Kraftwerk mit Auto-Genen

Technik

Partnerschaft - Volkswagen will mit dem Eco-Blue-Blockheizkraftwerk neue Märkte erschließen und dabei Konzernvorteile nutzen. Exklusiv vermarktet wird es über Lichtblick.

09. April 2010

Die Ankündigung der Kooperation von Volkswagen und Lichtblick hat für ein breites Medienecho gesorgt. Geplant ist nicht weniger, als den Markt für kleine Blockheizkraftwerke (BHKW) auf eine grundlegend neue Basis zu stellen.

Bei der Produktion des EcoBlue-BHKW will Volkswagen die Vorteile seiner internationalen Konzernstruktur voll ausspielen. Ziele sind eine kostengünstige Produktion und größtmögliche Wartungsfreundlichkeit mit langen Serviceintervallen. Welche Konzernprodukte direkt eingesetzt und welche Produktionseinrichtungen dafür genutzt werden könnten, wurde bereits bei der Konzeption des Kraftwerks diskutiert.

Basis ist der bekannte 2,0-Liter-Motor von Volkswagen,derauch die Erdgas-Modelle des Touran und Caddy antreibt. Aber nicht nur der Motor, auch Teile wie die Abgasanlage können mit entsprechenden Modifikationen aus der Autoproduktion übernommen werden. Die Seitenteile fertigt künftig wahrscheinlich das VW-Werk in Sarajewo. Nebenaggregate wie Lichtmaschine sowie Steuer- und Einspritzanlagen stammen von Zulieferern.

Allein die Einsparungen durch Massenproduktion und Nutzung der im Konzern vorhandenen Bauteile verschaffen dem Unternehmen eigenen Angaben zufolge einen Kostenvorteil von mehr als einem Drittel gegenüber kleineren Wettbewerbern. Geplant ist eine Jahresproduktion von 15.000 BHKW. Allerdings gibt es wegen der starken Nachfrage bereits Überlegungen, die Anlaufkurve hochzufahren.

Diese auch für einen Konzern interessante Stückzahl hilft längerfristig, weitere Kostenpotenziale zu heben. Allein die bessere Auslastung des Werks Salzgitter und die zusätzlichen Aufträge für Zulieferer können zu erheblichen Skaleneffekten führen – und zu einer Stabilisierung der Beschäftigung: Bereits jetzt sind mehr als 150 Volkswagen-Mitarbeiter für das EcoBlue-Projekt tätig.

Das BHKW erfüllt die Spezifizierungen der strengen Gasgeräterichtlinie. Technisch ist es auf eine Lebensdauer von 30.000 Betriebsstunden ausgelegt. Um die Wartungskosten zu minimieren und die Ölwechselintervalle zu dehnen, ist der Motor mit einem Ölreservoir von nicht weniger als 25 Litern ausgestattet.

Dazu kommt eine erprobte Dosierstrategie, die das Öl lange frisch hält: Dem Ölkreislauf wird regelmäßig eine geringe Menge frisches Öl zugeführt. Überschussmengen werden durch den Überlauf abgeleitet. Zudem rechnen die Entwickler bei dem Betrieb des Motors mit der konstanten Drehzahl von 1.500U/min nur mit minimalem Verschleiß.

Halbe Leistung angedacht

Eine Besonderheit der Entwicklung ist der modulare Aufbau der Gesamtanlage. Sie soll garantieren, dass die BHKW vergleichsweise schnell auch in engen Kellerräumen installiert werden können. In drei Modulen sind die Medienschnittstellen für Wasser, Primär- und Sekundärkreislauf sowie die Verkabelung derart integriert, dass sie sich leicht zerlegen und wieder zusammensetzen lassen.

Das vorgestellte BHKW ist auf einen jährlichen Wärmebedarf von mindestens 45.000kWh ausgelegt. Damit eignet es sich unter anderem für den Einsatz in Mehrfamilienhäusern oder gewerblichen Objekten mit einer relativ gleichmäßigen Wärmenutzung.

Doch die Zukunft der Blockheizkraftwerke sieht der Automobilhersteller auch in kleineren Einheiten. Abhängig von der Nachfrage gibt es Überlegungen, darüber hinaus ein BHKW mit etwa der halben Leistung zu entwickeln. Mit dem kleinen Dreizylinderaggregat stände bereits ein passender Antrieb aus dem Konzernregal zur Verfügung.

Udo Kasten

Interview

»Wir produzieren günstiger«

Jörg Wi lland, Leiter Entwicklung Blockheizkraftwerke im VW -Werk Salzgitter zu den Perspektiven der Kooperation mit Lichtblick.

es: Wie waren die ersten Reaktionen auf Ihre Partnerschaft?

Überwältigend! Als Projektleiter von Volkswagen habe ich nach Ankündigung des Projektes eine Unmenge von Anrufen und Schreiben von Menschen erhalten, die sich für EcoBlue interessieren – obwohl klar ist, dass Lichtblick für den Vertrieb verantwortlich ist und man derzeit noch kein einziges BHKW kaufen kann. Ab Frühjahr werden die ersten 100 BHKW in Hamburg in einem Feldversuch erprobt.

es: Welche Chancen sehen Sie in dem Projekt?

EcoBlue ist für uns eine sofort einsetzbare Technologie, die in die Zukunft führt. Für uns sehe ich da hoch interessante Perspektiven. Wir bauen hier im Werk Salzgitter Motoren – betreiben also in erster Linie Maschinenbau. Bei unserem Blockheizkraftwerk geht es aber um die Entwicklung eines kompletten Systems. Das bietet immense Möglichkeiten der Weiterentwicklung für unsere Mitarbeiter und das Werk.

es: Warum sind Sie eine exklusive Partnerschaft eingegangen?

Lichtblick setzt bei seinem Vermarktungskonzept auf große Stückzahlen. Das passt sehr gut zusammen, denn wir haben jahrzehntelange Erfahrung im Großserienbau und nutzen die Vorteile der Konzernstruktur. Im Ergebnis können wir mehr als ein Drittel günstiger produzieren als der Wettbewerb

es: Ist das Projekt ein erster Schritt beim Zusammenwachsen zweier Industriezweige?

Ich glaube, dass man jetzt schon von einer Verschmelzung reden kann. Das BHKW passt perfekt in unsere Umweltstrategie – besonders wenn es einmal mit Biogas betrieben wird. Und spätestens mit der Entwicklung von Elektrofahrzeugen wird die Verbindung zwischen Kfz-Industrie und Anbietern von Energie noch deutlich enger werden.

Erschienen in Ausgabe: 2-3/2010