Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

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Unternehmenskultur - Vertrauen als Schmiermittel der Wirtschaft: Denn wenn es mal richtig schwierig wird, vertraut doch jeder nur sich selbst. Verschenktes Potenzial?

03. April 2017

Ob in der Führungsetage, im Projektteam oder in der Kaffeeküche: Vertrauen ist ein brisantes Thema. Denn wenn es mal richtig schwierig wird, vertraut doch jeder nur sich selbst. Getreu dem Motto: Nur wenn ich es selbst mache, wird es richtig gemacht.

Distanz der Mitarbeiter

Nach einer repräsentativen Studie von Ernst & Young setzen die Beschäftigten weltweit kein großes Vertrauen in die eigene Firma oder den direkten Vorgesetzten: 44 Prozent vertrauen hierzulande ihrem Unternehmen und 47 Prozent ihren Vorgesetzten.

Im Umkehrschluss heißt das: Die Mehrheit aller Arbeitnehmer ist gegenüber ihrem Arbeitgeber skeptisch oder sogar misstrauisch eingestellt. »Das kann fatale Folgen haben. Vertrauen ist eine zu wenig genutzte Ressource. Letztlich verschenktes Potenzial«, sagt Martin Beims vom Beratungsunternehmen Aretas. »Vertrauen ist das vielleicht wichtigste Schmiermittel der Wirtschaft. Ohne Vertrauen kann sich kein Unternehmenserfolg einstellen. Wenn jeder nur vor sich hin arbeitet und keinem vertraut, entsteht keine echte Zusammenarbeit. Führungskräfte und Mitarbeiter müssen den enormen Wert ›Vertrauen‹ erkennen und endlich wertschätzen.« Nur so lässt sich ein gutes Betriebsklima schaffen. Wenn Mitarbeiter und Führungskräfte sich gegenseitig vertrauen, ist die gemeinsame Zusammenarbeit von einer erhöhten Produktivität geprägt. Untersuchungen zeigen: Wer vertraut, ist motiviert und auch bereit, mehr zu leisten, so Aretas. Ein Mangel an Vertrauen bildet dagegen den idealen Nährboden für Angst.

Warum fehlt Vertrauen?

Als Hauptgrund für das Misstrauen nennen die Befragten der Studie laut Aretas vor allem das Gefühl der Ungerechtigkeit. Über die Hälfte stört die als unfair empfundene Bezahlung, 48 Prozent bemängeln fehlende Chancengleichheit. Von den Befragten, die das Vertrauen in ihren Arbeitgeber verloren haben, arbeiten 30 Prozent nicht mehr als von ihnen explizit verlangt wird. Mit Folgen für das Unternehmen: 28 Prozent sagen, die Enttäuschung führe generell dazu, dass sie weniger engagiert und produktiv seien.

Innere Emigration

Für ein Viertel der Beschäftigten wird Qualität zur Nebensache und knapp ein Viertel spricht negativ über das Unternehmen gegenüber Kollegen oder Bewerbern. »Diese Erkenntnisse sollten jeden Arbeitgeber aufrütteln. Fehlt das Vertrauen auf beiden Seiten, halten Mitarbeiter und auch Führungskräfte im schlimmsten Fall Leistungen zurück«, warnt Beims.

»Die Beschäftigten ziehen sich zurück – sie machen Dienst nach Vorschrift und hören auf, sich mit Ideen und besonderer Leistungsbereitschaft in das Unternehmen einzubringen.« Das ist aber gerade im Digitalen Wandel problematisch für Unternehmen. Denn in einer sich wandelnden Arbeitswelt mit globalem Wettbewerb und wachsender Dynamik brauchen Unternehmen leistungsbereite und loyale Belegschaften, die ihre Kreativität und ihre Ideen einbringen. Vertrauen kann sich nur in der Zusammenarbeit und der damit verbundenen Kommunikation entwickeln. Drei wesentliche Grundlagen fördern den Aufbau von Vertrauen: selbst Vertrauen schenken, eine klare Ausdruckweise und Authentizität.

Voraussetzung für den Aufbau sei laut Beims die Glaubwürdigkeit. Diese könne am ehesten erlangt werden, wenn Denken, Sprechen und Handeln aller Beteiligten übereinstimmen.

Eindeutig handeln

Es ist die Klarheit im Handeln insbesondere der Führungskraft, die absolut vonnöten ist, damit sich alle beteiligten Akteure sicher orientieren können. Für die Beschäftigten ist es von äußerster Wichtigkeit, dass Führungskräfte Versprechen einhalten und der Job als sicher wahrgenommen wird. Nur so ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich. Außerdem wichtig: gegenseitigen Respekt nicht nur einzufordern, sondern auch jeden Tag zu leben.

Vertrauen ist besonders dann gefordert, wenn Veränderungen im Unternehmen anstehen. Es bildet die Grundlage für die erfolgreiche Durchführung von Veränderungsprozessen, denn Umgestaltungen rufen immer auch Ängste bei den Beteiligten hervor.

»Nur wenn das Team den Führungskräften vertraut und diese auf der anderen Seite den Mitarbeitern das notwendige Vertrauen entgegenbringen, können Veränderungsprozesse weitgehend frei von Störungen gestaltet werden«, erklärt Beims.

Als Führungskraft ist es wichtig, gerade in diesen Phasen Orientierung und Sicherheit zu geben. Unerlässlich dafür: ein wertschätzender Umgang mit allen Beteiligten, klar formulierte Erwartungen und ausreichend Freiräume, Neues umzusetzen und einzuüben.

Zwei Seiten einer Medaille

Zu Vertrauen gehört auch immer Verantwortung. Damit Mitarbeiter Verantwortung übernehmen, sollten Vorgesetzte mit klar formulierten Zielen und Vereinbarungen statt mit Arbeitsanweisungen führen.

Voraussetzung hierfür: Die an der Veränderung Beteiligten für die neuen Aufgaben und Verantwortungen ausreichend zu befähigen. Vertrauen beinhaltet immer eine zweite Seite der Medaille: Erst der verantwortungsvolle Umgang mit dem Vertrauen ermöglicht, Ziele zuverlässig zu erreichen. (hd)

Erschienen in Ausgabe: 03/2017