Klimaneutrale Alternative

Titelgeschichte

Biomethan ermöglicht nahezu CO2-neutrale und gleichzeitig äußerst wirtschaftliche Mobilität. Das entdecken mehr und mehr kommunale Versorger. Entscheidender Vorteil gegenüber der E-Mobilität: Der umweltfreundliche Energieträger schließt nahtlos an die in 15 Jahren trotz Nischendasein gewachsene und technisch ausgereifte Erdgasmobilität an.

29. November 2011

> Erdgasmobilität 2.0 Seit August 2011 geben die Erdgas-Zapfsäulen, die es an zehn Tankstellen in München gibt, zu 100% regenerativ erzeugtes Biomethan ab, das nur aus agrarischen Reststoffen hergestellt wurde. Deutschlands drittgrößte Stadt ist damit Musterbeispiel eines Trends, dem bereits auch eine ganze Reihe mittlerer und kleinerer Städte folgt.

Konnte der kostengünstige Treibstoff Erdgas bislang nur im direkten Vergleich mit Benzin und Diesel deutliche Umwelt-Vorteile verbuchen, so lässt sich mittlerweile dank Biomethan ein Klimaschutzpotenzial darstellen, das auch die Gegenüberstellung mit der Elektromobilität mit Bravour besteht. Denn mit der Betankung durch Biomethan verbessert sich die Schadstoff- und Umweltbilanz jedes mit Erdgas betriebenen Fahrzeugs nochmals deutlich: Das aus der Verwertung agrarischer Reststoffe erzeugte Methan macht den Betrieb eines Verbrennungsmotors nahezu CO2-neutral möglich.

Gleichzeitig gilt der Kostenvorteil für Erdgas als Treibstoff auch mit Biomethan, das die gleiche chemische Zusammensetzung hat. Die für 100km anzusetzenden Treibstoffkosten liegen um rund 50% unter denen für Benzin und um rund 30% unter denen für Diesel – und damit etwa gleich mit den Stromkosten, die beim Betrieb eines Elektrofahrzeugs heute gerechnet werden müssen.

In einigen weiteren Punkten unterscheidet sich sowohl die herkömmliche als auch die regenerative Erdgasmobilität von der Elektromobilität: Der Anschaffungspreis für ein Erdgasfahrzeug liegt im Bereich von Dieselfahrzeugen – und damit deutlich unter Elektromobilen. Noch entscheidender ist die Reichweite, die etwa mit einem 20- bis 25-kg-Gastank bei rund 500km liegt. Das aktuelle Netz von deutschlandweit etwa 900 Erdgastankstellen ermöglicht in den meisten Fällen ausschließlichen Gasbetrieb ob mit Biomethan oder Erdgas. Und im Notfall schaltet der Motor auf die systembedingt vorhandene Benzin-Reserve um.

Weiterentwicklung angestoßen

Mit der Elektromobilität hat die auf regenerativ erzeugtem Methan basierende Erdgasmobilität allerdings eine Gemeinsamkeit: Methanmoleküle lassen sich ebensowenig wie Elektronen nach der Farbe sortieren. Wenn Biomethan am Erzeugungsort ins Erdgasnetz gespeist wird, kann der Nutzer nur rein rechnerisch seinen ganz persönlichen CO2-Vermeidungsbeitrag bestimmen. Tatsächlich hat er eine Mischung im Drucktank, in der der Anteil von fossilem Methan noch bei Weitem überwiegt – nicht anders als der E-Mobil-Fahrer, in dessen Batterie sich trotz Ökostromvertrag mehrheitlich fossil erzeugter Strom befindet.

Ausbau ohne Tank-Teller-Konflikt

Doch in der Gesamtrechnung verspricht das Konzept eine deutliche Verringerung der Treibhausgase, ganz abgesehen von anderen Schadstoffen, die im Vergleich zu anderen fossilen Treibstoffen bereits bei fossilem Erdgas gar nicht erst auftreten können. Deshalb möchten die Partner der Initiative Erdgasmobilität (ADAC, Fahrzeughersteller, Gaswirtschaft und andere) unter der Koordination der dena das Thema breit vorantreiben: Während die Bundesregierung den Biomethananteil ganz allgemein am gesamtdeutschen Gasaufkommen in 10-Jahresschritten erst auf 6% und dann auf 10% gesteigert sehen möchte, haben die Initiativpartner konkret bezogen auf das insgesamt in Deutschland als Kraftstoff eingesetzte Erdgas eine 20-%-Beimischung von Biomethan zum Ziel – bei einer Steigerung des Fahrzeugbestands von derzeit knapp 90.000 auf 1,4 Millionen bis 2020.

