagen noch nicht dem deutschen Standard an Komfort und Leistungsfähigkeit entsprechen.

es: Gilt dies auch für die Brennstoffzellengeräte?

Wir befassen uns schon seit Anfang der 90er-Jahre mit der Brennstoffzelle und gehören zu den Gründungsmitgliedern der Initiative Brennstoffzelle. Es ist noch ein langer Weg zur ersten Brennstoffzelle im Keller. Aber wenn wir die Brennstoffzelle zur Marktreife bringen, haben wir eine Technologie an der Hand, die erdgasbetrieben praktisch keine Emissionen hat. Mehr Klimaschutz auf dem Gebiet der Energietechnik geht nicht. Bis wir dann soweit sind, um irgendwann die Brennstoffzelle in Kombination mit Wasserstoff zu betreiben, ist Erdgas der Energieträger erster Wahl. Brennstoffzelle und Erdgas gehören zusammen. Gemeinsam mit den Brennstoffzellen- Herstellern führen wir – als Teil der Initiative Brennstoffzelle – derzeit großangelegte Pilotprojekte durch.

es: Wie wollen Sie generell die Vorteile der unterschiedlichen Erdgasanwendungen kommunizieren und das Image der Branche wieder verbessern?

Wir werden verstärkt die Initiative Erdgas pro Umwelt als Informationsplattform nutzen. Diese Initiative informiert Hausbesitzer und Fachpublikum kontinuierlich darüber, wie durch bewusstes Handeln, bessere Technik und gemeinsames Engagement die Heizenergie Erdgas zukunftsorientiert genutzt werden kann. Daneben werden wir über unsere Klimaschutzinitiative Erdgas.ON die Vorteile des Energieträgers kommunizieren. Ganz wichtig ist dabei, dass wir mit Transparenz unser Image wieder aus der Talsohle der öffentlichen Bewertung herausholen. (mn)

VITA

• Studium der Betriebswirtschaftslehre und Promotion zum Dr. rer. pol.

• Ab November 1999 Geschäftsführer in der Bayernwerk Vertriebsgesellschaft, danach Vorsitzender der Geschäftsführung der E.on Vertrieb GmbH

• Ab März 2001 Vorstandsmitglied der E.on Energie AG, München

• Ab Oktober 2006 ist er Vorstandsmitglied der E.on Ruhrgas AG in Essen

• Ab März 2008 wird Reutersberg Vorstandsvorsitzender der E.on Ruhrgas AG sein.

Erschienen in Ausgabe: 01/2008