„Keiner will mit einer Art Über-Unbundling zu viel tun“

Gespräch über die IT bei Entflechtung und Regulierung

2005 wird das Jahr des Unbundling, so der vorherrschende Tenor in der Branche. Trotzdem gibt es nach wie vor Unsicherheit, vor allem zu den künftigen Anforderungen der Regulierungsbehörde. Zu Unrecht, wie Klaus Nitschke, Leiter des Geschäftsbereiches Utilities des SAP-Systemhauses command ag meint. Denn wenn ein Unternehmen schon jetzt für eine diskriminierungsfreie Organisation sorgt, hat es eine der Kernforderungen erfüllt. Mehr dazu im folgenden Gespräch.

07. Juli 2005

ES: Sie sind häufig bei Energieversorgern vor Ort. Welche Bedeutung hat dort das Thema Unbundling?

Es gibt heute kaum noch jemanden, der glaubt, an Unbundling vorbeizukommen. Fast alle wollen das Thema in diesem Jahr angehen und haben auch Budgets für die Umstellung bereitgestellt. Aber so richtig gerne beschäftigt sich keiner damit. Das hängt vor allem mit der Verunsicherung zusammen. Die Branche weiß nicht, was die Regulierungsbehörde genau fordern wird. Jeder will nur soviel tun wie unbedingt nötig. Keiner will durch eine Art Über-Unbundling mehr Geld ausgeben als erforderlich, und dadurch seine Chancen im Wettbewerb einschränken.

ES: Wieviel der geforderten Unbundling-Umsetzung im IT-Bereich ist mittlerweile bewältigt?

Ich fürchte, die Frage spiegelt ein weitverbreitetes Mißverständnis wider. Viele glauben, den Unbundling-Anforderungen einzig und allein durch eine IT-Neustrukturierung gerecht zu werden. Doch weit gefehlt! Nahezu alle Forderungen der EU sind durch organisatorische oder prozeßtechnische Maßnahmen zu erfüllen. Die IT bildet die neuen Abläufe nur ab. Inzwischen liefert die SAP beispielsweise mit IDEX-GE ein Werkzeug, mit dem ein Zweivertragsmodell effizient eingeführt und betrieben werden kann. Die Frage, ob man damit nun unbundlingkonform ist, kann man wahrscheinlich nie eindeutig beantworten. Heute nicht, weil es noch kein Gesetz gibt. Und auch zukünftig nicht, weil die IT eben nur ein Werkzeug zur Abbildung von Prozessen ist. Ob diese Abläufe nun unbundlingkonform sind, liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Versorgers. Ich wage die Prognose, daß es künftig einerseits Stadtwerke geben wird, die IDEX-GE einsetzen und die Unbundling-Anforderungen erfüllen und andererseits andere, die trotz des Einsatzes von der Regulierungsbehörde abgemahnt werden.

ES: Wo liegen heute noch die größten Defizite, speziell im IT-Bereich?

Viele IT-Projekte starten, bevor überhaupt die zukünftige Organisation geklärt ist. Man beschäftigt sich also mit der Abbildung von Abläufen, bevor diese definiert sind. Die Projekte werden aufwendiger als geplant, weil frisch erarbeitete Ansätze wegen der sich häufig ändernden organisatorischen Vor­gaben immer wieder verworfen werden. Diesen Projekten fehlt ein klar definiertes Ziel und somit auch ein genau kalkuliertes Budget. Letztlich geht es darum, das richtige Maß für das Unbundling zu finden. Unterstützung bieten hier IT-Dienstleister wie beispielsweise die command ag. Als erfahrenes SAP-Systemhaus im Utilities-Bereich zeigen wir vor allem kleinen und mittelständischen Versorgern praxistaugliche Lösungsansätze auf.

ES: Viel diskutiert werden derzeit auch die unterschiedlichen Vertragsmodelle. Gibt es hier ein Patentrezept, das Sie empfehlen können?

Nein. Für den einen Versorger kann das durchaus bedeuten, daß wir beispielsweise innerhalb des Einvertragsmodells vorerst nur den Ausweis der Netznutzungsentgelte bei Rechnungen realisieren. Für den anderen dagegen ist es besser, gleich das Zweivertragsmodell einzuführen. Es kommt also immer auf die spezifischen Ausgangs­situationen bei den einzelnen Unternehmen an. Natürlich berücksichtigen wir dabei die komplette Systemlandschaft.

ES: Nach dem Unbundling kommt mit dem Regulator die nächste Herausforderung auf die Energiewirtschaft zu. Was empfehlen Sie bezüglich eines effizienten Regulierungsmanagements?

