»Klimabeitrag wäre volkswirtschaftlich effizienter gewesen«

Markt

Stadtwerke München - Der Vorsitzende der SWM-Geschäftsführung, Dr. Florian Bieberbach, ist mit der Blaupause der Bundesregierung zur Energiewende soweit zufrieden. Doch ein Kapazitätsmarkt bleibt für ihn ein Muss.

31. August 2015

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel nennt das neue Papier zur Energiewende »Blaupause«. Wie bewerten Sie diesen Kompromiss?

Grundsätzlich bin ich froh, dass man nach langen Diskussionen eine Einigung erzielt hat. Dass beide Gleichstromtrassen gebaut werden sollen, ist richtig und begrüßenswert. Die teilweise Verlegung unter der Erde wird zwar recht teuer, dafür kommen die Leitungen jetzt aber mit Sicherheit.

Womit sind Sie weniger zufrieden?

Mit der Braunkohlereserve. Meiner Ansicht nach wäre der Klimabeitrag das volkswirtschaftlich effizientere Instrument gewesen. Die Braunkohlereserve ist eine teure Lösung und letztlich eine Strukturbeihilfe für Nordrhein-Westfalen und Teile Ostdeutschlands, die nun die Stromkunden über den Strompreis bezahlen. Sigmar Gabriel hat für den Klimabeitrag geworben, ist aber offenbar überstimmt worden.

Zudem muss ein Leistungs- oder Kapazitätsmarkt kommen, um bei einem 80-prozentigen Anteil von erneuerbaren Energien flexible Back-ups für die kalten, dunklen Flauten zur Verfügung zu haben. Braunkohlekraftwerke eignen sich aus Kostengründen dafür nicht. In Frage kommen offene Gasturbinen oder Speicher.

Beide Optionen sind momentan nicht wirtschaftlich. Welche halten Sie für zukunftsträchtiger?

Nach heutigem Stand Gasturbinen. Das können einfache, billige offene Gasturbinen sein, die darauf ausgelegt sind, nur 500 Stunden im Jahr zu laufen. Wenn Batteriespeicher einen drastischen Preisverfall erleben, dann werden diese das übernehmen. Das steht und fällt mit der Frage, was am Schluss effizienter ist und sich am Markt durchsetzt. Ein klug designter Energiemarkt der Zukunft ist im Wesentlichen ein Kapazitäts- beziehungsweise Leistungsmarkt, auf dem die Technologie zum Zug kommt, die am günstigsten gesicherte Leistungen bereitstellen kann.

Ab wann wird ein Kapazitätsmarkt nötig sein?

Wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien weitergeht und Kohle, Nuklearenergie sowie andere konventionelle Energieträger wie Öl in Europa wirklich vom Markt gehen, wird spätestens in den 2030er-Jahren eine Form von Leistungs- oder Kapazitätsmarkt gebraucht. Denn das knappe Gut wird dann die CO2-arme installierte Leistung sein, nicht die erzeugte Kilowattstunde.

Wo stehen Sie mit Ihrer Ausbauoffensive Erneuerbare Energien aktuell?

Vom Stadtrat wurden 2008 zwei Ziele für die SWM beschlossen: Bis 2015 sollen wir so viel Ökostrom in eigenen Anlagen produzieren, wie alle Privathaushalte verbrauchen, bis 2025 so viel, wie ganz München benötigt. Das 2015er Ziel wurde dann noch um den Bedarf von U-Bahn und Tram erweitert. Dieses Ziel haben wir kürzlich erreicht.

In Zahlen heißt das?

Ganz München benötigt etwa sieben Terrawattstunden Strom im Jahr. Derzeit erzeugen wir in unseren Anlagen europaweit rund 2,5 Terrawattstunden aus erneuerbaren Energien. Das ist schon deutlich mehr als Haushalte und ÖPNV in München verbrauchen. Ermöglicht hat dies die Inbetriebnahme der Offshore-Windparks Gwynt y Môr und DanTysk in diesem Jahr. Mit den Projekten, die sich jetzt noch im Bau befinden, erreichen wir die 50-Prozent-Marke. Im Herbst geht der Offshore-Windpark Global Tech I ans Netz. Kürzlich war vor Sylt Baustart beim Dan-Tysk-Schwesterprojekt Sandbank. Sobald es in Betrieb geht, entspricht unser Anteil an Offshore-Windparks über einem Drittel des Münchner Strombedarfs. Windenergie bildet in unserer Ausbauoffensive die Grundlage, weil sie kosteneffizient ist und das größte Potenzial hat.

Haben Sie in diesem Bereich noch mehr Pläne?

Wir führen Gespräche im Onshore- und Offshore-Bereich. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

In Bayern sind wegen der Abstandsregelung 10H bei den SWM von über 30 Projekten nur zwei übrig geblieben. Wie soll es weitergehen?

