Kommt der Handel mit SO2 und Nox?

PRODUKTION Nachdem die Bedingungen für die zweite Phase des CO2-Handels vorliegen und kontrovers diskutiert werden, stellt sich die Frage, ob weitere Stoffe in das EU-Handelssystem einbezogen werden. Ein möglicher Zeitpunkt für die Einführung wäre der Beginn der dritten Handelsperiode in 2012.

08. August 2007

Der Deutsche Bundestag hat Ende Juni mit dem Beschluss zum Zuteilungsgesetz 2012 die gesetzlichen Grundlagen für die zweite Periode des Handels mit CO2-Emissionen geschaffen. Für die Jahre 2008 bis 2012 soll ein ambitioniertes Minderungsziel umgesetzt werden: Die Zuteilungsmenge wird gegenüber dem aktuellen Niveau der emissionshandelspflichtigen Anlagen effektiv um rund 8 % gekürzt. Im Vergleich zur ersten Handelsperiode beträgt die Kürzung sogar über 11 %.

»Mit dem Benchmarking-System für Energieanlagen erfolgt eine Umstellung auf eine intelligente Zuteilung, die effiziente Anlagen belohnt«, betont das Bundesumweltministerium (BMU). Der Modernisierungsprozess in der deutschen Energiewirtschaft werde dadurch nachdrücklich beschleunigt.

Mit dem NAP 2 wird erstmals in Deutschland eine unterschiedliche Behandlung von Industrie- und Energieanlagen eingeführt. Das ZuG 2012 verlangt vom produzierenden Gewerbe weniger Minderungsleistungen als von der Energiewirtschaft. Diese differenzierte Behandlung der Branchen berücksichtige die unterschiedliche Wettbewerbssituation und Minderungspotenziale, so das BMU.

Im Ergebnis wird die im internationalen Wettbewerb stehende Industrie nur mit einem »äußerst moderaten Kürzungsfaktor « von 1,25 % belegt. Von der Gesamtminderung in der zweiten Handelsperiode von 57 Mio. t CO2 muss das produzierende Gewerbe nur gut 1,5 Mio. t erbringen.

Ferner wird mit dem neuen Zuteilungsplan die Vielzahl an Sonderregelungen drastisch reduziert. So werden etwa kleinere Emittenten mit einem Ausstoß von weniger als 25.000 t CO2 pro Jahr von Minderungsbeiträgen ganz freigestellt. »Dadurch werden kleine und mittelständische Unternehmen wirksam entlastet «, betont das Ministerium.

Anreize zur Modernisierung

Der Zuteilungsplan 2008 bis 2012 schaffe weitere Anreize für die Modernisierung des Kraftwerkparks in Deutschland. Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen erhalten eine Zuteilung für die erzeugte Strom- und Wärmemenge. Hingegen wird bei den Zuteilungen für die Bestandsanlagen im Energiebereich eine deutliche Kürzung vorgenommen. »Dies erhöht den Anreiz zur Verbesserung der Wirkungsgrade und zum Verzicht auf das Betreiben alter und völlig ineffizienter Kraftwerke«, sagt Minister Sigmar Gabriel.

Für die Nutzung der beiden projektbezogenen Kyoto-Mechanismen (Clean Development Mechanism, CDM, und Joint Implementation, JI) werden großzügige Rahmenbedingungen geschaffen. Aus dem Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung und aus der gemeinsamen Projektumsetzung können insgesamt pro Jahr 90 Mio. Emissionsgutschriften verwendet werden. »Damit stehen deutschen Unternehmen kostengünstige Klimaschutzprojekte im Ausland in großem Umfang offen. Zugleich fördert diese Möglichkeit den dringend notwendigen Transfer von Technologie und Know-How in Entwicklungs- und Schwellenländer«, ist sich das Ministerium sicher.