Ich rate jedem Versorger dringend, einen Antidiskriminierungs-Beauftragten zu ernennen. Dieser überwacht nicht nur die Diskriminierungsfreiheit, sondern steuert auch die Kommunikation mit der Behörde. Denn nur mit einem professionellen Auftreten gegenüber dem Regulator beweist das Unternehmen, daß es Unbundling auch wirklich lebt.

ES: Wie läßt sich denn nach Ihrer Meinung ein Regulierungsmanagement am besten in die bestehende IT-Infrastruktur einbinden?

Nun, wer sein System bisher sauber eingerichtet hat, wird jetzt für seine Mühen belohnt. Beispielsweise ist die Berechtigungsvergabe einschließlich Do­kumentation ein Prozeß, der vollständig und nachvollziehbar zu beschreiben und zu leben ist. Wer bisher seine Berechtigungen eher lax ver­geben hat, wird sich spätestens jetzt damit auseinandersetzen müssen. Ein anderer Aspekt zielt auf die Nachvollziehbarkeit und Dokumentation von Prozessen ab. Von der Branche bisher unterschätzt werden die Vorgaben der GDPdU (Grundsätze des Datenzugriffs und Prüfung digitaler Daten, die Redaktion). Dabei liegt es auf der Hand - wer erst dem Regulator Datenzugriff gewährt und sich erst danach um die Grundsätze zum Datenzugriff und zur Prüfbarkeit digitaler Daten kümmert, muß einen Teil seiner Arbeit doppelt machen.

ES: Erschwerend kommt sicherlich hinzu, daß die Behörde noch nicht festgelegt hat, welche Daten sie konkret einmal abfragen wird.

Richtig. Trotzdem kann man sich darauf vorbereiten. Gut fährt derjenige, der sich schon vorher überlegt, welche Daten der Regulator brauchen könnte. Alleine ist man damit sicher überfordert. Aber neben einem Wirtschaftsprüfer, der den einen oder anderen Hinweis geben kann, gibt es inzwischen auch zahlreiche Angebote von Beratungsunternehmen. Letztlich sind dabei nur wenige Kernfragen zu beantworten, um ein Gefühl für zukünftige Anforderungen zu bekommen. Wie kann ich beweisen, daß meine Organisation diskriminierungsfrei ist? Wie weise ich nach, daß die erhobenen Netznutzungsentgelte angemessen sind? Sind diese Fragen beantwortet und die dafür notwendigen Daten identifiziert, ist die Umsetzung meist kein Problem mehr. Ob man nun die Informationen aus einem Business-Warehouse-System oder etwas umständlicher aus dem operativen System generiert, spielt dann keine Rolle. Denn für ein erfahrenes Beratungshaus sollten beide Aufgaben zum Tagesgeschäft gehören.

ES: Was sollte ein Energieversorgungsunternehmen konkret bezüglich der Diskriminierungsfreiheit der Daten beachten?

Informationen an sich sind weder diskriminierend noch diskriminierungsfrei. Ein Zählerstand ist und bleibt ein Zählerstand, mehr nicht. Insofern dürfte für den Regulator selbst eine Liste der Zählerstände uninteressant sein. Die Frage der Diskriminierung stellt sich erst beim Zugriff auf die Daten und Prozesse. Wäre ich Regulator, dann würde mich folgender Punkt interessieren: Wie stellt der Versorger sicher, daß es für seine Netzgesellschaft nicht vorteilhafter ist, das Netz für den eigenen Vertrieb statt für fremde Lieferanten zur Verfügung zu stellen.

Das Gespräch führte Michael Nallinger

Die command ag

Der SAP Business-Partner command bietet für die mittelständische Versorgungswirtschaft seit mehr als 20 Jahren Software und Dienstleistungen an. Kernstück des Portfolios ist die selbstentwickelte mySAP™ All-in-One-Lösung VUsprint. Sie ist speziell für die Branche voreingestellt und daher in kurzer Zeit einführbar. Es ist die einzige von SAP qualifizierte IS/U-Branchenlösung am deutschen Markt. Außerdem bietet command qualifizierte Beratung und Betreuung zu den jeweils aktuellen Branchenanforderungen wie die geforderte Entflechtung von Netzbetrieb und Stromerzeugung/-vertrieb gemäß EnWG.

ZUR PERSONKlaus Nitschke

- studierte Diplom-Wirtschaftsingenieurwesen mit der Fachrichtung Informatik/Opera­tions Research an der Technischen Hochschule Karlsruhe

- ist seit 1990 beim SAP-Systemhaus command

- leitet Projekte bei der ERP-Einführung im Mittelstand

- ist SAP-Berater für die Bereiche Materialwirtschaft (MM) und Vertrieb (SD)

- ist seit 1999 im Bereich Utilities verantwortlich u.a. für die Branchenlösung VUsprint

Erschienen in Ausgabe: 05/2005