Kein Stein auf dem anderen

A.T. Kearney sieht profitablen Zweig der Stadtwerke gefährdet

Nur fünf Jahre soll es dauern, dann wird in der Gaswirtschaft kein Stein mehr auf dem anderen stehen. Das prophezeit zumindest eine Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Dr. Berthold Hannes, Mitglied der Geschäftsleitung, nennt die Gründe für den Wandel und Perspektiven für die Gaswirtschaft.

05. Dezember 2001

Ohne Zweifel: Der deutsche Gasmarkt im Jahr 2006 wird anders aussehen als heute. Aber nur wenige Energieexperten gehen in ihren Annahmen so weit wie die Consultants von A.T. Kearney. Die Unternehmensberatung, deren Wurzeln in Chicago liegen, studiert den europäischen Markt von ihren hiesigen Stützpunkten aus genau und kommt zu dem Schluss, dass gerade Stadtwerke, aber auch die Regional- und Ferngasgesellschaften, sich auf eine deutliche Verschiebung der Wertschöpfungskette einstellen müssen.

Den Grund für den Strukturwandel sieht Dr. Berthold Hannes, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Utilities Zentraleuropa, insbesondere in der hohen Wechselbereitschaft der Industriekunden begründet. „Rund vier Fünftel der Industriekunden können sich vorstellen, ihren Gaslieferanten zu wechseln“, sagt Dr. Hannes. Dies erzeuge einen massiven Druck auf den liberalisierten Markt, schließlich stehe die Gruppe der Industriekunden stellvertretend für etwa ein Drittel des deutschen Erdgasverbrauchs.

Das Motiv für die Wechselbereitschaft liegt auf der Hand: Wirtschaftlichkeit ist Trumpf, der Energiepreis spielt eine herausragende Rolle. 60 % der Industriekunden sehen daher den Preis als entscheidendes Kriterium für einen möglichen Lieferantenwechsel an. Doch wer darauf spekuliert, dass Wechselbereitschaft noch lange keine konkrete Gefahr der Abwanderung bedeute, dem präsentiert Hannes eine weitere wichtige Zahl: 90 % dieser Kundengruppe stehen in Kontakt zu alternativen Lieferanten.

Argumente wie technische Restriktionen, die eine Wechsel abwenden könnten, lässt Hannes in der Diskussion nicht gelten. Angesichts eines verhaltenen Marktwachstums seien Unterkapazitäten in den kommenden Jahren nicht zu befürchten, und auch verschiedene Gasqualitäten stellten kein Hindernis für den Wettbewerb dar. Schließlich bestehe die Möglichkeit, Gasmengen untereinander zu tauschen oder entsprechende Qualitäten zu mischen.

Abhängig von der Wechselbereitschaft wird sich die Lieferkette deutlich verändern, sagt Energieexperte Hannes voraus. Heute sei es die Regel, dass Erdgas vom Importeur über die Ferngasgesellschaften, Regionalnetzbetreiber und schließlich die Stadtwerke an den Kundenvertrieben werde. Selbst für Industriekunden trifft die lange Lieferkette in zwei von drei Fällen zu. In Zeiten, wo Händler erfolgreich am Markt agieren und mit neuen Produkten - etwa Erdgas zum Festpreis - an die Kunden herantreten, wird diese zu Monopolzeiten gefestigte Struktur jedoch abbröckeln.

„In Zukunft werden Industriekunden stärker von Importeuren, Händlern und Ferngasgesellschaften beliefert werden“, so Dr. Hannes. Damit falle für Regional- und Ferngasgesellschaften sowie Stadtwerke eine wichtige Einnahmequelle weg - sie würden in die Rolle des Netzbetreibers zurückgedrängt.

Die Marktprognose des Unternehmensberaters unterscheidet zwei Szenarien: Bei der konservativeren Betrachtung geht Dr. Hannes von einem Anbieterwechsel bei 20 % des Marktvolumens bis 2006 aus. Hier sind die Industriekunden der treibende Faktor, die Gewerbe- und Haushaltskunden hätten kaum Einfluss. Das zweite Szenario prognostiziert einen Wechsel bei 40 % des Marktes. In diesem Fall würden auch etwa 30 % der Haushaltskunden alternative Angebote wahrnehmen.

Beiden Szenarien gemein ist, dass der hohe Wertschöpfungsanteil beim Transport in der Regional- und Verteilebene zusammenschmilzt. Besonders für Stadtwerke brächte dies neue Herausforderungen mit sich, denn - so Hannes - heute wird in diesem Bereich gut Geld verdient. „Rund 40 % des Endverbraucherpreises sind alleine für die Verteilung zu entrichten, weitere 25 % für den Transport vom Produzenten bis zur Verteilebene.“

Unternehmensberater Hannes sieht Möglichkeiten, wegbrechende Gewinne kurzfristig durch Rationalisierungsmaßnahmen zu kompensieren, denn zum Beispiel im Vergleich zu Großbritannien sind in Deutschland ein Drittel mehr Mitarbeiter pro Kilometer Leitungslänge beschäftigt. Zudem hätten die Gasunternehmen hierzulande die Potenziale, die modernes Asset Management und eine zustandsorientierte Instandhaltung böten, nicht vollständig genutzt. Außerdem bestünden große Überkapazitäten im Verteilsystem, bei Wingas zum Beispiel bis zu 50 %, behauptet der Energieexperte. Doch lange werden Rationalisierungsmaßnahmen nicht greifen, denn auch die Durchleitungsentgelte geraten unter Druck.

„Im Vergleich zu anderen Nationen liegen die Durchleitungsentgelte auf der Transportebene in eine akzeptablen Größenordnung.“ Dabei haben die Experten auch Parameter wie Kundendichte und Bodenbeschaffenheit berücksichtigt. Auf der Regional- und Verteilebene jedoch sind die Netznutzungsentgelte rund 40 % überteuert, stellt Hannes anhand eines Europavergleichs fest. „Hier ist kurzfristig mit erheblichem Preisdruck zu rechnen.“

Mittel- bis langfristig führe daher kein Weg daran vorbei, über weitere Konsequenzen nachzudenken. Beispielsweise müssten Gasunternehmen klare Wachstumsvisionen entwickeln, um in die „Liga der Value Grower vorzustoßen“, sagt Hannes. Nur mit Umsatzwachstum oder effizienzsteigernden Maßnahmen - derzeit praktizierte Strategien bei Deutschlands großen Energieversorgern - sei es auf Dauer nicht getan.

Doch selbst wer willens ist, Effizienz und Umsatz zugleich (oder in Schritten) zu steigern, scheitert oft an den Möglichkeiten. Stadtwerken beispielsweise steht diese Perspektive nicht immer offen. Sie werden darauf angewiesen sein, Wachstum durch Zusammenschlüsse oder Partnerschaften zu realisieren und Maßnahmen für einen effektiveren Netzbetrieb zu ergreifen - beispielsweise durch Fremdvergabe der Netzinstandhaltung. Zudem ermutigt Hannes die Stadtwerker, über neue Produkte nachzudenken.

Trotz seiner dramatischen Prognosen möchte Hannes keinen Pessimismus streuen. Vielmehr wird der deutsche Gasmarkt seiner Ansicht nach - im Vergleich zu anderen Versorgungsmärkten - attraktive und wachstumsstarke Geschäftsfelder aufweisen. Allerdings müssten die Gasgesellschaften heute die Weichen auf Zukunft stellen, damit sie morgen zu den relevanten Marktteilnehmern gehören.

Erschienen in Ausgabe: 11/2001