Kooperativer Effizienzschritt

Kraftwerk Energieeffizienz-Know-how wird zum klaren Marktvorteil. Die Dienstleistungstochter der MVV Energie baut mit 30 Mio. € im Industriepark Gersthofen ein Heizkraftwerk. Ersatzbrennstoffe sind dessen Befeuerungsgut.

04. Juni 2008

Mit der Nutzung der Kraft-Wärme- Kopplung (KWK) schlägt der Industriepark Gersthofen keine neue Seite in der Energieeffizienz auf. »Bereits seit der Ölkrise hat die Chemieindustrie begonnen, die Abwärme aus dem einen Produktionsprozess als Nutzwärme für einen zweiten zu nutzen«, so Prof. Wolfgang Rommel, Geschäftsführer der Augsburger bifa Umwelt GmbH. Die jährliche Dampferzeugung reduzierte sich dadurch von 600.000 t in den 70er-Jahren auf 200.000 t. Die Leistung des fossil befeuerten Kesselhauses wurde zu groß. Der Bedarf nach einem modernen wuchs. Durch dieses wird der Industriepark ab Juli 2008 15 bis 20 % Energiekosten einsparen, was sich zudem aus dem Austausch des Primärenergieträgers ergibt.

Der genaue Blick auf diesen liegt angesichts des Preises für ein Barrel Öl, der aktuell auf 125 US $ geklettert ist, nahe. Durch die Kombination eines wärmegeführten Heizkraftwerkes mit Ersatzbrennstoffen (EBS) wird der höchste thermodynamische Wirkungsgrad erreicht, der derzeit möglich ist, so Rommel. Dieses Potenzial zur Effizienzsteigerung erkannte die MVV Energiedienstleistungen GmbH, die über ihre Tochter Industriepark Gersthofen Servicegesellschaft (IGS) seit 2006 den Industriepark betreibt. Das Genehmigungsverfahren für das 35MWth- Heizkraftwerk, für das die MVV Energie- Tochter 30 Mio. € investiert, wurde jetzt abgeschlossen. »Es soll das bestehende Kesselhaus ablösen und die Energieversorgung dieses Standortes mit Prozesswärme weiter verfeinern«, erläutert Dr. Hermann Teufel, IGS-Geschäftsführer. Die Abgase eines nahe gelegenen Produktionsbetriebes, die bisher mit bis zu 10.000 MWh thermisch nachverbrannt werden mussten, können in den EBS-Kessel abgegeben und energetisch genutzt werden. Zwei verbleibende Erdgaskessel sollen von da an nur noch zur Abdeckung von Spitzenlasten laufen.

Die Senkung des Energieverbrauchs war ein Faktum, das die im Industriepark ansässigen Unternehmen – darunter energieintensive Katalysebetriebe – von der Kooperation unter dem Dach der IGS überzeugte. »Von sich aus würde ein Betrieb einen solchen Effizienzschritt nicht gehen «, merkt der Geschäftsführer der MVV Energiedienstleistungen Michael Lowak an. Recht gibt ihm IGS-Geschäftsführer Heinz Peter Mergel: »Eher investiert ein Betrieb in seine Produktionssteigerung, als in energieeffiziente Maßnahmen, wie etwa eine neue Kältemaschine oder einen Druckluftkompressor«. Den Unternehmen bleibe unter dem enormen Kosten- und Marktdruck keine Gelegenheit, sich mit strategischen Dingen, wie Energieeffizienz auseinanderzusetzen. Insbesondere bei Kleinbetrieben stehe das Energiethema noch hinten an, so Mergel. »Zudem herrscht oft eine Art von Betriebsblindheit «, ergänzt Dr. Bernd Matthes, Vizepräsident des Bayerischen Landesamtes für Umwelt. »Hier kann ein drittes Unternehmen helfen, wirtschaftliche Missstände aufzudecken«, so Matthes in Bezug auf den Energiedienstleister. »Der dritte ist nicht unbedingt der gescheitere, aber er hat eine chamäleonartige breite Sicht. Er kennt ähnliche Unternehmen und kann leichter Effizienzpotenziale aufdecken«.

Günstigere Dampfversorgung

Als Filialwerk der Hoechst AG wurde der Industriepark nahe Augsburg vor mehr als einem Jahrhundert gegründet, »zu einem Zeitpunkt, zu dem der Lech gerade erschlossen worden war«, so Teufel mit Blick auf die alte Tradition der energieeffizienten Energieerzeugung. Heute arbeiten dort 1.650 Menschen in zwölf Unternehmen, darunter Chemieplayer, wie Clariant, CABB und Invista Resins & Fibers.

Durch EBS steht diesen Betrieben künftig 43 t Dampf pro Stunde zu günstigeren Konditionen zur Verfügung, so Teufel. »Dies ist von Vorteil für den Betreiber und für dessen Kunden, woraus ein klares Plus für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes resultiert «. Zudem ermöglicht die EBS-Verbrennung, so Mergel, eine Mehrfachnutzung der enthaltenen Rohstoffe, wie etwa Öl. »Anders als bei der direkten Ölverbrennung wird über die Wertstoffkette Öl – Kunststoff – recycelter Kunststoff – Verbrennung der Rohstoff Öl ressourcenschonend verbraucht«. Die Gewerbeabfälle, die das Heizkraftwerk verbrennen wird, unteriegen, so IGS-Geschäftsführer Matthias Bolle, einer hohen Qualitätskontrolle. Der »Treiber« sei dabei vielmehr die Versorgung des Industrieparks, weniger die Entsorgung des Gewerbemülls. »Wir nehmen ohne kostensteigernde lange Transportwege nur so viel EBS aus der Region an, wie umgesetzt werden kann«, erklärt Bolle. Die elektrische Leistung von 4,4 MW sei monetär trotz steigender Energiepreise ein untergeordneter Punkt. Eine dezentrale Erzeugung in der Größenordnung des Standortes wäre laut Bolle nicht wirtschaftlich. Die 35 ha Erweiterungsfläche, die im Industriepark aktuell noch durch den Bebauungsplan erschlossen wird, könnte in Anbetracht der ökonomischen Vorzüge weitere Betriebe anziehen. »Allerdings erfolgt durch den Bau des EBS-Kraftwerks kein Kapazitätsausbau«, so Bolle. Weitere Investitionen in Infrastruktur und Wärmeversorgung seien jedoch angedacht. (ds)

Erschienen in Ausgabe: 06/2008