Kleine wollen groß herauskommen

Kraftwerk SüdWestStrom hat mit dem Bau eines 2-mal 800 MW großen Steinkohlekraftwerks in Brunsbüttel die Tür zu einem Großkraftwerksprojekt aufgestoßen. Der spanische Energiekonzern Iberdrola beteiligt sich als Partner und Betreiber.

31. August 2007

Ein Kohlekraftwerk im angebrochenen Zeitalter des CO2-Zertifikatehandels zu bauen, erscheint auf den ersten Blick kostspielig. Der zweite lässt jedoch den wirtschaftlichen Aspekt in bunten Farben vor dem inneren Auge aufblinken. »Neue Kohlekraftwerke weisen im Vergleich zu alten erheblich höhere Wirkungsgrade auf«, so Bettina Morlok, Geschäftsführerin des Tübinger Kooperationsunternehmens SüdWestStrom Kraftwerk GmbH & Co. KG. Im nächsten Jahr wird das Unternehmen, dem aktuell über 60 Stadtwerke angehören, zusammen mit dem weltweit führenden spanischen Energiekonzern Iberdrola die Genehmigung für ein 2-mal 800-MW-Steinkohlekraftwerk am Standort Brunsbüttel bei Hamburg in Auftrag geben. 2012 könnte je nach Vorankommen des Herstellers die Inbetriebnahme erfolgen.

Doch was treibt regionale Energieversorger, die sich bislang nur an Kleinwasserkraftwerken oder Photovoltaikanlagen beteiligt haben, dazu, konkurrenzfähige dezentrale Großkraftwerke zu errichten?

Schwerpunkt Eigenerzeugung

»Der Wettbewerb«, sagt Morlok. Fakt sei, dass das neue Energiewirtschaftsgesetz und die damit verbundenen Netzentgeltkontrollen lediglich noch die Wertschöpfungsstufe ›Stromerzeugung‹ für die Stadtwerke interessant mache. Der Zugang zu Kraftwerkskapazitäten, die autonom sind von den vier marktbeherrschenden Energiekonzernen, verhelfe den Stadtwerken zu einer langfristigen Absicherung des Strombedarfes zu kalkulierbareren und stabilen Preisen.

Die Intention hinter der Auswahl von Kraftwerksprojekten liege für SüdWestStrom, so Morlok, in der Gleichwertigkeit aller Kraftwerkstypen. Ihrer Meinung nach haben, trotz Bevorzugung der Gas- und Dampfturbinen- Anlagen, auch Kohlekraftwerke weiterhin ihre Berechtigung auf dem Energiemarkt und werden für die wirtschaftliche Stromproduktion benötigt. Des Vorhabens Schmied ist die SüdWestStrom nicht allein. Mit der spanischen Iberdrola hat sie einen Partner, der sich durch »umfassendes technologisches Know-how« auszeichne. Der Umsatz der Iberdrola bei 12 Mrd. € in 2005 und deren 28.000 MW großer Kraftwerkspark waren schlagkräftig.

»Für diese Partnerschaft entscheidend war für uns, dass Iberdrola und deren Tochterunternehmen Iberinco gemeinsam mit bekannten Kraftwerksherstellern weltweit erfolgreich Kraftwerksneubauten und deren Betrieb anbietet«, erklärt die Geschäftsführerin. Zudem könnten mit einem Partner, der einen Anteil am Kraftwerksprojekt und daher ein großes Eigeninteresse an optimaler Realisierung hat, die Interessen gegenüber den Kraftwerksherstellen besser vertreten werden.

Dabei haben die beiden Unternehmen, die zu gleichen Konditionen Strom aus den gemeinsam entwickelten Kraftwerksprojekten beziehen, klar abgesteckte Arbeitsbereiche: Die SüdWestStrom kann ihre Stärken als lokale Partnerin in der Standortsicherung, der Öffentlichkeitsarbeit und im Genehmigungsverfahren einbringen. Der spanische Konzern ist dagegen federführend in Planung, Bau und Betrieb, ohne dabei die Konkurrenz aus den Augen zu verlieren: »Bau und Betrieb wird Iberdrola im Wettbewerb mit anderen Unternehmen anbieten«, so Morlok. Vor dem Hintergrund der Vielzahl an Kraftwerksneubauten stellt sich die Frage, ob die Absetzung der produzierten Strommenge auch sichergestellt ist. Morlok bejaht dies. Das Kraftwerk habe, so die Geschäftsführerin mit Bezug auf Expertenmeinungen, einen klaren Standortvorteil, der es wettbewerbsfähig mache.

Weit Über 15 Mio. € eingespart

Aufgrund der geplanten Lage am Elbehafen kann die Steinkohle, die bei zwei Blöcken rund 4 Mio. t im Jahr betragen wird, direkt mit Hochseeschiffen antransportiert werden. Der Umschlag in Rotterdam oder die Verladung auf kleinere Schiffe entfällt dadurch. Gegenüber einem klassischen Binnenstandort in NRW mit Kohleanlieferungskosten von Rotterdam von circa 3,50 € pro Steinkohleeinheit könne in Brunsbüttel laut Morlok über 15 Mio. € Betriebskosten eingespart werden. »Niedrigwasserzuschläge, zum Teil noch einmal fast in gleicher Höhe, fallen in Brunsbüttel ebenfalls nicht an«, so Morlok.

Die Elbe beschert der Kooperation noch einen weiteren Vorteil: Die Bedingungen vor Ort ermöglichen eine Frischwasserkühlung statt des sonst üblichen Kühlturmes. Gegenüber Standorten mit Kühlturm ist dadurch noch einmal ein um ein bis zwei Prozent höherer Wirkungsgrad in Brunsbüttel möglich. Einzige Hürde für das Steinkohlekraftwerk sei, wie an jedem Standort, das Genehmigungsverfahren mit öffentlichem Erörterungstermin. Morlok bleibt jedoch zuversichtlich: »Die Brunsbütteler Bürger leben bereits seit Jahren mit der Großindustrie. Daher ist von dieser Seite nicht mit Schwierigkeiten zu rechnen«.

Der Ersatz für das ortsansässige und in letzter Zeit medienpräsente Atomkraftwerk steht ab voraussichtlich 2009 ohnehin noch aus. (ds)

KooperationGemeinsame Projekte

Neben dem bereits in Planung befindlichen Steinkohlekraftwerk in Brunsbüttel prüft SüdWestStrom zusammen mit Iberdrola weitere gemeinsame Standorte für Kraftwerksprojekte in Deutschland. »Die Standortsuche konzentriert sich auf 1- oder 2-mal 800-MW-Steinkohlekraftwerksblöcke und 1- oder 2-mal 400-MW-GuD-Anlagen«, so Süd-WestStrom-Geschäftsführerin Bettina Morlok. Aktuell laufen Verhandlungen zur Optionierung eines geeigneten Grundstückes für eine 400-MW-GuD-Anlage in Süddeutschland.

Erschienen in Ausgabe: 09/2007