Ein vielversprechendes Projekt steht auf Halt. Ein anderes Projekt lebt gerade wieder auf. Das ist ein permanentes Kommen und Gehen. Auf dem Entsorgungspark in Freimann wollen wir auf jeden Fall ein weiteres Windrad im Münchner Stadtgebiet bauen. Hier steht aber noch die abfallrechtliche Genehmigung aus. Wie viele Projekte letztlich umgesetzt werden, darüber kann ich im Moment keine Prognose abgeben. Bayern ist ein sehr schwieriges Land für Windenergie, so wie Baden-Württemberg. Auch da, wo 10H eingehalten wird, sind Projekte gescheitert, weil den Leuten eingeredet wird, dass Windräder gefährlicher seien als Kernkraftwerke.

Stichwort Kernkraft. Wie schätzen Sie den Kernkraftausstieg ein?

Die wegfallenden Kapazitäten können kompensiert werden. Auch die Netzthemen, die in Bayern nach dem Ende von Isar 2 anstehen, sind beherrschbar.

Spätestens, wenn die zwei Gleichstromtrassen gebaut sind, kann der deutsche Strommarkt den Wegfall der Kernkraft verkraften. Zum Thema Rückbau beobachten wir mit Interesse die Diskussionen über Rückbauverpflichtungen und Rückstellungen. Wir favorisieren eine Fondslösung. Wir sind in der für Deutschland wohl einmaligen Situation, dass wir die Rückstellungen für unseren Kernkraftwerksanteil voll dotiert haben. Das heißt, wenn eine Fondslösung käme, könnten wir unseren Anteil ganz kurzfristig in Cash hinterlegen.

Seit vielen Jahren ist das Deckungsvermögen als entsprechendes Finanzvermögen in unserer Bilanz separat ausgewiesen, sodass wir sehr flexibel und für alle Lösungen offen sind. Schwieriger ist es bei den großen Betreibern, die diese Deckung nicht zu 100 Prozent haben und gar nicht in der Lage wären, kurzfristig diese Rückstellungen mit Cash zu dotieren.

Dazu fiel der jährliche Investitionsumfang mit über einer Milliarde Euro in den letzten Jahren hoch aus. Wie managen Sie das?

Unser Vorteil ist, dass wir in die Ausbauoffensive Erneuerbare Energien mit einer sehr gesunden Bilanzstruktur gestartet sind. Anders als andere Unternehmen hatten wir keine Verschuldung und sogar Finanzvermögen, sodass wir mit einer sehr hohen Investitionskraft starten konnten. Davon zehren wir bis heute. Inzwischen ist der Schuldenstand stark gestiegen, aber die Bilanzstruktur ist immer noch sehr gesund.

Wir haben immer noch eine Eigenkapitalquote um die 50 Prozent und im Vergleich zu unserem Cashflow eine relativ geringe Verschuldung. Dadurch können wir Investitionen in erheblichem Umfang über Darlehen finanzieren. Dazu kommt, dass wir von Anfang an nur auf wirtschaftliche Projekte gesetzt haben, die innerhalb von ein paar Jahren wieder Cashflow liefern.

So können wir die Investitionen in den nächsten zehn Jahren auch sehr stark aus den Rückflüssen der ersten Jahre finanzieren. Die Ausbauoffensive Erneuerbare Energien wird somit in diesem Jahr, spätestens im nächsten, zu einer sich selbst finanzierenden Ausbauoffensive werden.

Behalten Sie die Höhe der Investitionen bis 2025 so bei?

Die Investitionen werden stärker schwanken als in der Vergangenheit. Tendenziell werden sie ein bisschen zurückgehen. Dennoch werden sie in den nächsten zehn Jahren auf einem sehr hohen Niveau bleiben.

Ihr virtuelles Kraftwerk läuft seit 2010. Lohnt es sich? Wie steht es am Regelenergiemarkt?

Die laufenden Kosten können gedeckt werden. Ob sich das lohnt und langfristig ein lukratives Geschäftsmodell ist oder eines, das sich gerade einmal so trägt, wird die Zukunft zeigen. Das ist auch sehr von politischen Entscheidungen abhängig, die schwer zu prognostizieren sind. In unserem virtuellen Kraftwerk vermarkten wir bundesweit derzeit rund 900 Megawatt, davon 150MW an Regelenergie. Dies sind steuerbare Lasten vornehmlich aus Blockheizkraftwerken, Wasserkraftwerken und Biogasanlagen. Allerdings sind am Regelenergiemarkt die Preise im Zug steigender Teilnehmer und gesenktem Leistungsbedarf stark gefallen.

Josephine Bollinger-Kanne

Vita

Dr. Florian Bieberbach

Seit 2002 bei den SWM tätig, hat der gebürtige Münchner Florian Bieberbach 2013 den Vorsitz der Geschäftsführung übernommen. Zuvor war er zwei Jahre bei der Deutschen Bank im Global Investment Banking in London beschäftigt. An der TU München war Bieberbach bis 2000 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig und hat dort 1997 das Diplom in Informatik erworben. 2001 hat er im Fach Wirtschaftswissenschaften promoviert und ist heute Honorarprofessor für Energiemärkte an der TU München.

Erschienen in Ausgabe: 07/2015