"Konsolidierung läuft schneller"

Aktuelle Umfrage zum Emissionshandel

Der Einstieg in den Emissionshandel zu Beginn des nächsten Jahres wird verhalten sein. Danach soll das Handelsvolumen stetig ansteigen. Das sind Ergebnisse einer Umfrage unter 200 europäischen Unternehmen, die die Strombörse European Energy Exchange (EEX) kürzlich durchgeführt hat. Wir sprachen mit Dr. Stefan Nießen, dem Leiter der Unternehmenskommunikation der EEX über seine Erwartungen.

09. August 2004

ES:Haben Sie die Ergebnisse überrascht?

Wir waren erstaunt über die recht gute Übereinstimmung der Einschätzung der befragten Unternehmen trotz der vielfältigen Unsicherheiten bei diesem Thema. Ungewöhnlich ist auch, dass das Verhältnis von Spot- zu Termingeschäften auf organisierten Märkten von den Umfrageteilnehmern auf etwa 1:1 geschätzt wird. Auf dem EEX-Strommarkt liegt dieses Verhältnis derzeit bei 1:7. In noch reiferen Märkten ist der Multiplikator noch größer.

ES:Was ist der Hintergrund?

Die Unternehmen können vermutlich den Spotmarkt besser einschätzen und trauen sich so bei der Prognose mehr zu. Der Terminmarkt scheint schwerer fassbar. Vielleicht äußerten sich die Umfrageteilnehmer daher eher vorsichtig. Zudem werfen Emissionszertifikate keine Zinsen ab und so dürfte gerade hier ein starkes Interesse an Termingeschäften bestehen.

ES: Was sind die Gründe für den erwarteten moderaten Beginn?

Die bisher veröffentlichten nationalen Allokationspläne der ersten Zuteilungsperiode sind moderat. Will man die Kyoto-Ziele einhalten, so müsste sich dies in der zweiten Zuteilungsperiode ab 2008 ändern.

ES:Was stimmt Sie denn so positiv?

Sicherheit und Informationsstand werden mit wachsender Marktreife zunehmen, und nach einer Anlaufphase werden sich Handelsgepflogenheiten herausbilden. Die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls durch Russland ist Bestandteil des Pakets um den WTO-Beitritt und eventuell wird ab 2008 auch der Flugverkehr in den Emissionshandel einbezogen. Nicht-Anlagenbetreiber entdecken Emissionszertifikate möglicherweise als Spekulationsobjekte.

ES: Haben Sie Unterschiede zwischen den befragten Ländern festgestellt?

Die Umfrage wurde nicht nach Ländern getrennt ausgewertet. Derzeit sind Dänemark, Österreich und Spanien am weitesten von ihren Erfüllungszielen entfernt, während Finnland und Schweden bereits heute ihre Erfüllungsziele übererfüllen. Besonders interessant sind auch die neuen EU-Mitgliedsländer, denn hier lässt sich mit vergleichsweise geringen Investitionen viel CO2 einsparen.

ES:Viel wird auch direkt zwischen den Firmen gehandelt werden. Wie groß wird das an der Börse gehandelte Volumen sein?

Die Umfrageteilnehmer wollen im Mittel Anteile von 25 bis 30 % ihrer Geschäfte im Jahr 2005 bis hin zu 40 bis 50 % in der zweiten Verpflichtungsperiode über organisierte Märkte abwickeln. Organisierte Märkte in diesem Sinne sind Börsen und Internet-Handelsplattformen. Im Vergleich zum Strommarkt scheint dieser Wert eher hoch gegriffen und mag damit zusammenhängen, dass an der Umfrage eher Unternehmen teilgenommen haben, die Interesse an einem organisierten Markt haben.

ES: Der politische Kompromiss sieht nur eine moderate CO2-Einsparung vor. Welche Auswirkungen hat dies auf ihr Geschäft?

Zunächst hat dies vor allem eine Auswirkung auf das Preisniveau. Der Preis ist nach der Veröffentlichung des deutschen Allokationsplans von 12,5 €/t CO2 auf 6,5 €/t CO2 gesunken. Nach den Korrekturwünschen aus Brüssel hat der Preis wieder leicht angezogen. Wir haben es hier also offensichtlich mit einem Markt zu tun, der wesentlich von politischen Entscheidungen bestimmt ist. Ein bewährtes Werkzeug zur Absicherung gegen solch politisch bedingte Preisunsicherheit ist ein Terminmarkt.

ES: Mit wie vielen Handelsplätzen rechnen Sie?

Einige Willensbekundungen von europäischen Energiebörsen waren bereits in der Presse zu finden. Auf einzelnen Internet-Handelsplattformen werden schon heute Forwards auf Emissionszertifikate gehandelt. Auch in diesem Markt wird es eine Phase der Konsolidierung geben. Bei einem EU-weiten Emissionshandel dürfte diese Konsolidierung schneller voranschreiten als bei den Strombörsen, denn der Markt für Emissionszertifikate ist insgesamt deutlich kleiner als der für Strom.

ES:Beginnt der Handel tatsächlich am 1.1.2005?

Der Terminhandel hat bereits im Frühjahr 2003 begonnen. Seitdem werden teilweise mit Brokerunterstützung bilaterale Geschäfte abgeschlossen. Ein Spothandel ist vor dem 28. Februar 2005 unmöglich, denn an diesem Tag werden die nationalen Registerstellen erstmalig Zertifikate ausgeben. Der erste Termin, an dem die Registerstellen überprüfen, ob jeder Anlagenbetreiber über ausreichend Zertifikate verfügt, ist sogar erst für den 30. April 2006 geplant. Es bleibt also noch etwas Zeit, bis die Unternehmen sich die Zertifikate beschafft haben müssen. Allerdings besteht das Risiko, dass bei Knappheit der Zertifikatepreis kurz vor Abgabefrist stark steigt. Bereits heute sichern sich einzelne Unternehmen daher per Termingeschäft ab.

Erschienen in Ausgabe: 08/2004