Kosten hart am Wind

Management

Prozessoptimierung - Hausgemachte Probleme der Windkraftanlagen-Hersteller treten deutlich zu Tage, seit Wettbewerb zunehmend aus Asien kommt. Doch mit Hilfe von Prozessoptimierung und Engineeringtools kann die Branche sich eine technisch und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft sichern.

04. Oktober 2011

Die Akzeptanz der ›Green Energy‹ hat heute eine breite Basis in der Politik und in der Bevölkerung. Die Rahmenbedingungen sind geklärt. Nun stehen erhebliche Investitionen vor allem in Windparks und in den Netzausbau an. Dabei ist den Unternehmen zu raten, ihre Strategien zu optimieren, damit sie nicht nur ihre Umsätze steigern, sondern auch profitabel arbeiten können. Vor allem bezüglich der Fertigungs- und Logistikprozesse gibt es viel zu tun, wenn die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten werden soll.

Tatsächlich gibt es in der Branche erhebliche strukturelle Probleme. An die Stelle gründerzeitlicher Euphorie mit beeindruckenden Wachstumszahlen sind längst ›normale‹ Unternehmensabläufe getreten. Der Kostendruck wächst, der Mangel an verfügbaren Ingenieuren schlägt voll durch, Liefertermine können oft nicht eingehalten werden. So ist – dem Bild in den Medien zum Trotz – die Lage der Windkrafthersteller alles andere als überwältigend.

Die Hälfte aller Windturbinen kommt aus China

Bisher waren die Probleme in erster Linie hausgemacht. Nun aber erwächst den deutschen und US-amerikanischen Herstellern mit der Volksrepublik China ein Wettbewerbsteilnehmer, der sich anschickt, die langjährigen Technologieführer wirtschaftlich auf die Plätze zu verweisen. China will erklärtermaßen Weltmarktführer bei den erneuerbaren Energien werden. Was den Chinesen bei der Solartechnologie bereits gelungen ist, nämlich die USA zu überflügeln, scheint auch bei der Windenergie nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Während Peking zunächst geplant hatte, bis 2020 den Ausbau der Atomkraft im großen Stil voranzutreiben, begann nach der japanischen Katastrophe auch im Staatsrat das Umdenken: Die Planungen für 140 noch nicht genehmigte Atomkraftwerke wurden auf Eis gelegt, für 77 bereits in der Bauplanung befindliche Anlagen wurden verschärfte Sicherheitsüberprüfungen angeordnet. Solar- und Windenergie werden nun staatlicherseits noch intensiver gefördert. Hatte China bereits im Jahr 2010 über 50Mrd. US-$ in den Ausbau der regenerativen Energien investiert, dürfte sich die Zahl in diesem Jahr verdoppeln. Heute werden in über das ganze Land verteilten Fabriken die Hälfte aller Windturbinen und Solarmodule der Welt hergestellt. Auch wenn derzeit noch 30%des Stroms aus rund 40.000 Windrädern gar nicht ins Netz eingespeist werden können, weil Leitungen fehlen, sollen die Netzwerke bis 2015 so weit ausgebaut sein, dass sogar neue Zehn-Gigawatt-Windparks problemlos angeschlossen werden können.

All das ist für die deutsche Windindustrie kein Grund zu resignieren. Aber es wird höchste Zeit zu handeln und die Kosten systematisch zu senken – nicht nur mit Blick auf Asien, sondern auch mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit der Anbieter anderer erneuerbarer Energien. Deshalb muss jetzt, mit dem Ziel, die Herstellungskosten deutlich zu reduzieren, an den Prozessabläufen in den Unternehmen geschliffen werden.

Gute Chancen für deutsche Unternehmen

Allen Widrigkeiten zum Trotz hat die Windbranche in Deutschland gute Chancen, sich weiter positiv zu entwickeln. Wer die Unternehmen jedoch beruhigen will, anstatt sie aufzurütteln, riskiert, einen irreparablen Schaden anzurichten. Um sich im internationalen Wettbewerb als Anlagenhersteller oder Lieferant zu behaupten, müssen die Unternehmen die organisatorischen Voraussetzungen schaffen, um die Kosten für die Stromherstellung zu senken.

