Kosten und Nutzen auf der Waage

Management

Gebäude - Wie viel Energieeffizienz und Klimaschutz bringen Sanierungsmaßnahmen zu welchen Kosten? Auch wenn jedes Haus anders ist, sind zumindest Trends zu erkennen, so eine Studie.

04. März 2013

Der politische Appetit auf schnell wirkende Energieeffizienz-Maßnahmen steigt – vor allem in Brüssel, aber auch in Berlin. Angesichts ehrgeiziger Klimaschutzziele ist das nachvollziehbar, wenn auch – wie bei Strom – nicht immer realistisch. Wenig Einigkeit besteht bei der Frage nach der richtigen Umsetzung. Das zeigt die Debatte um die Energieeffizienz-Richtlinie der EU. Unabhängig davon, wie am Ende des Tages entschieden wird, bleibt eine schlichte Erkenntnis: Bevor gespart werden kann, muss immer erst einmal Geld ausgegeben werden.

Es sollte politisches Ziel sein, neben CO2-Emissionen eine zu hohe Belastung der Verbraucher bei der Sanierung von Gebäuden zu vermeiden. Dafür sollten die verfügbaren Sanierungsmaßnahmen anhand einer Grundfrage bewertet werden: Wie viel Energieeffizienz und damit Klimaschutz erbringen sie zu welchen Kosten? Mit einer technikneutralen Hitliste der Maßnahmen kann der Hausbesitzer besser entscheiden. Das Gleiche gilt für Energiepolitiker. Sie können damit Fördermodelle volkswirtschaftlich sinnvoller aussteuern.

Aber wie misst man den Kosten-Nutzen-Effekt einheitlich? Die CO2-Vermeidungskosten liefern dafür wertvolle Anhaltspunkte. Sie werden in Euro pro reduzierter Tonne CO2 ausgedrückt. Je niedriger sie liegen, desto wirtschaftlich sinnvoller ist eine Klimaschutz-Maßnahme. Das heißt, die Vermeidungskosten sollten im Idealfall sogar negativ sein.

Wie hoch die CO2-Vermeidungskosten bei welcher Maßnahme liegen, ist alles andere als exakte Wissenschaft. Jedes Gebäude ist anders, jeder Haushalt hat andere Verbrauchsmuster. Klare Trends zeichnen sich dennoch ab. RWE Effizienz hat das Beratungsunternehmen Frontier Economics beauftragt, wissenschaftliche Studien und Veröffentlichungen zu diesem Thema auszuwerten und daraus Kosten-Bandbreiten für die gängigsten energetischen Sanierungsmaßnahmen zu ermitteln.

Smart Meter wirtschaftlich?

Den besten Kosten-Nutzen-Effekt hat der Austausch von Gefrier- und Kühlgeräten sowie von Heizungsumwälzpumpen. Die Vermeidungskosten liegen hier zwischen –150 und 0€. Ähnlich günstig liegen nur zwei weitere Maßnahmen: Zum einen die elektronische Einzelraum-Temperatursteuerung über eine Hausautomatisierung. Ist sie funkgesteuert, ermöglicht diese Technik zweistellige Einsparquoten bei den Heizkosten für vergleichsweise geringe Anschaffungskosten. Zum anderen ist es die Installation eines Smart Meter.

Allerdings ist die Wirtschaftlichkeit dieser beiden Maßnahmen stark davon abhängig, wie viel Energie der Haushalt verbraucht. Eine flächendeckende Einführung von Smart-Meter-Technik ist für das Energiesparen allein ökonomisch nicht sinnvoll, erst ab einem Stromverbrauch von mehr als 6.000kWh/a sind die Vermeidungskosten negativ, also unmittelbar wirtschaftlich. Abgesehen davon, dass nicht die Technik selbst einspart, sondern der Kunde sein Verbrauchsverhalten ändern muss.

