Kette unter Strom

Digitales

Regulierung - Mit der Blockchain lässt sich Vieles machen im Energiesektor, sagen Experten. Sei es Prozessoptimierung, sei es dezentrale Versorgung. Aber die Regularien müssen es auch hergeben.

27. Februar 2018

Die Blockchain-Technologie ermöglicht, vereinfacht gesagt, eine fälschungssichere Dokumentation von Transaktionen in einem Netz ohne zentrale Instanz. Von der Konzeption her ist Blockchain prädestiniert für die Abwicklung der dezentralen Erzeugung aus regenerativen Energien. Hier könnte man ohne Vermittler wie Energieversorger oder Strombörsen die Energie kostengünstig handeln. Mit Smart Contracts ergeben sich weitere Anwendungen, auch in Verbindung mit intelligenten Stromnetzen. Eine Blockchain-Anwendung würde in diesem Szenario automatisch die komplette Abrechnung übernehmen.

Verfahrensweise

Solche Anwendungen setzen eine Neustrukturierung des Energiesektors voraus, sodass man davon ausgehen kann, dass die Marktreife frühestens in einigen Jahren erreicht wird. Dies ist nicht zuletzt abhängig von der weiteren Entwicklung der regulatorischen Rahmenbedingungen, aber auch von der Energietechnik. Blockchain-seitig ist hier ebenfalls noch Arbeit zu leisten: Erst wenn Blockchain-Anwendungen Benutzerfreundlichkeit, Stabilität und Datenschutz garantieren können, können sie bisherige Vermittler wirklich ersetzen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Validierung der neuen Blöcke in der Technologie. In offenen Blockchains erfolgt sie durch das Mining, für das ein Anreiz wie Bitcoins existieren muss, ohne den es für potenzielle Miner derzeit keinen Grund gäbe, den hohen Validierungsaufwand zu übernehmen.

Ob also Peer-to-Peer-Netze in der Energieversorgung überhaupt funktionieren werden, hängt am Ende davon ab, dass hier geeignete Verfahren gefunden und implementiert werden.

Effizienz für Unternehmen

Näher an konkreten Umsetzungen ist die Blockchain-Technologie bei den Energieunternehmen selbst. Unternehmen können mit geschlossenen Blockchains die Automatisierung vorantreiben, was zu geringeren Kosten und höherer Effizienz führt – beispielsweise bei Ablese- und Abrechnungsverfahren oder im Clearing. Möglich ist auch die Protokollierung von Gerätezuständen. Im Netzmanagement könnten wiederum Smart Contracts Angebot und Nachfrage von Energie regeln.

Auf Basis der Blockchain-Technologie können sich aber auch ganz neue Geschäftsmodelle entwickeln, etwa bei der E-Mobilität: Hier ist denkbar, dass beispielsweise Fahrzeuge direkt an Aufladestationen ihren Stromverbrauch per Blockchain-Anwendung mit dem Versorger abrechnen.

Generell steht die Blockchain aber immer auch mit anderen Ansätzen in Konkurrenz, etwa mit klassischen Datenbanklösungen. Es wurden bereits große Anstrengungen unternommen, die Prozesse zwischen den Teilnehmern des Energiemarktes mit digitalen Lösungen zu optimieren. Inwieweit die Blockchain-Technologie hier bessere Lösungen bietet, muss sich noch erweisen.

Rechte

Die Energieversorgung unterliegt strengen Regularien. Die Umsetzung von Geschäftsmodellen auf Basis der Blockchain-Technologie ist daher wesentlich davon abhängig, inwiefern entsprechende Bedingungen auf regulatorischer Ebene geschaffen werden. Dies wird eine Herausforderung für die nächsten Jahre sein, denn die bisherigen Rahmenbedingungen und rechtlichen Vorgaben reichen nicht aus.

Vor allem sind die rechtlichen Pflichten der Teilnehmer an einem dezentralen Markt zu klären. Bisher müssen die Energieversorger etwa neben einer Gewerbeanmeldung auch eine Zulassung vorweisen. Aber dies generiert hohe Transaktionskosten, die den Einstieg in den Markt erschweren.

Bilanzkreis

Die Abnehmer der im Peer-to-Peer-Netz gehandelten Energie werden außerdem zu Bilanzkreisverantwortlichen, sind also für die Abstimmung von Stromverbrauch und Energielieferung zuständig – nach geltenden Regelungen mit entsprechenden Pflichten hinsichtlich Risikomanagement und zu hinterlegenden Sicherheiten. Wie sich die energiewirtschaftlichen Bilanzkreise auf der Blockchain abbilden lassen, ist dabei noch offen. Auch wem die Rolle des Messstellenbetreibers zufällt, ist noch ungeklärt. Geklärt werden muss auch die Frage der Haftung bei Schäden oder Ausfällen.

Die Vielzahl der offenen Baustellen zeigt, dass der Einzug der Blockchain-Technologie in den Energiesektor nur sukzessive erfolgen kann. Auch wenn der Blockchain-Hype derzeit groß ist, der disruptive Charakter der Technologie hält sich gerade im stark regulierten Energiesektor in Grenzen.

Dr. Thorsten Deckers, NTT Security

Erschienen in Ausgabe: 01/2018

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