Königskinder kommen endlich zusammen

PowerPortal - fachübergreifende IT-Lösung für Energieunternehmen

Bislang klaffte eine Lücke zwischen der Software-Welt der Kaufleute und der Techniker. Doch damit ist nun Schluss: SAP und der Bereich Power Generation der Siemens AG haben gemeinsam eine Lösung auf die Beine gestellt, die gleichermaßen dem technischen Personal und dem Management dient und ohne Medienbrüche Zugriff auf relevante Informationen ermöglicht: das PowerPortal. Mit seiner Hilfe treffen Kraftwerksbetreiber und Vertriebsabteilungen Entscheidungen auf einer soliden Grundlage.

19. September 2003

Nicht immer ist der technisch optimale Zustand der wirtschaftlichste. Doch bisher fehlten oft die Möglichkeiten, um Marktinformationen, Prozessdaten und kaufmännische Kalkulationen unter einen Hut zu bringen - schon gar nicht in Echtzeit. Kraftwerksbetreiber stöhnten unter der Last von Informationen, deren Verdichtung und Auswertung in der Regel weder schnell noch vollständig gelang. Fragen wie „Was kostet mich im Moment das Erzeugen von zusätzlichen 50 MW wirklich?“ und „Kann ich diese Menge mit Gewinn am Markt verkaufen?“ blieben deswegen ohne belastbare Antwort. Doch diese Zeiten sind vorbei: Das PowerPortal, das Siemens PG und SAP gemeinsam entwickelten und vermarkten, soll Energieunternehmen Transparenz verschaffen und so helfen, auf der Grundlage aktueller, verlässlicher Informationen die richtige Entscheidung zu treffen. Basis dafür sind nicht nur Erfahrungswerte, sondern zeitnah errechnete Daten, zum Beispiel aus thermodynamischen Kreislaufberechnungen.

„Entscheidungen zu treffen, ohne die aktuellen Fakten analysieren zu können, ist immer mit hohem Risiko verbunden und kann zu erheblichen Verlusten führen“, sagt Dr. Erich W. Georg, Leiter des Geschäftsbereichs Instrumentation & Controls bei Siemens PG. „Das können sich auch die Energieunternehmen heute nicht mehr leisten.“ Jetzt seien schnelle, sichere Informationen gefragt, um zum Beispiel den aktuell erzielbaren Marktpreis mit den Stromgestehungskosten zu vergleichen, um eine effiziente Instandhaltungs- und Wartungsstrategie zu betreiben oder die finanziellen Auswirkungen der Kraftwerksfahrweise zu analysieren.

Mit dem PowerPortal gibt es nun eine Lösung, die diese Informationen bereitstellt sowie Arbeitsabläufe unterstützt und nachvollziehbar macht. PowerPortal basiert auf der Portal-Technik von SAP, die Informationen aus diversen Anwendungen unter einer einheitlichen Bedienoberfläche präsentiert (Energie Spektrum berichtete in Ausgabe 1-2/2002). So bleibt dem Nutzer erspart, die spezielle Applikation zu öffnen. Mehr noch: Im Portal werden Daten aus verschiedenen Quellen miteinander in Beziehung gesetzt. So entstehen Kennzahlen und Interpretationen, die dem Anwender mehr sagen als die Basisdaten alleine. Zudem ermöglichen statistische Daten und Prognoseverfahren einen Blick in Vergangenheit und Zukunft - wichtig zum Beispiel, um heute abzuschätzen, wie Stromlieferungen in den kommenden Wochen bedient werden sollten.

Durch das Einbringen ihrer Stärken konnten SAP und Siemens gemeinsam das junge PowerPortal realisieren. Dr. Georg betont die Bedeutung des neuen Systems: „Im Gegensatz zu bisherigen Lösungen vereint unser mit der SAP entwickeltes PowerPortal unter einer Oberfläche kaufmännische und technische Informationen. Die beiden Disziplinen - Technik und Betriebswirtschaft - bringen wir so zusammen.“ So können die Bediener unter anderem Informationen einsehen, die aus dem kraftwerksspezifischen System Profit Cockpit (Energie Spektrum berichtete in Ausgabe 1-2/2000 darüber) kommen, Daten aus dem Instandhaltungsmodul SAP ALM oder zum Beispiel Informationen aus fremden Quellen, etwa Wetterprognosen aus dem Internet. Dazu muss sich der Anwender nur einmal mit seinem Kennwort anmelden, muss sich nur in einer Oberfläche zurechtfinden. Was auf den ersten Blick einfach aussieht, verlangt einen Menge Erfahrung, sagt der Siemens-Mann. „Die bruchlose Integration aller Kraftwerkssysteme ist mehr als nur ein Schnittstellenproblem. Schließlich gelingt dem PowerPortal das Zusammenführen von Information aus der gesamten Wertschöpfungskette des Unternehmens und auf den jeweiligen Hirachieebenen - Informationen, die bisher in zwei fast hermetisch geschlossenen Welten existierten.“

