Klimawende Down Under

Australien Das Energieprogramm der neuen Labor-Regierung setzt neben den erneuerbaren Energien auch auf saubere Kohle. Speziell Clean-Coal-Projekte stehen beim viertgrößten Kohleexporteur im Fokus.

08. April 2008

Ende vergangenen Jahres fand eine Meldung aus Australien weltweite Aufmerksamkeit: Die inzwischen abgewählte Regierung wolle die Glühbirne verbannen und die Bürger zum Einsatz von Energiesparlampen verpflichten. Damit war klar, dass sich im kleinsten Kontinent der Erde gerade eine klimapolitische Wende vollzieht. Australiens Energie-Mix besteht zu fast 80 % aus Stein- und Braunkohle, 12 % aus Gas und 8 % aus erneuerbaren Energien. Die Ziele der neuen Labor-Regierung sind sogar noch ambitionierter:

- Für die erste Kyoto-Bemessungsphase bis 2012 verpflichtet sich Australien auf ein Emissionsziel von 108 % gegenüber dem Volumen von 1990.

- Bis 2050 will Australien seine Emissionen um 60 % gegenüber dem Stand von 2000 reduzieren. Ein Interims-Ziel für 2020 soll noch nach einer Untersuchung des anerkannten australischen Ökonomen für Klimaänderung, Professor Ross Garnaut, gesetzt werden. Sein Bericht wird Ende 2008 erwartet.

- Bis 2020 sollen mindestens 20 % des nationalen Stromverbrauchs (rund 60.000 MWh) aus erneuerbaren Energien gewonnen werden.

- Das verbindliche Ziel für regenerative Energien (Mandatory Renewable Energy Target, MRET) soll auf 45.000 GWh gesteigert werden, sodass man mit den bereits existierenden 15.000 GWh aus Erneuerbaren das Ziel von 20 % bis 2020 erreichen will.

- Bereits bis 2010 wird Australien ein nationales System für den Emissionshandel einführen, nicht erst 2012, wie bisher geplant. Nach dem Clean Energy Council wird dies »zu einem deutlichen Investitionsschub« führen. Ein weiterer Schwerpunkt der neuen Energiepolitik besteht darin, Privathaushalte und Unternehmen zum ökonomischen und CO2- freundlichen Umgang mit Energie zu bewegen. Als erste Klimaschutzmaßnahme der Regierung hat der neue Premierminister Kevin Rudd bereits am 3. Dezember 2007 das Kyoto-Protokoll unterzeichnet. Mit der Energiepolitik soll nicht nur der Klimawandel eingedämmt, sondern auch die australische Wirtschaft gefördert werden. Laut der Regierung gilt Australien als attraktiver Innovationsstandort für Wissenschaftler. Insgesamt stellt die Regierung in ihrem Klimaschutzprogramm 1,39 Milliarden australische Dollar (A$) bereit – dies entspricht etwa 829 Mio. €. Diese Gelder verteilen sich auf vier Fonds: Der Renewable Energy Fund verfügt über 500 Mio. A$ (298 Mio. €), weitere 500 Mio. A$ werden im National Clean Coal Fund bereitgestellt. 240 Mio. A$ (143 Mio. €) entfallen auf das Programm Clean Business Australia und 150 Mio. A$ (89 Mio. €) auf den Energy Innovation Fund.

Der Renewable Energy Fund wird zur Entwicklung, Vermarktung und Verbreitung von regenerativen Energien eingesetzt. Der Privatsektor soll darüber hinaus zwei Dollar für jeden von der Regierung eingezahlten Dollar investieren, sodass insgesamt 1,5 Mrd. A$ (894 Mio. €) zur Verfügung stehen. Der Fonds soll bereits existierende Projekte unterstützen und neue Technologien fördern. Dazu zählen ein 40-MW-Geothermie-Kraftwerk oder eine Hybridtechnologie, die regenerative Energieformen wie Solar- und Geothermie miteinander kombiniert und einen höheren Ertrag liefert. Der Energy Innovation Fund kommt vor allem der Solarforschung zugute. Von den 150 Mio. A$ entfallen 50 Mio. A$ (28 Mio. €) auf das Australian Solar Institute, 50 Mio. A$ auf die Photovoltaik-Forschung und -Entwicklung, um so wörtlich »Australiens führende Position auf diesem Gebiet auszubauen«. 50 Mio. A$ sollen für die allgemeine Forschung und Entwicklung von sauberer Energie – etwa zur Steigerung des Energie-Wirkungsgrades – bereitstehen. »Damit soll«, so die Verantwortlichen, »verhindert werden, dass australische Forscher wie bisher weltweit führende Technologien für saubere und alternative Energien entwickelt haben, diese Technologien aber oftmals im Ausland vermarktet wurden.« Das Programm Clean Business Australia ist eine Kooperation aus Regierung, Unternehmen und Industrie, um die Energie- und Wassereffizienz zu steigern. So werden 90 Mio. A$ (54 Mio. €) bereitgestellt, um große Geschäftshäuser ökologisch umzurüsten. Der Fonds soll 50 % dieser Kosten bis zu einer Höhe von 200.000 A$ subventionieren. 75 Mio. A$ (45 Mio. €) fließen in Projekte, um den CO2-Ausstoß während der Produktion zu senken. Kleinere und mittlere Unternehmer sollen besondere Beratung erfahren, um energie- und wassereffizient zu produzieren. Weitere 75 Mio. A$ werden in die Entwicklung und Kommerzialisierung von ›grünen‹ Technologien verwendet. Dazu zählen das Recycling von Müll, ökologische Baumaterialien oder kleinere Projekte im Bereich regenerativer Energien. In den National Clean Coal Fund steckt die Regierung mit 500 Mio. A$ ebenso viel Geld wie in erneuerbare Energien. Im Fokus stehen Entwicklung und Anwendung von modernen Technologien für saubere Kohle.

