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Bis 2024 schrumpft der Profitpool in der Energiewirtschaft. Das ergab der Strategic Review der Thüga. Vorstandschef Michael Riechel über eine Branche im Umbruch und die künftige Rolle des Unternehmens.

07. September 2016

Laut Review ist mit einem Rückgang des Profits in den nächsten Jahren um 21% zu rechnen. Grund zur Sorge oder normal in Zeiten des Umbruchs?

Als normal würde ich das nicht bezeichnen. Die Lage ist ernst. Zwei Einflussfaktoren sind dabei wesentlich: Marktentwicklungen und politische Entscheidungen.

Nehmen Sie beispielsweise die jüngsten Gesetzesänderungen. Das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende wird tiefgreifende Veränderungen nach sich ziehen.

Oder die gerade verabschiedete Novelle der Anreizregulierungsverordnung, die zwar den ungerechtfertigten Zeitverzug bei Investitionen beseitigt, gleichzeitig aber bereits investiertes Kapital entwertet.

Diese Entwicklungen beschäftigen uns sehr und führen dazu, dass wir unser Geschäft immer wieder überprüfen und auf die neuen Anforderungen ausrichten.

Die Studie nennt als Wachstumsbereiche unter anderem Vertriebsexzellenz. Was heißt das konkret?

Wir verstehen Stadtwerke als hybride Unternehmen, die in ihrem analogen und digitalen Leistungsangebot exzellent sind, das heißt in ihrem Produktangebot, den Vertriebsprozessen, der Kundenkommunikation und ihren Fähigkeiten zur Marktbearbeitung.

Im Kundenvertrieb meint Exzellenz zum Beispiel, dass die Kundenprozesse und Schnittstellen zum Kunden im Rahmen der Digitalisierung noch besser unterstützt werden.

Etwa im Sinne einer höheren Datentransparenz oder um mehr über das Kundenverhalten zu erfahren. Das alles dient dem Ziel, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, um neue Kunden zu gewinnen und Stammkunden zu halten.

Ein weiterer Wachstumsbereich sind laut Studie die dezentrale Versorgung mit Erneuerbaren und der Eigenverbrauch.

Autonome Versorgung liegt im Trend. Das gilt für PV und Speicher, aber auch für KWK-Anlagen. Viele Industrie- und Gewerbebetriebe sowie Wohnungsgesellschaften setzen auf KWK. Zugleich gilt: Je kleinteiliger, umso schwieriger ist der wirtschaftliche Betrieb. Für Stadtwerke kommt es darauf an, hier entsprechende Geschäftsmodelle anzubieten.

Welche Rolle wird der Netzbetrieb in Zukunft haben? Können Stadtwerke langfristig nur existieren, wenn sie ein eigenes Netz haben?

Netzbetrieb wird auch künftig ein interessantes Geschäft sein. Davon bin ich überzeugt. Ich glaube nicht an die Rede vom Stadtwerkesterben. Darüber spricht man seit 20 Jahren.

Aber eines ist auch klar: Ein isoliertes Kostenmanagement allein reicht nicht aus, um langfristig das Netz effektiv zu betreiben. Speziell kleine und mittlere Unternehmen sind aufgerufen, größere Einheiten zu schaffen.

Etwa indem sie sich mit Nachbarn beziehungsweise benachbarten Netzen deutlich besser organisieren und zusammenarbeiten. Dass haben wir in der Thüga-Gruppe an einigen Stellen schon gemacht.

Welche Akzente setzt die Thüga künftig bei der Beratung ihrer Mitgliedsunternehmen?

Wesentlicher Punkt in der Beratung wird die strategische Ausrichtung unserer Partnerunternehmen sein. Hier werden wir deutlich stärker als bislang aktiv sein und Hilfestellung leisten. Zum Beispiel wie erwähnt bei der Frage der künftigen Netzbewirtschaftung.

Die Thüga wird da künftig vor allem als Moderator agieren. Im Vertrieb geht es unter anderem darum, als Thüga zentral bestimmte Digitalisierungsthemen voranzutreiben; etwa Pilotprojekte bei Partnerunternehmen zu begleiten, um zu schauen, ob Dinge funktionieren und auch bei anderen Unternehmen ausgerollt werden können.

Mit anderen Worten: Wir koordinieren an zentraler Stelle Prozesse, Produktentwicklungen und Strategien.

Seit Februar ist die Thüga an dem Start-up Eness beteiligt. Wie intensiv beobachten sie die Start-up-Szene?

Die Medienberichte der letzten Zeit suggerieren, dass Start-up-Firmen die Energiewirtschaft retten. So sehe ich es nicht.

Sie sind eine Maßnahme, um neue Ideen und Geschwindigkeit in unser Geschäft reinzubringen. Davon können wir profitieren und deshalb beteiligen wir uns an ausgewählten Start-ups, wie zum Beispiel jetzt an Eness. Hier haben wir die Geschäftsentwicklung über die letzten zwei Jahre eng begleitet, die Beteiligung war die logische Folge.

Bis Ende des Jahres werden zahlreiche Thüga-Unternehmen die PV- und Speicher-Lösung von Eness nutzen. Das können wir als Erfolg verbuchen. Generell müssen wir bei Beteiligungen an Start-ups natürlich strategisch vorgehen.Der energiewirtschaftliche Kontext muss da sein und ein Mehrwert für die Thüga-Gruppe.

Vita Michael Riechel

• Seit 1.11.2015 Vorsitzender des Vorstandes der Thüga Aktiengesellschaft. Vorher unter anderem:

• Geschäftsführer Thüga Erneuerbare Energien

• Direktor Technische Betriebe E.on Ruhrgas, Lagerstätteningenieur bei der Preussag

Erschienen in Ausgabe: 07/2016