Ein Pilotanwender optimiert den Betrieb eines Kraftwerks schon mit diesem Konzept. Er spielt mit dem Gedanken, eine Flotte von Kraftwerken mit diesem IT-Instrument zu steuern - auf einen wirtschaftlich besseren Kurs als zuvor. Ein Vorteil wird unter anderem darin gesehen, dass Techniker mit dem PowerPortal nun auch kaufmännische Hintergründe sehen können und Kaufleute Einblick in technische Parameter erhalten. Die Transparenz, die das System schafft, steigert das Verständnis für das Ganze. Dr. Georg: „Wir versprechen uns einen erheblichen Synergieschub - einfach durch das bessere Verständnis der Kaufleute und Techniker als handelnde Personen untereinander.“

Damit trotz der Vielzahl an Informationen, die PowerPortal verfügbar macht, keiner mit Daten überflutet wird, hat SAP ein Rollenkonzept verwirklicht. Dr. Walter Kienle, Leiter Entwicklung Asset & Work Management bei SAP, erklärt, was es damit auf sich hat: „PowerPortal kennt verschiedene Anwendertypen, zum Beispiel den Instandhalter, den Stromhändler oder den Vorstand. Passend für diese Anwendergruppen sind Rollen in dem Portal vergeben, die den Nutzern nur die für sie wichtigen Informationen bereitstellen. So behalten die Anwender trotz der reichhaltigen Informationen den Überblick.“ So kann sich der Firmenboss schnell einen Überblick verschaffen, ohne mit Details belastet zu werden, denn mit den so genannten „Key Performance Indicators“ werden rollenspezifische aussagekräftige Kennzahlen zeitnah zur Verfügung gestellt. In der Leitwarte und den technischen Büros jedoch stehen detaillierte Informationen über den Kraftwerksprozess bereit - jedoch nicht die Marktdaten, die Vorstandsetage und Vertrieb interessieren. Bei richtig abgestimmten Rollen führt das automatisch zu einem Ineinandergreifen der Einzelentscheidungen im Sinne der gesamten Unternehmensstrategie.

Der Systemadministrator legt fest, wem welche Rolle zugeordnet wird, also welche Informationen der Bediener erhält. Die Darstellung der Daten hingegen ist konfigurierbar. Dr. Kienle: „So können die Nutzer ihre persönliche Oberfläche gestalten und zum Beispiel die wichtigsten Informationen in einer Ansicht gruppieren.“ Das schöne dabei ist, dass die Portal-Oberfläche dem Bediener nicht nur das Einloggen in diverse Anwendungen erspart, sondern zudem auch noch den Zugriff auf die Daten erleichtert. „Man muss kein erfahrener SAP-User sein, um zum Beispiel Informationen aus dem Instandhaltungsmodul oder aus der Personalplanung einzusehen, denn Darstellung und Navigation sind an Internetstandards angelehnt. Das macht es Gelegenheitsanwendern einfacher.“ Auch der Zugriff auf ergänzende Daten gestaltet sich flott, denn PowerPortal stellt im Hintergrund Beziehungen zu den passenden Daten her. Der Bediener kann zum Beispiel aufgrund einer Störung, die über Profit Cockpit kommt, leicht einen Reparaturauftrag in SAP ALM generieren und die Daten übergeben. Wie die beiden Anwendungen im Hintergrund arbeiten, muss ihn nicht interessieren.

Noch ein Plus der Portallösung erwähnt Kienle: die Web-Fähigkeit. Auch wenn die im Hintergrund arbeitende Software nicht fürs Internet geeignet ist, lassen sich dank des Portals Informationen an entfernten Orten darstellen. Dr. Georg nennt eine Anwendung: „So lassen sich beispielsweise nicht nur leittechnische Informationen verschiedener Kraftwerke in einer gemeinsamen Leitwarte darstellen, sondern auch die Geschäftsdaten.“ Bei der Gelegenheit weist er darauf hin, dass PowerPortal - trotz integrierten Siemens-Know-hows - auch Kraftwerke anderer Anbieter einbinden kann. „Einzige Voraussetzung ist eine digitale Leittechnik.“

Dr. Georg sieht gute Chancen für das PowerPortal, denn der Einstieg lässt sich bereits mit einer relativ geringen Investition bewerkstelligen, die sich schnell amortisiert“ - vorausgesetzt, SAP ist schon im Einsatz. Zudem stünden hinter der Lösung mit SAP und Siemens PG zwei starke Partner, die weltweit aktiv sind und sowohl bei der Kundenberatung als auch bei der Projektumsetzung und dem Support Kundennähe beweisen könnten. Am Nutzen für den Kunden hat der Siemens-Manager keinen Zweifel: „Das gemeinsame Nutzen kaufmännischer und technischer Informationen führt zu mehr Produktivität und mehr Prozesstransparenz - und dadurch zu mehr Profit.“

Erschienen in Ausgabe: 09/2003