Die National Clean Coal Initiative entstammt bereits der Vorgängerregierung und soll intensiv ausgebaut werden. Im Mai 2007 hatte sich die Kohleindustrie verpflichtet, eine Milliarde Dollar (596 Mio. €) über 10 Jahre in die Entwicklung von Technologien für saubere Kohle zu investieren. Diese Summe wird von COAL21 verwaltet, einer Interessensgemeinschaft aus Kohle- und Elektrizitätsindustrie, Forschung sowie australischer Bundes- und Landesregierungen. Rund ein Drittel aller CO2-Emissionen Australiens entstammt der Kohleverbrennung bei der Stromgewinnung. Kohle ist zudem Australiens größtes Exportgut. Nach China, den USA und Indien ist der südliche Kontinent der weltweit viertgrößte Kohle-Exporteur.

Priorität in der Clean-Coal-Forschung haben die Kohlevergasung und die CO2- Abtrennung in der Nachverbrennung, die Geosequestrierung, bei denen CO2 in flüssiger, komprimierter Form in stabile geologische Formationen injiziert und gespeichert wird, sowie Projekte, bei denen erneuerbare Energien mit Technologien für saubere Kohle kombiniert werden. Ein wichtiger Bestandteil der Clean Coal Initiative ist das ›Otway Projekt‹ des Cooperative Research Centre for Greenhouse Gas Technologies (CO2CRC). Ein Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich dort mit der CO2-Abtrennung und Verarbeitung des gebundenen CO2, ein weiterer Fokus liegt auf der Lagerung des gebundenen CO2 in tieferen Erdschichten. Der dritte Schwerpunkt ist die umfassende Überwachung (Monitoring) des gelagerten CO2. Das 2005 gestartete Projekt beinhaltet die Produktion eines CO2-reichen Gases von einem existierenden Bohrloch, der Weiterverarbeitung und Verdichtung des Gases durch ein neues Oberflächenkraftwerk, bevor es mittels einer unterirdischen Leitung zu einem Injektionsbohrloch transportiert wird. Dort werden über einen Zeitraum von zwei Jahren bis zu 100.000 t CO2 in einem überkritischen Zustand in ein erschöpftes Gasfeld in 2.000 m Tiefe injiziert. »Wir wollen der australischen Regierung, der Industrie und der Öffentlichkeit die Sicherheit der CO2-Speicherung in einem erschöpften Gasfeld demonstrieren «, erläutert Professor John Kaldi, Chefwissenschaftler beim CO2CRC. Das CO2-Monitoring erfolgt sowohl unter der Erdoberfläche, oberflächennah, direkt an der Oberfläche und in der Atmosphäre. Ziel sei es zu demonstrieren, dass sich die langfristige Intaktheit der Umwelt sichern lasse, indem das Austreten des injizierten CO2 in Frischwasserschichten, in den Erdboden oder in die Atmosphäre verhindert werde. Zudem sollen die auf Reservoir-Modellen und Simulationen basierenden Prognosen validiert und die Vollständigkeit des Speicherreservoirs durch unterirdische geophysikalische und geochemische Überwachungstechniken bestätigen werden, erläutert Professor Kaldi. Die im März gestarteten Injektionen sollen bis Juli 2009 andauern. Ein Baseline- Monitoring findet bereits seit Juli 2005 statt. Auch nach Ende der Injektionen sollen die CO2-Konzentrationen noch in einem Langzeit-Monitoring bis Juli 2014 gemessen werden.

Zwei Drittel zahlt Regierung

Die Frage, wie viel Australien konkret in die Geosequestrierung investiere, sei schwierig zu beantworten, sagt Kaldi. Im Falle des Otway-Projekts kämen zwei Drittel der Mittel von den Bundes- und Landesregierungen, ein Drittel stelle die Industrie bereit. Das Gesamtbudget des Otway-Projekts beläuft sich auf rund 40 Mill. A$. Für Professor Kaldi sind die eingeleiteten Klimaschutzmaßnahmen dringend notwendig: Australien emittiere zwar nur 1,6 % der weltweiten Treibhausgase, trotzdem habe man eine der weltweit höchsten Pro-Kopf-Raten beim Ausstoß von Treibhausgasen. Obwohl die Bundes- und die Landes-Regierungen sich dazu verpflichtet hätten, die CO2-Emissionen zu senken, so der Wissenschaftler, bestünde keine Bereitschaft, Maßnahmen zu implementieren, die größere Auflagen für die Wirtschaft bedeuten oder diese wettbewerbsmäßig beeinträchtigen. »In einer kohlenstoffbeschränkten Welt sind Australiens Exporte von Kohle, LNG und Aluminium bedroht«, ist er sich sicher. Er befürchtet, dass »erhebliche Kosten auf die australische Wirtschaft und Umwelt zukommen werden«, wenn keine globalen Schritte zur Begrenzung von Treibhausgasen unternommen würden. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 04/2008