Kreativ gegen Hemmnisse

Contracting - Mit jährlichen Wachstumsraten von 10 bis 20 % zählt das Contracting zu den florierenden Märkten. Das Potenzial wird freilich erst zu einem Bruchteil ausgeschöpft, nicht zuletzt aufgrund gesetzlicher Hemmnisse.

08. September 2005

Mangelnder Kreativität der Branche ist es wohl kaum zuzuschreiben, dass Deutschland noch immer als Nachholmarkt gilt. Der Berliner Energieagentur etwa verhalf ein Blick über den Zaun zu einem Projektabschluss von passgenauem Zuschnitt. Nach holländischem Vorbild wird ein Gartenbaubetrieb im Berliner Vorort Buchholz in Kraft-Wärme-CO2-Kopplung versorgt. BHKW und Gasbrennwertkessel stellen außer Strom und Wärme CO2 bereit.

Abgase dienen als Tomatendünger. Zuvor hatte der Contractingnehmer technisches CO2 in Druckgasbehältern zugekauft. Nun wird es in einem 460-kW-Mittellastkessel ›automatisch mit der Wärme mitproduziert‹ und über ein 215 m langes Polyethylen-Verteilnetz über gut 5.200 m? Anbaufläche ausgebracht.

»Extremer Wettbewerb in der Pflanzenproduktion macht die Energiekosten zum entscheidenden Faktor«, so Kerstin Krüger von der Energieagentur. Den Alt­bestand, einen überdimensionierten Öl-Heizkessel mit weniger als 80 % Nutzungsgrad und den Stromliefervertrag mit dem örtlichen Versorger, hat inzwischen ein Container abgelöst. In der Energiezentrale tun ein BHKW-Modul vom Fabrikat PEWO GS-30 C (30 kWel; 65 kWth) und ein 460-kW-Mittellastkessel von Viessmann Vertomat Dienst.

Sie decken den überwiegenden Jahresbedarf, rund 2,1 Mio. kWh Heizwärme und 230.000 kWh Strom. Der Strombezug beschränkt sich auf Zusatz- und Reservemengen, bei Wärmespitzen lässt sich auf den Ölspezialkessel (Viessmann Turbomat R, 2,9 MW) zurückgreifen.

MSR-Technik sorgt dafür, dass das BHKW den größtmöglichen Energieanteil übernimmt. Wesentliche Betriebsdaten werden automatisch erfasst. Das dient der energetischen Optimierung ebenso wie die Fernüberwachung: Sendet das MSR-System Störmeldungen, wird der Servicedienst alarmiert.

Während sich der Energiedienstleister dem Anlagenbetrieb widmet, einschließlich Wartung, Fernüberwachung und 24-Stunden-Stördienst, kümmert sich der Tomatenbauer ums Kerngeschäft - zu garantierten Energiepreisen, einem für die Landwirtschaft üblichen Tarif für den Strom sowie recht günstigen 41,91 €/MWh für die Wärme.

Nutzungsrisiko beim Contractor

Auch das Nutzungsgradrisiko trägt der Kontraktor. So wurde der anfangs kalkulierte Jahreswärmebedarf regelmäßig unterschritten, gleichzeitig deutlich mehr Strom nachgefragt als erwartet. Zudem stand das BHKW mehrere Monate wegen Insolvenz des Herstellers und Betriebsführers still: Statt der geplanten 5.500 Volllaststunden kamen in den Jahren 2003 und 2004 lediglich rund 3.100 bzw. 2.250 zusammen. Im Dezember endet das 140-Mio.-€-Projekt nach nur fünf Jahren. Die sehr kurze Kapitallaufzeit verdankt das Modellprojekt einer 40-%-Förderung aus Landes- und EU-Mitteln. Für die Energie-Agentur ist es eines von über 40 Versorgungsprojekten mit zusammen 25 MWth Anschlussleistung, die auch eine gewisse Risikostreuung bieten, sollte sich die Renditeerwartung im Einzelfall nicht erfüllen.

Im Einspar-Contracting sind die Vertragslaufzeiten mitunter noch kürzer. Beim Dürener Autozulieferer Visteon etwa senkte die Lufthansa-Tochter LGM Energie die jährlichen Energiekosten um rund 600.000 €, die Wartungskosten um 40.000 €. Für das Projekt, das vor allem auf eine Verbesserung der Lüftungsverhältnisse in der Fertigung abzielte, wurden bei Investitionen von ca. 1,66 Mio. €. dreieinhalb Jahre angesetzt.

Eine recht lange Periode, die heute kaum mehr realisierbar wäre, so LGM-Vertriebsleiter Volkmar. »Ein Return-on-Investment von weniger als zwei Jahren ist heute Standard, was anderes würde schon durchfallen.« Doch auch aus Sicht des Dienstleisters bergen langfristige Verträge mit Blick auf »möglicherweise kurzfristige Standortperspektiven« des Auftraggebers Risiken. Sicherheiten wie Grundbucheintrag oder Bürgschaft könnten nur bedingt Ausgleich schaffen.