Weit auseinander gehen die Meinungen bei der Bewertung der neuen Brennstoff-Benchmarks. Speziell der Braunkohle-Benchmark, der für den Einsatz in hocheffizienten Kraftwerken einen Wert von 950 g CO2/kWh vorsieht, regt die Diskussionen an.

Durch diesen Wert werden nach den Worten der Wirtschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, Christa Thoben, »realistische Anreize für die Erneuerung des Braunkohlekraftwerksparks in NRW und damit zum Klimaschutz geschaffen «.

Der beschlossene Grenzwert sei nämlich nur bei Einsatz mordernster, hocheffizienter Technologien erreichbar. Ein niedrigerer Wert ist derzeit technisch nicht umzusetzen. Dagegen sieht der Bundesverband Braunkohle DEBRIV Betrieb und Neuinvestitionen »erheblich belastet «.

Für reichlich Diskussionsstoff sorgten auch die Vorgaben, in der zweiten Handelsperiode fast 10 % der Zertifikate versteigern zu können. Das sind rund 40 Mio. Emissionsberechtigungen pro Jahr. »Die Pläne der Bundesregierung, die CO2-Emissionsrechte künftig zu versteigern, treiben die Strompreise unnötig und zusätzlich in die Höhe«, so die Einschätzung des VIK, der Interessenvertretung der energieintensiven Unternehmen. »Die Versteigerung wäre eine falsche Weichenstellung, und zwar vor allem zu Lasten der Strom- und Energiekunden «, sagte der Geschäftsführer des VIK, Dr. Alfred Richmann.

»Versteigerung erhöht Kosten«

Das Emissionshandelssystem baue auf der Idee auf, marktbasiert zu möglichst kostengünstigen Vermeidungsstrategien zu führen. Sobald eine limitierte Zahl von CO2-Zertifikaten im Markt sei, werde das ökologische Ziel automatisch erreicht, ob versteigert oder verschenkt. »Eine Versteigerung erhöht unnötigerweise die Kosten des Systems noch mehr, aber verbessert nicht dessen Zielerreichung «, so die VIK-Kritik.

Eine Versteigerung mache allerdings aus fiktiven Opportunitätskosten richtige Kosten. Der Verband gibt zu bedenken, dass das Bundeskartellamt daher keine Chance mehr hätte, gegen Missbrauch bei der Einpreisung von Opportunitätskosten in die Strompreise vorzugehen.

Die unnötig hohen Strompreise durch den CO2-Handel wären damit zementiert. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass eine Auktionierung die Stromversorger erst richtig motivieren könnte, durch Überwälzung der Auktionspreise auf das ohnehin zu hohe Strompreisniveau weiter draufzusatteln, um die Abschöpfung zu kompensieren. Bedauerlicherweise würde damit erneut der Anteil des Staates am Strompreis steigen.

Auch die Trianel European Energy Trading GmbH sieht in der Versteigerung eine Gefährdung des Wettbewerbs im

Strommarkt. Dies würde den Anreiz für Investitionen in Kraftwerke schmälern und den Zutritt von neuen Marktteilnehmern erschweren. Vor dem Hintergrund des auch seitens der EU festgestellten fehlenden Wettbewerbs auf der Erzeugungsstufe setzt sich Trianel dafür ein, die mit erheblichen Kapitalkosten behafteten Neuanlagen zumindest für die Dauer einer Handelsperiode von der Versteigerung auszusparen.

Dadurch könne einerseits ein Anreiz für den Neubau von hocheffizienten und klimaschonenden Kraftwerken geschaffen werden. Andererseits würden durch die Zunahme der »unabhängigen Marktteilnehmer der oligopolistischen Struktur in der Stromerzeugung entgegengewirkt und durch zusätzlichen Wettbewerb Strompreissenkungen möglich«.

Während sich die Diskussionen vorwiegend um das Klimagas CO2 drehen, befasst sich eine aktuelle Studie mit der Ausweitung des Handels auf NOX- und SO2-Zertifikate.

