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Menschen

»Keine Datenkrake«

Digitalisierung - Das größte Plus der Blockchain-Technologie ist für Thorsten Kühnel vom Future Lab des Energieunternehmens E.on die Dezentralisierung. Sie sorge für Transparenz und Vertrauen, so Kühnel im Energiespektrum-Interview. Kunden behielten die Hoheit über ihre Daten.

28. Mai 2018

Bei BMW waren Sie für digitale Innovationen verantwortlich. Was hat Sie bewogen, zu E.on zu wechseln?

Ende 2014 richtete E.on die Digitale Transformationseinheit DTU ein, aus der 2016 unser heutiges Future Lab hervorging. Gereizt hat mich die Herausforderung, ein Energieunternehmen, das mit Verbrauchsgütern handelt, digital auf die nächste Ebene zu heben. Bei einem Unternehmen wie BMW sehen die Kunden die Fahrzeuge und das Design. Ein Auto ist ein hoch emotionales Produkt. Dagegen kommt Strom aus der Steckdose. Kunden zeigen wenig Interesse. Hier das Interesse zu wecken, war für mich die Verlockung zum Wechsel in die neue digitale Innovationsschmiede von E.on.

Und wieso nun ausgerechnet Blockchain?

Die Einzigartigkeit der Blockchain-Technologie liegt in der Fähigkeit zur Dezentralisierung, einen Mittelsmann aus der Gleichung zu nehmen. Prozesse zur Automatisierung, Authentifizierung oder Absicherung der Datenintegrität lassen sich oft genauso gut mit etablierten und stabilen IT-Lösungen umsetzen. Aber in Dezentralisierung sehen wir das Kernelement der Blockchain, wozu wir bisher keine andere technologische Möglichkeit gefunden haben. Sie ist ein digitales Instrument, um Vertrauen zu schaffen. In dezidierten Anwendungsfällen prüfen wir die Potenziale.

An welchen dezidierten Anwendungsfällen arbeiten Sie?

Als einer der ersten Projektpartner haben wir uns Mitte 2016 mit Ponton in Hamburg Fälle im Energiehandel angesehen, in denen E.on auf Mittelsmänner angewiesen ist und diese mittels Blockchain aus der Gleichung nehmen kann. Dabei haben wir festgestellt, dass Börsen wichtig sind, weil sie Zusatzdienste und Sicherheiten bieten. Reine Brokerplattformen sind indessen verzichtbar, da sie Matchmaker sind, die Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Um einen dezentralen Energiemarkt zu etablieren und davon profitieren zu können, haben wir Partnerschaften, auch mit Mitbewerbern, geschlossen und Anfang 2017 gemeinsam das Projekt Enerchain gestartet, an dem sich inzwischen rund 40 Unternehmen beteiligen.

Enerchain läuft nicht auf Basis von sogenannten intelligenten Verträgen, Smart Contracts, sondern auf einer Lösung von Tendermint.

Es geht um Stabilität und Performance, die Tendermint bietet. Smart Contracts sind heute technologisch begrenzt reif. Hinzu kommen rechtliche Aspekte. Um programmierte, selbst ausführende Verträge nutzen zu können, hätten die Projektteilnehmer für ihre ersten Handelsaktivitäten eine Brokerlizenz benötigt, was finanziell jeglichen Effizienzgewinn außen vor gelassen hätte.

Mittels Enerchain hat E.on erstmalig direkt Strom an Enel öffentlich verkauft. Was passiert hier aktuell?

Wir schließen in einem abgegrenzten Umfeld, unabhängig von den öffentlichen Handelssystemen, Handel zu Testzwecken ab. Nur für diesen einen öffentlichen Fall lagen alle Verträge vor, waren alle Punkte geklärt. Jetzt dreht es sich um das Prüfen des Konzepts, Proof of Concept, wie wir das nennen. Das befindet sich im Abschluss. Die Handelsaktivitäten laufen innerhalb der geschlossenen Nutzergruppe, um das System weiter zu testen und die Stabilität zu erproben. Der nächste Schritt ist die Integration ins Liniengeschäft. Stück für Stück soll immer mehr Energie über das Enerchain-Netzwerk gehandelt werden.

Vita

Seit Ende 2014 ist Thorsten Kühnel der Digitalisierungsexperte bei E.on.

