Kundennähe kontra Massengeschäft

Strommarkt

Wie in anderen liberalisierten Märkten auch, wirkt sich der Konkurrenzkampf im Strommarkt in erster Linie auf die Preise aus. Die Unternehmen profitieren davon mit deutlich niedrigeren Aufwendungen für den Energiebezug.

11. April 2001

Nach einem eher zögerlichen Beginn ist der Kampf um Marktanteile und Kunden auf dem deutschen Strommarkt inzwischen heftig entbrannt. Die Vielfalt der Angebote und Werbeszenarien hat allerdings nicht nur positive Aspekte. Die damit einhergehende Unübersichtlichkeit des Marktes verunsichert die Kunden. Das Ergebnis: Häufig werden Verträge abgeschlossen, die vermeintlich günstige Konditionen bieten, bei näherem Hinsehen jedoch mehr Nach- als Vorteile beinhalten. Im schlimmsten Fall werden die Kunden für längere Zeit von den Vorteilen des liberalisierten Marktes komplett ausgeschlossen.

Ein niedriger Strompreis ist in vielen Fällen das allein entscheidende Kriterium für einen Vertragsabschluss. Er sollte allerdings nicht dazu führen, dass sich die Kunden viel zu lange an einen bestimmten Versorger binden, sich ineffektiven Einkaufskonsortien anschließen oder sich auf Mindestabnahmemengen festlegen lassen. Ratsam ist daher, die einzelnen Angebote sehr sorgfältig zu prüfen und dabei nicht nur auf den Preis, sondern auch auf die anderen Vertragskonditionen und weitere Serviceleistungen des Anbieters zu achten.

Dazu einige Beispiele: Mit Vertragslaufzeiten von mehr als einem Jahr wird den Kunden die Möglichkeit vorenthalten, sich immer wieder neu am Markt zu orientieren. Kundenfreundlich sind Vertragslaufzeiten von einem Jahr mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten. Speziell gewarnt werden muss vor sogenannten „Escape“- oder Ausstiegsklauseln, die den Kunden bei Vorlage eines Alternativ-Angebots eine Preisanpassung versprechen. Problem dabei: Bei einer solchen Klausel im Vertrag mit dem bisherigen Versorger erhalten die Kunden häufig erst gar kein alternatives Angebot. Die freie Wahl des Energielieferanten wird damit unmöglich.

Auch die Bildung von Einkaufsgemeinschaften - sogenannten Pools - oder der Stromeinkauf über den Makler sind Erscheinungen des freien Marktes, die von Fachleuten inzwischen nicht mehr befürwortet werden. Richtig ist, dass in den Anfängen des liberalisierten Marktes vor allem Großunternehmen bei den Energielieferanten günstige Konditionen erhalten haben. Kleine und mittlere Betriebe mussten sich zu Einkaufsgemeinschaften zusammenschließen, über Makler Strom kaufen oder sich auf Bestellleistungen, Mindestabnahmemengen und Mindestumsätze festlegen, um Strom zu attraktiven Preisen zu beziehen. Inzwischen ist die Angebotsvielfalt auf dem deutschen Strommarkt jedoch so groß, dass solche Konstruktionen überflüssig geworden sind.

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine mittelständische Bäckerei hätte als Mitglied eines Einkaufspools einen vermeintlich günstigen Staffelpreis von durchschnittlich 13,1 Pf/kW (ohne Strom- und Umsatzsteuer) zahlen müssen. Das individuell für diesen Kunden erstellte Angebot eines anderen Energielieferanten ergab einen Preis von 11,36 Pf/kW (ebenfalls ohne Strom- und Umsatzsteuer). Die Einsparung für den Bäckereibesitzer: rund 13.000 DM pro Jahr.

Auch die Ängste vieler Kunden, durch einen Anbieterwechsel könne es zu Problemen bei der Lieferung kommen, sind völlig unbegründet. Der Wechsel des Energielieferanten ist heute problemlos möglich - ohne Einbußen in der Versorgungssicherheit und ohne technischen Aufwand. So bieten auch reine Stromhändler absolut sichere Stromlieferungen an, obwohl sie nicht über eigene Anlagen zur Stromerzeugung verfügen. Zu diesem Zweck werden Verträge mit den Netzgesellschaften geschlossen, die für den Betrieb des Stromnetzes und die ordnungsgemäße Durchleitung des Stroms zuständig sind.

Knapp zwei Jahre nach der Marktöffnung ist der deutsche Strommarkt kräftig in Bewegung geraten. Der heutige Stand kann allerdings weder Kunden noch Anbieter voll zufrieden stellen. Immer noch versuchen manche traditionelle Versorger, die Aktivitäten der neuen Wettbewerber zu behindern, beispielsweise durch überhöhte Durchleitungsentgelte. Immer noch bietet der Markt zu viel Spielraum für vermeintlich interessante Angebote, die die Kunden bei näherem Hinsehen von der Liberalisierung ausschließen, statt sie von den Vorteilen des freien Marktes optimal profitieren zu lassen. Eine niedrigere Stromrechnung ist für die Unternehmen ein entscheidendes Wettbewerbsinstrument, das keinesfalls ungenutzt bleiben darf. Daher müssen am Ende der Entwicklung faire Bedingungen für alle Wettbewerber und attraktive Angebote für die Kunden stehen.

Lothar Lösch ist Geschäftsführer der EuroPower Energy GmbH, Frankfurt/Main

Erschienen in Ausgabe: 03/2000