Klingt gut – aber lassen sich Kosten so einfach nachhaltig senken? Ja! Am besten gelingt das durch die Optimierung der Prozesseffizienz, das heißt durch Eliminierung von Verschwendung, Restrukturierung der Prozessabläufe, optimierte Materialeffizienz, ein kennzahlenbasiertes systematisches Kostenmanagement sowie Qualifikation und Training der Mitarbeiter, die den Prozess dann neu leben müssen.

Zu diesem Optimismus gehört es allerdings, schonungslos die Hürden für eine schnelle positive Entwicklung aufzuzeigen. Zum einen haben, wie gesagt, die Wettbewerber aus anderen Ländern aufgeholt, die Internationalisierung ist weit fortgeschritten – mit allen Vor- und Nachteilen. Zum zweiten ist hierzulande ein Großteil der geeigneten Flächen bereits erschlossen. Zum dritten ist die Konzernbildung in die Gänge gekommen. Es ist absehbar, dass im globalen Wettbewerb der Großkonzerne im Strommarkt längerfristig weniger als zehn Hersteller überleben werden. Öffentliche Subventionen werden zurückgefahren, die Preise der Windenergieanlagen werden bis zu 20% fallen und der Windstrom wird an der Börse deutlich billiger gehandelt werden als heute, sodass die Gewinnmargen zu sinken drohen.

Kostenmanagement

Im Grunde nimmt die Entwicklung einen für die Marktwirtschaft ganz normalen Verlauf. Damit haben die Windenergieerzeuger viele gute Gründe, ihre Unternehmen optimal am Markt auszurichten.

Unternehmen, die langfristig konkurrenzfähig bleiben wollen, müssen neben der Innovationsführerschaft auch die Kostenführerschaft anstreben. Auch eine klare Entscheidung hinsichtlich der Wertschöpfungstiefe ist für ein erfolgreiches Unternehmen in dieser Branche unerlässlich, denn künftig wird es wohl nur noch zwei Modelle geben: Unternehmen mit einer Fertigungstiefe von über 70 und solche mit einer Fertigungstiefe von unter 20%. Da in der Phase des schnellen Wachstums kaum auf die Prozesse geachtet wurde, gibt es hier einen gewaltigen Nachholbedarf, gleichzeitig aber auch Einsparpotenziale von mehr als 20%.

Den größten Stellhebel bietet zweifellos die Verbesserung der Prozesseffizienz bei der Fertigung. Voraussetzung ist die eindeutige Beschreibung der Prozesse und Prozessebenen sowie die Definition des Idealprozesses. Das heißt: standardisieren, automatisieren, vereinheitlichen, durchgängige Produktionsnetzwerke schaffen. So wird eine prozessorientierte Aufbauorganisation mit verkürzten Durchlaufzeiten, reduzierten Prozesskosten und besserer Produkt- und Service-Qualität erst möglich. Verbesserte Prozesse müssen kontinuierlich überprüft und ein Kontinuierlicher Verbesserungsprozess in Gang gesetzt werden.

Obwohl die Anforderungen an die maritime Transportlogistik und die Offshore-Montagetechnik nach wie vor anspruchsvoll sind, stellen die Transportkosten heute nicht mehr das große Problem dar, das sie noch vor wenigen Jahren waren. Aktuell liegen die Kosten für Logistik und Montage vor Ort bei 15 bis 20%. Durch sinnvolle Planung und Ausstattung lassen sich diese noch erheblich senken.

Supply-Chain-Management

Oft genügt eine schnelle Bestandsaufnahme, um festzustellen, dass es bei der Lieferkette erhebliche Optimierungspotenziale gibt: lange Lieferantenlisten, fehlende Vereinbarungen zwischen Herstellern und Lieferanten und weitere Punkte deuten nicht auf effizientes Supply-Chain-Management hin. In Zukunft werden wir ein gut ausgebautes globales Lieferantennetzwerk haben und nutzen, wobei die Bewertung der Supply Chain durch klare Messgrößen erfolgt, wie wir es aus dem Automobilbau kennen. Aktuell verursachen acht von 8.000 Teilen einer Windenergieanlage 80 Prozent der Kosten. Wenn man sich erst einmal auf diese acht Teile konzentriert, hat man bereits einen wichtigen Ansatz für schnelle Kostensenkungen – sogenannte Quick Wins, die Kunden und Mitarbeitern vor Augen führen, dass und wie es möglich ist, mit geringem Aufwand in kurzer Zeit erhebliche Einsparungen zu realisieren.

