Koordinierte Kapazitäten

Strom- & Gasmarkt

Gas - Marktgebietskonsolidierung, GABiGas, Wettbewerb: Es gibt Bewegung. Aber für eine höhere Liquidität besteht weiterer Handlungsbedarf – auch bei der Regelenergie.

30. November 2009

»Wir sind mit der Entwicklung der Volumina, so wie sie sich momentan an der Börse darstellt, nicht zufrieden«, stellt Geschäftsführer Oliver Maibaum von der Energiebörse EEX fest. Die Handelsvolumina seien deutlich geringer als im außerbörslichen OTC-Markt, trotz weitgehend identischer Teilnehmer.

Dabei liege es nicht an der Attraktivität, da die EEX gegenüber anderen großen Börsenhandelsplätzen in Europa ähnliche Produkte und Teilnehmerzahlen aufweise.

Deutschlands liquideres Marktgebiet NetConnect Germany (NCG) sei »im Vergleich zu anderen europäischen Hubs noch deutlich unterentwickelt.« Denn bei der Umschlagshäufigkeit der Handelsvolumen, Churn-Rate genannt, erreiche das Marktgebiet gegenüber großen Handelsplätzen geringere Werte. Die Churn-Rate ist auch ein Maß für die in einem Markt vorhandene Liquidität.

Trotzdem macht Maibaum ein »erhebliches Potenzial für liquiden Erdgashandel am Spot- und Terminmarkt« aus. Deutschland habe hohe Importe und relativ hohe Exporte. Auch biete der zweithöchste Verbrauch und die größte Speicherkapazität für Erdgas in der EU Möglichkeiten. »Weltweit liegen wir bei der Speicherkapazität auf Platz vier.« Die neuen Pipelines, wie Nabucco, North- und South Stream würden künftig ebenfalls zu höheren Volumina führen. Diese Potenziale gilt es zu heben.

Wichtigste Aufgabe bleibt dabei weiter, die Liquidität zu steigern und Wettbewerbshemmnisse abzubauen.

Die Koordinierung des Handels von Speicher- und Transportkapazitäten sei der entscheidende nächste Schritt, so Maibaum. Nicht genutzte Kapazitäten für den Markt verwendbar zu machen, darin liege eine künftige Aufgabe.

»Aus Sicht des Gashandels ist dieser Punkt essentiell. Wer Gas kauft, möchte es auch transportieren. Wer Speicherkapazität kauft, möchte den Speicher auch nutzen.«

Diese Koordinierungsfunktion werde derzeit nicht wahrgenommen. »Das ist aus unserer Sicht der entscheidende Punkt für das noch geringe Volumen im Gesamtmarkt und an der Börse.« Die Energiebörse sei bereit, diese Aufgabe zu übernehmen.

»Der Gas-Wettbewerb wird durch die Kapazitätsbewirtschaftung durchführbar«, sagt auch Peter Stratmann von der Bundesnetzagentur. Dafür strebt die Agentur eine Neuordnung der Bewirtschaftung an, die kurz- und langfristige Kapazitäten besser verfügbar machen soll.

Dirk-Christof Stüdemann vom europäischen Energiehändler-Verband EFET sieht durch die Marktgebietszusammenlegung ein Problem bei Kapazitäten. So ständen durch Zusammenlegung der Gebiete auf momentan drei weniger Kapazitätsverträge zur Verfügung. Der Leiter der German Task Force Gas betont, dass vorher frei zuordenbare Kapazitäten bis zu 89% beschnitten werden. Frei zuordenbar bedeutet, dass innerhalb eines Marktgebietes gebuchtes Gas an beliebiger Stelle ein-, ausgespeist oder weiterverkauft werden kann.

In einigen Teilen seien Verträge, die vorher frei zuordenbar waren, jetzt nur beschränkt frei zuordenbar oder haben als Punkt-zu-Punkt-Kapazitäten keinen Zugang mehr zum virtuellen Handelspunkt. »Ich muss anerkennen, dass das physikalische Gründe hat. Es liegt an den Engpässen innerhalb des Marktgebietes, dass diese Kapazitäten entsprechend geändert wurden.«

»Parallel Beschaffen«

Weiteres Ziel ist, die Kosten für Regelenergie und Regelenergie-Umlage zu senken. Seit Oktober kann externe Regelenergie im Marktgebiet NCG auch über die Börse gehandelt werden. Die EEX hat NetConnect Germany als ersten Gasnetzbetreiber für den Handel am Spotmarkt für Erdgas im Marktgebiet NCG zugelassen.

Damit ist die Grundvoraussetzung für einen Handel mit Regelenergie über die Börse geschaffen. Dazu Torsten Frank, Geschäftsführer NCG: »Unser Ziel ist die marktorientierte Beschaffung von Regelenergie durch Produktanpassung und EEX-Kooperation.« Die Energiebörse plant, neben den existierenden Tagesprodukten im Spotmarkt für Erdgas ein Produkt zur untertägigen Strukturierung einzuführen. Dieses Produkt, der sogenannte ›Within Day‹, ermöglicht den Teilnehmern den kurzfristigen Kauf und Verkauf von Gasmengen für den Rest des Handelstages.

»Zumindest momentan beschaffen wir Regelenergie parallel über EEX und über ausgeschriebene Produkte«, erläutert Frank. Dabei müsse man auch sehen, wie sich die Liquidität entwickelt und wie die Netzgegebenheiten abgesichert werden können. »Sofort komplett an die Börse zu gehen ist aus unserer Sicht nicht möglich.«

Auch Stüdemann befürwortet den Handel an der Börse: »Wir finden diesen sehr interessant. Die EFET begrüßt die Aktivität der EEX beim Thema Regelenergie.« Das im Marktgebiet Gaspool Regelenergie in Zukunft nicht mehr über Optionen, sondern über eine eigene Plattform beschafft werde, sehe er als einen Schritt vorwärts. Auch wenn er sich auf Dauer nur eine Plattform wünschen würde.

»Uns ist klar, dass man von heute auf morgen noch nicht den gesamten Regelenergie-Bedarf aller Netzbetreiber über die EEX beschaffen kann – aufgrund der mangelnden Liquidität in gewissen Bereichen«, führt er aus. »Aber perspektivisch sind wir davon überzeugt, dass dies der beste Weg ist, um durch eine Vielzahl von Anbietern niedrigere Preise für Regelenergie zu bekommen.« (mwi) <

Handel

Regelenergie an der Börse

Um die Netzstabilität zu gewährleisten, müssen Gasmengen entweder kurzfristig eingespeist oder ausgespeist werden. Vorher wurden diese rein außerbörslich durch Netzbetreiber beschafft oder veräußert. Im liquideren H-Gas-Marktgebiet NCG kann Regelenergie nun auch über die EEX gehandelt werden. Das H-Gas-Marktgebiet Gaspool plant, eine eigene Plattform zu Regelenergiebeschaffung einzuführen.

Erschienen in Ausgabe: 11-12/2009