SO2 & NOx: Schärfere Grenzen?

Aufgrund der Diskussion um den verstärkten Einsatz marktbasierter Instrumente und möglicher neuer Minderungsziele der EU für NOx- und SO2-Emissionen, sollten sich Industrie und Energiewirtschaft auf einen möglichen Zertifikatehandel oder eine Verschärfung der Grenzwerte einstellen und ihre Strategien darauf ausrichten, heißt es in der Studie ›Der Markt für NOx- und SO2- Zertifikate: Perspektiven des Emissionszertifikatehandels und Technologien zur Emissionsminderung bei Großfeuerungsanlagen‹ des Trend- und Marktforschungsinstitutes trend:research.

Die Befragung von Energieversorgern und Industrieunternehmen zeigt, dass diese mehrheitlich gesetzliche Änderungen zum Emissionsausstoß der beiden umweltrelevanten Gase erwarten. Dabei geht rund ein Drittel der Energieversorger von strengeren Grenzwerten aus, was auch etwa ein Viertel der Industrieunternehmen annimmt.

Diejenigen Industriefirmen, die keine Änderung erwarten, verweisen auf die erst im Jahr 2004 erfolgte Novelle der Immissionsschutzverordnung. Mit der Realisierung eines Emissionshandels mit SO2 und NOx rechnen 12 % der EVU und circa 20 % in der Industrie.

Die Einführung eines Handels mit NOx- und SO2-Zertifikaten ist nach Einschätzung der Befragten insbesondere für die mittelfristige Perspektive wahrscheinlich. Die Industrieunternehmen sehen dabei überwiegend zum Beginn der dritten Handelsperiode im CO2-Emissionshandel 2012/2013 den wahrscheinlichsten Zeitpunkt für den Handelsstart. Auch die EVU gehen mehrheitlich von einer Einführung des Handels zu diesem Zeitpunkt aus.

Grund hierfür sind die zum Beginn der dritten Handelsperiode zu erwartenden Anpassungen im CO2-Emissionsmarkt, die sich aus den Erfahrungen des bisherigen Handels ergeben. Hierbei erscheint den Befragten neben einer Auktionierung von Zertifikaten auch die Einbeziehung weiterer klimarelevanter Gase oder Schadstoffe als wahrscheinlich.

CER-Handel an der EEX

Im Emissionsbereich noch ganz auf CO2 konzentriert sich die Leipziger Strombörse EEX. Diese erweitert ihr Angebot und bezieht künftig den Handel mit projektbezogenen Emissionsrechten, die im Rahmen von Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern entstehen, in den börslichen Handelsprozess sowie das OTC-Clearing ein. Eine große Rolle spielen dabei zukünftig die sogenannten CER (Certifed Emission Reductions). Der internationale CER-Handel wird nach Einschätzung der EEX künftig einen hohen Einfluss auf die Preisentwicklung auf den CO2-Märkten haben.

Mit ihrem umfassenden Angebot will die Energiebörse auch die Teilnehmer aus dem Finanzdienstleistungsbereich ansprechen, die »auf einen einfachen Zugang sowie eine sehr schnelle Abwicklung der Geschäfte Wert legen«. (mn)

www.bmu.de, www.trianel.com www.trendresearch.de, www.vik.de

CO2-HandelWeltweit 23 Mrd. €

Das weltweite Handelsvolumen für CO2-Emissionszertifikate lag 2006 bei 23 Mrd. € und war damit dreimal höher als im Jahr zuvor. Laut der siebten Weltbank-Studie zum Status des internationalen Emissionshandels hatten die Transaktionen innerhalb des Europäischen Emissionshandelssystems daran den größten Anteil, denn 1.100 t CO2-Äquivalente oder 19 Mrd. € wurden in Europa 2006 umgeschlagen. Der Preis für European Union Allowances habe sich bisher als stark volatil erwiesen.

Erschienen in Ausgabe: 08/2007