Davor arbeitete er 15 Jahre in unterschiedlichen Managementfunktionen bei der BMW Group federführend an Innovationsstrategien der Zukunft.

Er gründete 1999 mit Wapmap die erste Suchmaschine des mobilen Internets.

Was steht außer Enerchain noch auf der Agenda?

Den dezentralen Peer-2-Peer-Energiehandel und digitale Energieherkunftszertifikate auf einer Ethereum-basierten Blockchain abzubilden, ist etwas, was wir gemeinsam mit der Energy Web Foundation umsetzen wollen. Dafür sind noch einige rechtliche Fragen zu klären. Für das Internet der Dinge und Electrified Home testen wir die Blockchain-ähnlichen Implementierungen Iota und Nano, wo bei einer Vielzahl hoch skalierbarer und leistungsstarker Einzelgeräte große Datenmengen anfallen. Denn die meisten anderen Blockchain-Lösungen stoßen heute noch an Grenzen, wenn sehr viele Transaktionen ausgeführt werden sollen.

Um welche Geräte und Daten geht es beim vernetzten Wohnen konkret?

In Schweden sind zum Beispiel Geräte einer Alarmanlage und Sensoren zum Energiehaushalt bereits vernetzt. Für die sehr vielen anfallenden Daten, die Standort- und Nutzerzuordnung der dezentralen Geräte eignet sich etwa Nano. Nano arbeitet mit Blockgittern, die das Halten verschiedener Blockchains ermöglicht, was sich extrem positiv auf die Performance auswirkt. Zugleich werden die Nutzer stärker in die Lage versetzt, Herr ihrer eigenen Daten zu sein. Das ist uns sehr wichtig. Wir wollen keine Datenkrake sein, die nur die Daten von Kunden abgreift. Die Kunden erhalten für bestimmte Daten, wie zum Beispiel Temperatur oder Bewegungsmelder, Freigaberechte. Sie können uns die Berechtigung jederzeit wieder entziehen.

Und in Deutschland?

Für die Gemeinden Altdorf und Furth und den Energieversorger Bayernwerk haben wir ein Transparenzportal entwickelt, das auf Tendermint und Ethereum läuft. Beides funktioniert aufgrund der limitierten Daten gerade parallel. Die Systeme sollen den Gemeinden Transparenz liefern, wie hoch der aktuelle Autarkiegrad ist. Je mehr bei ihnen grün erzeugt wird, desto höher ist der Ökostromanteil. Diese Transparenzlösung ist der erste Schritt für einen Peer-2-Peer-Energiemarkt. Ein dementsprechendes Kundenportal soll hinzukommen, bei dem Verbraucher, private dezentrale Erzeuger und gewerbliche Kleinerzeuger wie größere Höfe genau sehen können, wie viele Erzeuger am Ort wie viel Energie liefern. Das alles soll in die Folgeorganisation des Start-ups Strombewegung integriert werden. Strombewegung startete 2015. Hier haben wir unsere ersten Peer-2-Peer-Handelsaktivitäten getestet.

Welche Kostenvorteile rechnen Sie sich für Ihre verschiedenen Blockchain-Anwendungen aus?

Was Enerchain betrifft, können wir keine genauen Zahlen nennen. Doch anhand der Gebühren am europäischen Brokermarkt können Sie grob abschätzen, wie viel ein Energieunternehmen sparen kann, wenn es den Handel vom Brokermarkt auf das Projekt Enerchain verlagert. Im günstigsten Fall wird sich die Ersparnis im einstelligen Millionenbereich bewegen. In den anderen Einsatzgebieten beziehungsweise Szenarien ist es so, dass wir noch von test and learn sprechen.

Wie schätzen Sie die Aussichten für die Zukunft ein?

Insgesamt sehe ich in der Blockchain-Technologie sehr viel Potenzial, mit Dezentralisierung als ihre Schlüsselfunktion. Bleiben wir im Energieumfeld, brauchen wir aber auch jemanden, der für das Bilanzkreis- und Lastenausgleichsmanagement die Verantwortung übernimmt. Ich persönlich glaube, bis Lastenausgleich und eine komplette Netzsteuerung völlig autonom über ein Blockchain-System gefahren werden können, vergeht noch einige Zeit.

Interview: Josephine Bollinger-Kanne

Erschienen in Ausgabe: Nr. 05 /2018

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