Klarheit per Datenbank

HANDEL Seit dem 1. Oktober ist der deutsche Erdgasmarkt offiziell geöffnet. Probleme gibt es reichlich - eines ist die große Informationsflut. Hinzu kommen strittige Marktmodelle.

14. November 2006

Bis vor wenigen Monaten noch scheiterten Gastransporte in Deutschland an fehlenden Informationen und damit unzureichender Transparenz des Marktes. Inzwischen bemühen sich jedoch viele Netzbetreiber, die notwendigen Daten bereitzustellen.

Selbst Informationen zu den Netzkoppelpunkten sind mittlerweile in Form von Listen zu regionalen und örtlichen Verteilnetzen greif bar. Diese beinhalten mancherorts sogar die von der Bundesnetzagentur (BNA) geforderten Gauß-Krüger-Koordinaten zur Angabe des Standortes und/oder die gemeinsamen Koppelpunktbezeichnungen.

Die Folge: Aus dem Informationsdefizit ist nun eine Informationsflut geworden. Diese ist schwer zu überblicken und wird kaum sinnvoll und komplett verarbeitet. Ein Indiz dafür ist etwa, dass sich bis Mitte September lediglich sechs Netzbetreiber am Kapazitäts- und Entgeltrechner (KuER) des BGW (Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft) beteiligten, obwohl der Gesetzgeber dieses vorschreibt.

Bisher hat weniger als die Hälfte der Netzbetreiber die Kooperationsvereinbarung mit dem Verband unterzeichnet. Wie also sollen die Marktteilnehmer der Informationsflut Herr werden?

Um den Gasmarkt klar zu gestalten, bedarf es einer neutralen, netzübergreifenden und die Daten aller Netzbetreiber zusammenfassenden Informationsquelle. Diese sollte alle Netznutzungsbedingungen abbilden, schnellen Zugriff auf die erforderlichen Daten gewährleisten und deren einfache Verarbeitung ermöglichen. Nur so können sämtliche Marktteilnehmer auf denselben Kenntnisstand gebracht werden.

Zur Zeit gibt es dafür nur ein entsprechendes Angebot im Markt: die Datenbank Netznutzung Gas der ene’t Energieberatung und -dienstleistung GmbH, Hückelhoven. Jüngst hat sich die BNA für diese Datenbank entschieden. Auch große Unternehmen wie RWE, E.on oder EnBW greifen darauf zurück.

Marktmodell wichtig

Die Datenbank beinhaltet sämtliche Stammdaten der Netzbetreiber, vollständige Angaben zu Teilnetzen und Netzbereichen, zu Netzkoppelpunkten und deren Zuordnungen. Zudem stehen erforderliche Daten zu Speichern, Speicherbetreibern und Eigentumsverhältnissen per Mausklick zur Verfügung. Enthalten sind auch die aktuellen Preise und Sonderkonditionen zu den für einen Gastransport erforderlichen Leistungen.

Markttransparenz allein reicht jedoch nicht aus, um den freien Gashandel in Deutschland zu fördern. Wichtig ist auch das Marktmodell, nach dem Kapazitätsplanungen und Buchungen im Gasnetz vorgenommen werden. Deutschland geht hier zur Zeit innerhalb der EU einen Sonderweg, der vermutlich nicht lange durchzuhalten ist. So kommen hierzulande zwei Marktmodelle zur Anwendung: das Zweivertrags- und das Optionsmodell. Während das erste den Gashandel erleichtert, stellt sich die Situation beim zweiten schwieriger dar.

Viele Gashändler sträuben sich gegen das Optionsmodell, nicht zuletzt auch wegen der Schwierigkeit, freie Kapazitäten zu buchen. So sind durch bestehende Lieferverträge die Verteilnetze häufig über lange Zeit ausgebucht, stehen die Ampeln der Koppelpunkte auf Rot. Chancen für die Händler, hier den richtigen Durchgangszeitpunkt zu erwischen, sind mehr oder weniger gering. Damit besteht die Gefahr, dass der Lieferstatus zementiert wird. Aufkeimender Wettbewerb kommt schnell zum Erliegen.

Immerhin versucht die BNA Chancengleichheit zwischen Zweivertrags- und Optionsmodell dadurch herzustellen, indem sie gleiche Endpreise für einen Gastransport nach beiden Modellen vorschreibt.

Unabhängig jedoch, welches Modell sich langfristig durchsetzt: Um heute die Rendite eines Gastransports zuverlässig beurteilen zu können, braucht der Händler Informationen, die beide Modelle berücksichtigen. Auch hier ist die Datenbank Netznutzung Gas von ene’t die derzeit einzige verfügbare Quelle.

Markttransparenz und Zweivertragsmodell sind der geeignete Rahmen für den Wettbewerb. Funktionieren kann er dann, wenn auch die Preise stimmen. Gemeint ist deren Verlässlichkeit und Konkurrenzfähigkeit.

Erfahrungen im Strommarkt zeigen, dass Entscheidungen der Regulierungsbehörde nicht selten von Energieversorgern angefochten und darauf hin gerichtlich rückgängig gemacht werden. Es bleibt abzuwarten, wie verlässlich sich die genehmigten Entgelte im Gasmarkt darstellen.

Alle Preisbestandteile

Die Konkurrenzfähigkeit der Preise ist absehbar, wenn tatsächlich alle Preisbestandteile bekannt sind. Die bisher genehmigten Entgelte enthalten zum Beispiel noch nicht die Tarife der vorgelagerten Netze. Bei TEN Thüringer Energie AG weiß der Händler, dass er für einen Jahresgasverbrauch von zum Beispiel 10.000 kWh für die Netznutzung 144,10 € zahlen muss.

Für die vorgelagerten Netze beträgt der günstigste Transportpreis nach Entry-Exit-Modell zum Beispiel für einen Transport von Eynatten/Raeren (Belgien) über E.on HGas Mitte und E.on H-Gas Süd ins Netz der TEN etwa 20 € je kWh/h/Jahr. Bei einer Benutzungsdauer von circa 1.700 Stunden fallen somit weitere rund 120 € Transportkosten für die vorgelagerten Netze an. Die Netznutzungskosten summieren sich somit auf rund 265 €. Im günstigsten Tarif, der zur Zeit den Endkunden von TEN für diese Verbräuche angeboten wird, zahlt ein Kunde mit einem Verbrauch von 10.000 kWh 594 € netto pro Jahr. Zieht man die Differenz zwischen Endkundenpreis und Transportkosten, verbleiben 3,3 ct/kWh. Hiervon müssen der Gaseinkauf getätigt, der eigene Aufwand bestritten, Risikoaufschläge und Margen gedeckt werden.

Peter Martin Schroer

Erschienen in Ausgabe: 11/2006