Kohleausstieg der anderen Art

Die wirtschaftliche Perspektive vieler konventioneller Kraftwerke sieht schlecht aus. Jetzt steigt in Nordrhein-Westfalen ein Energieversorger ganz aus der Kohleverstromung aus. Zudem soll in dem Bundesland bis März 2019 auch das Kohlekraftwerk Lünen seinen Betrieb einstellen.

05. März 2018

Wie die Enervie Gruppe mitteilt, steigt sie aus der Kohleverstromung aus und legt mit Wirkung zum 31. März 2018 ihren steinkohlebefeuerten Block E4 mit 310 Megawatt im Kraftwerk Werdohl-Elverlingsen still.

Das Kraftwerk wird vom Enervie Tochterunternehmen Mark-E betrieben. „Wesentlicher Grund ist die fehlende wirtschaftliche Perspektive der Anlage vor dem Hintergrund der Veränderungen der energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen“, so Erik Höhne, Technischer Vorstand und Vorstandssprecher Enervie.

Nach der der Stilllegung der Steinkohle-Verstromung basiert die fossile Energieerzeugung bei Mark-E nun ausschließlich auf Gas. 2014 hatte das Unternehmen in Elverlingsen den Steinkohleblock E3 mit einer Leistung von 186 Megawatt (MW) stillgelegt.

Immer weniger im Einsatz

1982 in Betrieb genommen, hat der Block E4 mittlerweile in 36 Jahren rund 180.000 Betriebsstunden und fast 2.000 Starts erreicht. Während der Block in dieser Zeit durchschnittlich rund 5.000 Stunden pro Jahr in Betrieb war, fuhr er im vergangenen Jahr noch 780 Stunden.

Die vor drei Jahren getroffene Entscheidung zur Stilllegung des Blockes E4 sei unerlässlich gewesen und habe sich auch aus heutiger Sicht als richtig erwiesen, so Höhne.

Standort besteht weiter

Im Dezember 2002 wurde eine Wirbelschichtfeuerungsanlage in Elverlingsen (WFAE) offiziell eingeweiht. Nach umfangreicher Modernisierung mit Investitionen in Höhe von 8 Mio. Euro ist die WFAE Anfang 2018 im „stand-alone-Betrieb“ –  losgelöst von der bisherigen Dampflieferung an den Block E4 – wieder in Betrieb gegangen.

Mark-E stellt auf dem Firmengelände in Elverlingsen zudem die Infrastruktur für den Bau und Betrieb eines stationären Batteriespeichers mit einer Kapazität von insgesamt über 17 Megawatt zur Verfügung.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch keine Entscheidung gefallen, wie mit der vorhandenen Bausubstanz und den zur Steinkohle-Verstromung genutzten Flächen weiter verfahren wird. Mark-E prüft derzeit eigenen Angaben zufolge verschiedene Optionen.

Lünen zur Stilllegung angemeldet 

Auch Steag stellt seine Anlagen auf den Prüfstand. Das Unternehmen hat bei der Bundesnetzagentur die Kraftwerksblöcke 6 und 7 in Lünen rechtlich verbindlich zur Stilllegung angemeldet. Es plant, die Blöcke 6 und 7 zum 2. März 2019 endgültig stillzulegen.

Die Bundesnetzagentur wird auf Antrag des Übertragungsnetzbetreibers Amprion entscheiden, inwieweit Systemrelevanz besteht - oder ob die beiden Kraftwerksblöcke endgültig abgeschaltet werden.

„Wir kämpfen um jeden Kraftwerksblock“, sagt Joachim Rumstadt, Vorsitzender der Geschäftsführung Steag. „Allerdings gehen wir nicht davon aus, dass der Block 7 in Lünen auch aufgrund seines Alters künftig ausreichend positive Deckungsbeiträge erwirtschaftet. Der Block 6 liefert vertraglich gebunden noch bis Ende 2018 Strom für die Deutsche Bahn. Nach Auslaufen des Vertrags sehen wir auch für diesen Block keine wirtschaftliche Perspektive mehr.“

Das Unternehmen beabsichtigt zudem, Block 7 von Anfang April bis Ende September vorübergehend vom Netz zu nehmen

Atomausstieg als Perspektive

Im März 2017 hatte Steag die Kraftwerksblöcke West 1 und 2 in Voerde sowie im Sommer 2017 Herne 3 in Nordrhein-Westfalen endgültig vom Netz genommen.

„Im Paket mit den jetzigen Maßnahmen ist der Anpassungsprozess aus heutiger Sicht abgeschlossen. Für unsere

leistungsfähigen Kraftwerke im Ruhrgebiet sehen wir eine gute Perspektive“, sagt Joachim Rumstadt. „Wir gehen davon aus, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach dem Ausstieg aus der Kernenergie wieder deutlich verbessern werden.“