Keine Kompromisse bei Klima-Zertifikaten

Markt

Nachhaltigkeit - CO2-neutrales Erdgas mit Zertifikaten – nur Spiel mit grünen Zahlen? Zertifikate können für Firmen Teil wirksamer Klimaschutzstrategie sein. Doch Erfolg und positive Außenwirkung hängen von mehreren Faktoren ab.

27. Mai 2011

Aktiver Klimaschutz, Corporate SocialResponsibility-Kriterien, Wettbewerbsvorteile,gesetzliche Auflagen oder Anforderungen von Zulieferern: Beweggründe gibt es viele, weshalb Unternehmen einen neuen Blickwinkel auf das Thema CO2-Einsparung einnehmen. »Wir sehen, dass CO2 verstärkt zu einer Kostenkomponente in der Kalkulation wird. Aus Energy Risk Management wird Carbon Risk Management«, so André Schwihel, Leiter Unternehmensentwicklung des Energieversorgers Energie Südbayern (ESB). Mit knapp 700Mio.kWh ist dieser laut eigenen Angaben bundesweit einer der größten Anbieter von CO2-neutralem Erdgas.

Nachdem das Münchner Unternehmen per ›Carbon-Footprint‹ die eigene Kohlendioxid-Bilanz auf den Prüfstand brachte und sich daraufhin selbst komplett CO2-neutral gestellt hatte, wurde vor zwei Jahren ein entsprechendes Erdgasprodukt eingeführt. Vor allem Geschäftskunden und Erdgas-Weiterverteiler, aber auch Privatkunden nutzen das Angebot und haben inzwischen rund 140.000t des Gases kompensiert.

Genauer Blick aufs Zertifikat

Doch die Frage nach der Neutralität bleibt. Schließlich ist CO2-neutrales Erdgas, chemisch betrachtet, kein CO2-freies Produkt. Vielmehr wird in internationalen Klimaschutzprojekten, etwa durch Erneuerbare, Repowering oder Methanabscheidung die gleiche Menge an CO2 eingespart, die bei der Erdgasverbrennung entsteht. Die Zertifikate basieren auf den im regulierten EU-Emissionshandel verankerten Maßnahmen, wie Clean Development Mechanism (CDM) und Joint Implementation (JI) oder werden separat in einem freiwilligen Markt für Emissionsminderungen gehandelt.

»Dass Zertifikate zum Einsatz kommen, sagt nichts über die Wirksamkeit der Maßnahme«, so Schwihel. »Entscheidend für den Käufer ist, woher die Ökoenergie oder das Zertifikat stammt und welche Kriterien diesem zugrunde liegen«. Dabei gibt es zahlreiche Qualitätsstufen. Ein Unternehmen sollte sich vor Vertragsabschluss über diesen Faktor klar sein und entsprechend seiner Nachhaltigkeits-Strategie handeln.

»Kompromisse bei den Zertifikaten können in der Außenwirkung nach hinten losgehen. Schließlich ist die Öffentlichkeit immer besser informiert, Zertifikate sind komplex und Kunden wollen ein ehrliches Produkt«, so Schwihel. Im Worst Case kann ein Unternehmen nur heiße Luft erwerben. Etwa dann, wenn es um Projekte geht, wo Kohlendioxid in sogenannten CO2-Senken, etwa in Wiederaufforstungsprojekten, gebunden werden. Langfristig ist hier kaum sicherzustellen, dass die Biomasse – und damit die Zertifikate – bei Waldbränden nicht in Rauch aufgehen oder erneute Abholzung droht. Bei bestimmten Zertifikaten, etwa aus Wald-, Large Hydro- oder HCF23-Industriegasprojekten, sollten Käufer daher genau auf die Herkunft schauen. Diese Zertifikate sind zwar günstig zu erwerben, doch die Einsparung ist oft nicht glaubwürdig nachweisbar oder gar mit negativen Umwelteinflüssen verbunden.

Die Suche nach geeigneten Projekten gestaltet sich für die Anbieter CO2 neutraler Produkte oft aufwendig – schließlich stehen die Anlagen nicht vor der Haustür. ESB etwa arbeitet eng mit einem Klimaschutzdienstleister zusammen, der weltweit nach geeigneten Projekten Ausschau hält. Vorteil für viele Schwellenländer: Durch Zertifikatseinnahmen und technische Unterstützung werden Klimaschutzprojekte dort erst ermöglicht und langfristig betreut.

Alle Projekte verfolgen aber ein Ziel: Emissionen sollen dort vermieden werden, wo eingesetzte Mittel den größten Nutzen in Sachen Klimaschutz bringen. »Die Projekte setzen daher in Regionen an, in denen die CO2-Vermeidungskosten geringer als hierzulande sind«, erläutert Schwihel, der den Unternehmensbereich aufgebaut hat. Letztlich ist es für das Gesamtklima gleich, ob in Europa, Asien oder Afrika investiert wird.

Wirklich nachhaltige Projekte mit hochwertigen Zertifikaten sind die Basis für ein erfolgreiches CO2-Produkt. Dazu gehört auch eine Qualitätssicherung, die den Handelsvorgang und die Stilllegung lückenlos überwacht. Transparenz ist wichtig, um sicherzustellen, dass stillgelegte Zertifikate nicht wieder in den Umlauf gelangen. »Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass der Preis sicherlich eine wichtige Rolle bei der Kaufentscheidung spielt. Letztlich sind jedoch Transparenz und die Standards beim Zertifikatehandel wesentliche Fak-toren, wenn es um Glaubwürdigkeit und letztlich um die Akzeptanz beim Verbraucher geht.«

Erschienen in Ausgabe: 05/2011