Das verlangt den massiven Ausbau von Strukturen und Kapazitäten. Das Potenzial ist da, sagt Claus Sauter, CEO der Verbio AG – und zwar ohne Rückgriff auf Rohstoffe, die damit der Nahrungsmittelproduktion entzogen würden. Verbio engagiert sich daher in der Initiative für Erdgasmobilität und will bis 2015 seine Produktionskapazität von heute rund 480GWh auf 2.000GWh ausbauen.

Aktuell erweitert das Unternehmen die beiden 30-MW-Anlagen in Zörbig und Schwedt/Oder, in denen landwirtschaftliche Reststoffe wie Stroh und Schlempe zu Biogas verarbeitet werden Zörbig wird Anfang 2013 eine Leistung von 50MW und Schwedt von 70MW haben.

Beide Anlagen können ab 2012 größere Mengen an Stroh verarbeiten. Bei Getreidestroh sieht Verbio damit dennoch erst kleine Teile des vorhandenen Potenzials genutzt, »selbst wenn man abrechnet, was die Landwirte zum Unterpflügen oder Einstreuen benötigen, oder was anderweitig benötigt wird«. Große Mengen Stroh verrotten heute noch ungenutzt.

Mehr Abnehmer finden

Bezüglich der bundesweit im Bereich Mobilität anvisierten CO2-Einsparungen geht die Gesamtrechnung allerdings nur auf, wenn dem Ausbau der Biomethanerzeugung auch konkrete Abnehmer gegenüberstehen. Daher ist die Vermarktung bei Verbio zweites wichtiges Standbein der Biomethan-Strategie. Dabei geht es nicht nur um Individualmobilität, sondern um Flotteneinsatz etwa im öffentlichen Nahverkehr.

Die Vereinbarung mit den Kunden hat einen ganz einfachen Mechanismus: Für jedes an einer über das öffentliche Gasnetz versorgten Zapfsäule getankte Kilogramm Erdgas speist Verbio die gleiche Menge Biomethan in das öffentliche Netz ein. Der Verbraucher kann also durch die Entscheidung, an diesen Zapfsäulen zu tanken, die Zusammensetzung des Gasgemisches im Netz beeinflussen und für eine Erhöhung des Biomethananteils sorgen was letztendlich ein Beitrag zum Klimaschutz ist.

In den vergangen Monaten folgten die Meldungen von neuen kommunalen Vertragspartnern, für die ein solcher Ansatz schlüssig erschien, Schlag auf Schlag. In Wernigerode tanken mittlerweile 26 Erdgasbusse Biomethan. Zudem ist der Kraftstoff für Privatfahrer und gewerbliche Flottenbetrieber verfügbar. Zu den neuen Vertragspartnern von Verbio gehören weiter Aschaffenburg, Braunschweig, Dessau, Schwedt und Wittenberg. Und das jüngste Beispiel: Seit Anfang November haben die Stadtwerke Augsburg ihre belieferten Erdgastankstellen auf 100% Biomethan von Verbio umgestellt.

Augsburg war vor 15 Jahren die erste Modellstadt Erdgasmobilität und hat daher noch immer bundesweit die größte Dichte an privaten Erdgasfahrzeugen. Doch auch gewerbliche und kommunale Flotten sowie der Bestand der kommunalen Nahverkehrsbusse stützt sich auf Erdgas. Mit Biomethan fahren die rund 100 Busse im Regelbetrieb jetzt nahezu CO2-neutral. Das Beispiel Augsburg zeige, so Stadtwerke-Geschäftsführer Dr. Claus Gebhardt: »Mit Bio-Erdgas kann schon heute jeder umweltschonend unterwegs sein.« Und das, so ergänzte Claus Sauter in Augsburg, »ohne Mehrkosten für den Verbraucher, aber mit maximalem Klimaschutz«. (vt)