Denn damit verliert Contracting einen Teil seines finanziellen Charmes gegenüber der Eigenlösung. »Unser schärfster Wettbewerb ist natürlich immer die Eigenlösung«, sagt Dr. Robert Greb von der MVV Energie AG. Deshalb müssten auch im Liefer-Contracting möglichst Einsparungen erzielt werden, um günstigere Medienpreise bieten zu können als zuvor in Eigenerzeugung. Besonders verbreitet scheint das Bewusstsein zum Outsourcing noch nicht zu sein. Im europäischen Vergleich sei Deutschland Nachholmarkt, so Dr. Jobst Klien, Vorsitzender des ZVEI-Contractingforums.

Allein im Industrie-Contracting werde das ›zugängliche Marktpotenzial‹ von insgesamt rund 20 Mrd. € nur zu etwa 5 % ausgeschöpft. Vom Wärmebedarf der Industrie, 450 Mrd. kWh/a, ließen sich technisch 225 Mrd. aus KWK-Anlagen decken - 2,5-mal soviel wie im Moment. Ein positives Signal immerhin sind jährliche Umsatzsteigerungen von 10 bis 20 %.

Solides Wachstum meldet auch der Verband für Wärmelieferung (VfW). Dessen 224 großteils in der Wohnungswirtschaft, aber auch im Industriebereich tätige Mitgliedsunternehmen verbuchten im letzten Jahr 908 Mio. € Umsatz aus Contractingprojekten - eine Steigerung um 14,5 %. Energieliefer-Contracting ist mit 82 % nach wie vor die am meisten realisierte Variante: Die Zahl der abgeschlossenen Verträge stieg um 14 % auf 20.700. Aus der thermischen Anschlussleistung der Projekte (7.400 MW) hat der VfW eine Primärenergieeinsparung von 2,37 Mrd. kWh errechnet, somit eine Umweltentlastung von 540.000 t CO2. Im Industrie-Contracting besteht der Kundenstamm im Wesentlichen aus Betrieben mit nennenswertem Energiekostenanteil an den Produktionskosten. Im bundesweiten Durchschnitt liegt dieser bei lediglich 1,6 %, häufig ist er marginal. Dies zählt für Dr. Dieter Kreikenbaum, DIHK Deutscher Industrie- und Handelskammertag, zu den wesentlichen Hemmnissen, denen sich Energiedienstleister gegenübersehen. Zudem seien die Investitionskosten für energetische Verbesserung oft schwierig zu isolieren.

Im Anlagen-Contracting kommen gesetzliche Hürden hinzu. Klien, auch Geschäftsführer der Vattenfall Europe Contracting, spricht von einer »potenziellen Bedrohung der weiteren guten Entwicklung des Marktes«. Eines der Hindernisse sei das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG). Danach müssen Energiedienstleister, die KWK-Anlagen errichten, eine bestimmte Menge Ökostrom im Netz aufnehmen, Eigenversorger dagegen nicht. Vor allem das umständliche Handling der Lieferquote verteuert den Strom aus der Contracting-Lösung.

»Klimaschutzmaßnahmen werden gegeneinander ausgespielt.« Sorge bereite ferner der Begriff ›Objektnetze‹ im neuen Energiewirtschaftsgesetz: Für räumlich begrenzte Contracting- oder Eigenversorgungsareale gelten wesentlich geringere rechtliche Auflagen als für den Bereich der allgemeinen Versorgung, sofern sie zu den in Paragraf 110 definierten Objektnetzen zählen.

»Hase-und-Igel-Spiel«

Mit dem Genehmigungsvorbehalt im Gesetz drohe Contractoren ein »unergiebiges, bürokratisches Hase-und-Igel-Spiel«, so Klien: Der Vertragsabschluss hänge entscheidend von der Anerkennung als Objektnetz durch die jeweils zuständige Landesbehörde ab. Gesetzliche Klarstellung erhofft sich auch der VfW. In der Wohnungswirtschaft ist umstritten, ob Contracting der Zustimmung der Mieter bedarf.

Wenn dem so wäre, würden neue Projekte vollständig blockiert, befürchtet Birgit Arnold vom VfW. Es müsse möglich sein, gewerbliche Nahwärmelieferungen ohne besondere Zustimmung als Betriebskosten umzulegen - in der Fernwärme sei dies gang und gäbe.

Öffentliche HandIn der Offensive

Ein im Herbst 2002 angestoßenes Pilotprojekt für Bundesliegenschaften nimmt langsam Formen an: Im ersten Objekt, dem Grenzschutzpräsidium Mitte in Fulda, hat die Hauptleistungsphase begonnen, für fünf weitere wurden inzwischen Erfolgsgarantie-Verträge unterzeichnet. Dazu kommen 28 Liegenschaften, bei denen derzeit Ausschreibungen laufen. Insgesamt könnten so die Energiekosten um jährlich 2,8 Mio. € verringert werden. Die ›Contracting-Offensive‹ der dena soll diese Entwicklung beschleunigen.

Erschienen in Ausgabe: 08/2005