Knallharte Auslese

MULTEK Der Leiterplattenhersteller spielt beim Stromeinkauf alle Möglichkeiten eines Energie-Großabnehmers aus - mit Erfolg.

24. Oktober 2005

„Der Preis ist für mich das entscheidende Kriterium“ - Jochem Hahn, Facility Manager im deutschen Werk des Leiterplatten-Herstellers Multek, hat zum Thema Stromeinkauf eine klare Position. Anbieter, die preislich nicht mithalten können, haben keine Chance, die Firma mit Sitz im württembergischen Böblingen als Kunden zu gewinnen. Multek ist eine 100-prozentige Tochter von Flextronics Inc. und produziert Leiterplatten vor allem für Netzwerk-Servertechnik und Medizintechnik. Mit einem Jahresverbrauch von 30 GWh ist das Unternehmen für viele Stromanbieter ein Traumkunde. Multek hat freie Auswahl - und kein Lieferant kann auf angestammte Rechte pochen.

Der Stromverbrauch mache etwa 30 % der gesamten Gebäudebetriebskosten bei Multek Deutschland aus, berichtet Hahn. Hauptverbraucher sind die Produktionsmaschinen, aber auch Klimatisierung und Kälteerzeugung. Kein Wunder, dass der Facility Manager mit spitzem Bleistift rechnet: In wenigen Jahren hat man bereits zweimal den Stromversorger gewechselt. Ergebnis der jüngsten Verhandlung ist ein Zwei-Jahres-Vertrag, der zum 1. Oktober 2005 in Kraft trat.

Die Initiative zum Start eines Vergabeverfahrens geht jeweils von der Energieberatung BFE Institut für Energie und Umwelt GmbH aus, mit der Multek seit einigen Jahren zusammenarbeitet. In der BFE-Zentrale in Mühlhausen bei Heidelberg werden die europäischen Strommärkte permanent beobachtet. Erscheint die Preislage günstig, gibt man ‚grünes Licht’. Danach werden aufgrund des aktuellen Überblicks der Energieberater 10 bis 15 Stromlieferanten festgelegt, die im Namen von Multek oder einer größeren Einkaufsgemeinschaft eine Angebotsanfrage erhalten.

Grundsätzlich werden auch ausländische Anbieter in das Verfahren einbezogen. Die Wettbewerber erhalten aus Böblingen die erforderlichen Angaben etwa zu Lastprofilen und Verbräuchen. Wer mithalten will, muss in relativ kurzer Zeit komplexe Berechnungen anstellen. Facility Manager Hahn: „Wir setzen eine Frist von zwei bis drei Wochen mit genauem Stichtag und Uhrzeit.“ Multek will vergleichen, wie gut die Kandidaten an den Strombörsen einkaufen.

2. Angebot binnen 24 Stunden

Bei Fristablauf trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Multek und BFE treffen eine engere Auswahl von drei bis fünf Bewerbern, die zu Verhandlungen über die Vertragskonditionen eingeladen werden. Die Anbieter stellen ihre Produkte vor - dann geht es zur Sache: Wie weit etwa darf der Kunde vom Lastprofil abweichen, ohne das es eine Preisveränderung gibt? Wer übernimmt das Risiko bei verspätetem Netzzugang? Wie lauten die Kündigungsmodalitäten?

Am Ende steht im günstigen Fall die Aufforderung, zum Zeitpunkt X ein neues Angebot abzugeben, aufgrund dessen dann binnen 24 Stunden entschieden werden muss. Länger seien Angebote in der Regel nicht gültig, erklärt Hahn: „Sonst gibt es einen Preisbindungsaufschlag, denn die Margen der Lieferanten sind knapp kalkuliert.“

In diesem Jahr wurde die Abgabefrist verkürzt und schon bei der Angebotsanfrage erging die Vorwarnung: „Es könnte sein, dass Sie schon einen Tag nach der Abgabe mit einem neuen Angebot persönlich erscheinen müssen.“ BFE-Berater Hecker rief nach der Auswertung die verbliebenen Bewerber an, die binnen weniger Stunden noch einmal zu kalkulieren und gleich am nächsten Tag in Böblingen vorstellig zu werden hatten. Kurze Zeit später konnten Hahn und Hecker ihre Empfehlung an die Geschäftsleitung erläutern. Die Entscheidung war nach Hahns Angaben knapp: Die Preisspanne zwischen dem vorherigen und dem neuen Lieferanten lag bei 1 %.

Eine knallharte Auslese, bei der Multek aus seiner Sicht sehr günstige Vertragskonditionen durchsetzen konnte. Sollte sich etwa aufgrund von Umstellungen des Schichtbetriebes das Lastprofil ändern, trage der Anbieter das Risiko, so Hahn. Ähnlich vorteilhaft sehe es bei der Mindestabnahme von Strom aus. „Das kriegt man, wenn man bereit ist, den Anbieter zu wechseln.“ Hahn ist überzeugt: „Wenn Sie nie wechseln, bekommen Sie eines Tages auch keine Alternativ-Angebote mehr.“ Dabei bestehe nach seinen Erfahrungen auch kein Risiko, denn für die reibungslose Umstellung habe der neue Anbieter zu sorgen, der rechtzeitig Netzzugang beantragen müsse. Dafür, dass auch in der Vertragslaufzeit alles korrekt abläuft, sorgt das Controlling durch BFE. Dazu kommt zweimal monatlich ein Mitarbeiter des Instituts in das Böblinger Werk.

NetznutzungViel Geld gespart

Vorteilhaft für Multek wirkt sich auch ein neuer Netzanschlussvertrag aus, der mit Hilfe von BFE zustande kam. Der Böblinger Hersteller von Leiterplatten mit seinen rund 550 Mitarbeitern wird jetzt als singulärer Großkunde geführt. Dazu muss eine eigene Versorgungsleitung vorhanden sein, an die niemand sonst angeschlossen ist. Auf diese Weise spart das Unternehmen eine sechsstellige Summe im Jahr ein: Die Netznutzungsentgelte pro kWh sind jetzt deutlich niedriger als zuvor.

Erschienen in Ausgabe: 10/2005