Claus Sauter gründete 2006 gemeinsam mit Dr.-Ing. Georg Pollert die Verbio Vereinigte Bioenergie AG. Wesentliche Grundsätze des Unternehmens sind Nachhaltigkeit und die Regel »Erst Teller, dann Tank.«

Riesige Maisfelder haben auch diesen Herbst wieder zu heftigen Diskussionen geführt – selbst nachhaltig produzierte Biokraftstoffe überwinden kaum herrschendes Misstrauen. Besteht eine Chance, die verbreitete Gleichsetzung Maisanbau = Biogas richtigzustellen?

Ja, auf jeden Fall, denn es gibt alternative Wege! Wir sind von Bioenergie überzeugt, ohne die eine Energiewende kaum zu schaffen sein wird. Unsere Biokraftstoffe sparen bis zu 90 Prozent CO2. Was jetzt in Politik und Wirtschaft als Lösung für die bisherigen Probleme bei der Biogaserzeugung diskutiert wird, hat Verbio bereits in der Praxis realisiert. Teller geht bei uns vor Tank. Ab 2012 stellen wir Biogas auch aus Stroh her und gehen so weiter konsequent einen anderen Weg als die ›Vermaisung‹.

Wie viel Biomethan kann denn hergestellt werden, wenn nur Reststoffe zum Einsatz kommen?

Verbio kann aktuell theoretisch ein Fünftel der deutschen Erdgasnachfrage an Tankstellen decken. Das ist nur ein Bruchteil des Potenzials in Deutschland und Europa. Eine Studie von Bloomberg aus dem Jahr 2010 zeigt, dass in den 27 EU-Staaten jährlich mehr als 220 Millionen Tonnen landwirtschaftliche Reststoffe anfallen. Das entspricht fast der Getreideernte aller EU-Länder im Jahr 2010. Mist und Gülle sind in dieser Betrachtung noch gar nicht berücksichtigt. Das Deutsche Biomasseforschungszentrum hat kürzlich errechnet, das allein in Deutschland jedes Jahr acht bis 13 Millionen Tonnen Stroh gar nicht genutzt werden. An dieses Potenzial wollen wir ran, denn es vervielfacht die Gasmenge, ohne dass man wertvolle Ressourcen einsetzt, die in der Nahrungsmittelproduktion viel besser aufgehoben sind.

Doch bevor mehr Biomethan produziert wird, müssten zunächst einmal auch die Zulassungszahlen für Erdgasfahrzeuge deutlich steigen ...

Aktuell gibt es knapp 90.000 Erdgasfahrzeuge in Deutschland. In der Tat ist es verwunderlich, dass der Marktanteil dieser Fahrzeuge nicht höher ist. Dabei spricht alles dafür – die CO2-Bilanz, die Kosten und die erprobte, allgemein verfügbare Technik. Daher sind wir zuversichtlich, dass noch mehr Autofahrer hier umdenken werden. Hinzu kommt das Potenzial im Lkw. Leider ist dort die Gastechnik heute auf dem Stand der 70er-Jahre. Mit einem effizienten Gasmotor im Lkw ließen sich die Kraftstoffkosten um mehr als 50 Prozent reduzieren.

Das wird aber noch dauern. Wie treiben Sie das Thema aktuell weiter?

Verbio liefert Biogas aus Reststoffen zum selben Preis wie Erdgas, was wirklich umwelt- und klimaschonende Mobilität möglich macht. Wir konzentrieren uns derzeit darauf, Stadtwerke zu beliefern, die die Mehrzahl der Erdgastankstellen betreiben. So erreichen wir auch die privaten und öffentlichen Verbraucher. Zudem setzen viele Städte große Erdgas-Busflotten ein. Im nächsten Schritt zielen wir auf die großen Lkw-Fuhrparks . Bei herkömmlichen Diesel-Lkw lassen sich durch eine einfache Umrüstung Biogas einsetzen und somit Kosten sparen. Wir testen das im Moment in unserem eigenen Fuhrpark und die bisherigen Ergebnisse sind sehr vielversprechend.

Erschienen in Ausgabe: 04/2011