Die Optimierung der Lieferkette erfolgt über die Einführung von Kennzahlen für die Prozesskosten, verbesserten Service – der Anteil termingerecht ausgeführter Aufträge muss gegen 100 Prozent gehen –, konsequentes Bestandsmanagement und systematisches Lieferantenmanagement. Auf längere Sicht müssen – durch ›Make-or-buy-Analysen‹ – konsequente Entscheidungen über die Eigen- oder Fremdfertigung getroffen werden. Entscheidend für den Gesamterfolg der Restrukturierung ist die Bereitschaft, im gesamten Unternehmen, vorausschauend zu agieren und Veränderungen zu leben. Auch indem man dem Fachkräftemangel mit systematischer Personalentwicklung begegnet, bei Mitarbeitern spezielle Problemlösungskompetenzen fördert, Zielvereinbarungen verabschiedet und in der Fertigung ein Shopfloor-Management installiert, das eine effiziente Pro-duktion absichert. Im Ergebnis werden mit durchgängigem Supply-Chain-Management bei gleich bleibendem Personaleinsatz mehr und bessere Anlagen gebaut.

In jüngster Zeit ist ein zunehmendes Interesse am Windmarkt aus Branchen zu beobachten, die bisher nur Energieverbraucher waren. Infolge des politisch geforderten Einstiegs in die Elektromobilität steigt beispielsweise die Automobilindustrie in die Erzeugung ein. Volkswagen etwa ist im Begriff, sich in erheblichem Umfang im Geschäft mit Offshore-Windparks zu engagieren. Die Konzerntochter Audi hat bereits in erneuerbare Energien investiert – nicht nur um an der gesamten Wertschöpfungskette zu partizipieren, Wasserstoff und Methangas erzeugen sowie Strom an die eigene Kundschaft verkaufen zu können. Mit seiner ›Balanced-Mobility-Strategie‹ strebt Audi eine klimaneutrale Firmenpolitik an – und will außerdem die anfänglich durch die Produktion von Elektroautos entstehenden Verluste durch die Stromerzeugung kompensieren.

Projekterfahrung zählt

Die Bereitstellung spezifischer Branchenkompetenz, wie Ingenics sie bietet, spielt eine wichtige Rolle, wo europäische Hersteller und Komponentenlieferanten ihre Preise um bis zu 30 Prozent reduzieren müssen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. In Kundenprojekten, zum Beispiel beim Windkraftanlagenhersteller Nordex, aber auch bei Zulieferbetrieben gelingt es Ingenics regelmäßig, die beschriebenen Potenziale zu identifizieren und gemeinsam mit den Kunden zu realisieren.

Deutsche Technologie ist in der Windkraftanlagen-Branche zwar noch führend, doch vor allem im Zulieferbereich werden künftig in erster Linie die Preise über die Auftragsvergabe entscheiden. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, sich jetzt dem Thema zu stellen, um die Windkraftanlagentechnik aus Deutschland auch zukünftig wettbewerbsfähig zu halten.

Andreas Hoberg

Partner der Industrie-Elite

Mit den Geschäftsfeldern Fabrik- und Produktionsplanung, Logistikplanung, Effizienzsteigerung Produktion sowie Effizienzsteigerung Office expandiert das innovative Beratungsunternehmen Ingenics AG. Zu den Kunden gehört die Elite der deutschen und europäischen Wirtschaft.

Auch international ist Ingenics ein gefragter Partner für die Planung und Realisierung weltweiter Produktionsstandorte, etwa in Indien, China, den USA und Osteuropa. Derzeit beschäftigt Ingenics rund 230 Mitarbeiter. Mit hoher Methodenkompetenz und systematischem Wissensmanagement wurden in über 30 Jahren mehr als 3.000 Projekte durchgeführt. Ingenics begleitet seine Kunden durch das komplette Projekt, von der Konzeption bis zur praktischen Umsetzung der Pläne.

Erschienen in Ausgabe: 08/2011