Teurer wird es im klassischen Wärmebereich. Hier hat der Hauseigentümer die Qual der Wahl: Soll er in Wärmedämmung investieren oder seine Heizung erneuern? Wärmedämmung ist bei über 30 Jahre alten unsanierten Gebäuden meistens wirtschaftlich, weil sie ohnehin saniert werden müssen. Dann sinken die spezifischen energetischen Mehrkosten erheblich, denn die energetische Sanierung wird einfach mit erledigt. Die Dämmung jüngerer Gebäude ist nur in Ausnahmefällen im Rahmen weiterer Maßnahmen ökonomisch sinnvoll. Als Faustregel gilt zudem, dass die Dämmung von Geschoss- und Kellerdecken tendenziell günstiger ist als bei Dach und Fassaden. Hier streuen die Vermeidungskosten je nach Gebäude zwischen –20 und 60€/t CO2.

Und wie sieht es aus, wenn sich der Hauseigentümer für eine neue Heizung entscheidet? Hier schneiden Gas-Brennwert-Anlagen mit Vermeidungskosten von –9 bis 96€ am besten ab. Heizen mit Holzpellets ist trotz des hohen Investitionsaufwands mit Vermeidungskosten von 11 bis 140€ nicht wesentlich teurer. Das liegt aber nur daran, dass Biomasse per Definition als emissionsfrei gilt. Wärmepumpen sind für Neubauten die Nummer1.

Vergleichsweise neu im Heizungsmarkt für Wohngebäude sind Blockheizkraftwerke mit politisch geförderter Kraft-Wärme-Kopplung. Sie weisen mit 18 bis 445€ die größte Bandbreite der Heiztechnologien auf. Sie eignen sich besonders für Objekte mit sehr hohem Wärmebedarf, wenn es für eine Komplettsanierung noch zu früh ist.

Fördermittel in Gebäudebestand

Soweit die technisch-wirtschaftliche Analyse. Welche Handlungsempfehlungen ergeben sich daraus an die Energiepolitik? Erstens: Sanierung ist dann sinnvoll, wenn die für den individuellen Bedarfsfall richtigen Maßnahmen umgesetzt werden. Dafür braucht der Hauseigentümer auch künftig weitreichende Entscheidungsfreiheit und umfassende Beratung. Eine Verschärfung der Energieeinsparverordnung sollte mit Augenmaß erfolgen, um Investitionsvorhaben nicht bereits im Keim zu ersticken.

Zweitens sollte Förderpolitik daher auch künftig flankierende Anreize setzen statt Maßnahmen vorzugeben. Der Ausbau der Energieberatung sollte gefördert und messbare Qualitätskriterien für diese festgelegt werden. Energieunternehmen sind ebenso unverzichtbar als Energieberater wie das Handwerk, wenn es um effiziente Breitenwirkung geht. Deshalb sollten auch sie als unabhängige Berater anerkannt werden.

Zum Dritten lassen sich im unsanierten alten Gebäudebestand bei der Raumwärme mit den niedrigsten CO2-Vermeidungskosten nicht nur die wirtschaftlichsten, sondern auch die vom Gesamtvolumen größten Effekte für den Klimaschutz erzielen. Hier sollte der mit Abstand größte Teil der Fördermittel eingesetzt werden. Dabei sollte die jeweils wirtschaftlichste Maßnahme die Messlatte sein. Nicht jedes Haus eignet sich für den Umbau zum Passivhaus. Viertens ist der Austausch von alten Elektrogeräten wie Kühlschränken oder Heizungspumpen für den Hausbesitzer in der Regel so attraktiv, dass hier keine finanzielle Förderung aber dafür mehr Information und Transparenz notwendig sind. Laut einer Studie der britischen Economist Intelligence Unit verbrauchen Gebäude in deutschen Großstädten im Durchschnitt 20% weniger Energie als in anderen EU-Ländern. Daraus zu folgern, die wesentlichen Potenziale sind schon gehoben, wäre falsch. Bis die von der Bundesregierung angestrebten 20% Effizienzsteigerung erreicht sind, ist es ein weiter Weg. Aber dieser sollte mit Augenmaß zurückgelegt werden. Denn Energieeffizienz, die sich nicht rechnet, ist keine.

Dr. Dietrich Gemmel (RWE Effizienz)

Erschienen in Ausgabe: 02/2013