Kurs auf neun Centpro Kilowattstunde

Markt | Windenergie

Gestehungskosten - Die Kosten für Strom aus der Offshore-Windenergie könnten in den nächsten zehn Jahren um rund ein Drittel sinken. Voraussetzung wäre ein schwungvoller Ausbau der Kapazität.

05. November 2013

Laut BWE sind derzeit Offshore-Windparks mit einer Leistung von rund 2GW im Bau. Einer jüngst veröffentlichten Studie zufolge sind weitere Anlagen mit einer Leistung von 4GW in der Nordsee und 1,2GW in der Ostsee bereits genehmigt. Die Untersuchung der Stiftung Offshore-Windenergie analysiert die mögliche Kostenentwicklung der Offshore-Stromerzeugung bis zum Jahr 2023 anhand dreier typischer Standorte in der Nordsee sowie zweier Zubauszenarien.

Ein Drittel günstiger

Das erste setzt eine stabile Marktentwicklung voraus und beschreibt einen Ausbau auf mindestens 9GW installierter Leistung bis 2023. Unter diesen Annahmen sinken die Stromgestehungskosten in den nächsten zehn Jahren über alle Standorte hinweg durchschnittlich um etwa 31 Prozent. Zum Vergleich: Bestehende Windparks auf See kommen der Studie zufolge auf mittlere Erzeugungskosten von 12,8–14,2 Ct/kWh über 20 Jahre Betriebszeit.

Bei optimalen Marktbedingungen ließen sich die Kosten sogar um 39% verringern. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie für das zweite, progressivere Szenario, das einen Kapazitätszubau von 14GW vorsieht. Für Stiftungs-Präsident Jens Eckhoff sind die Ergebnisse ein deutliches Signal. Während die Einkaufspreise für Kohle oder Gas im Jahr 2023 in den Sternen stünden, sei für Offshore-Wind klar: »Wir liegen in allen Szenarien unter zehn Cent«, so Eckhoff.

Die Kostensenkungspotenziale finden sich überwiegend auf technischer Seite, so Studienautor Frank Peter von Prognos. Vierzehn beziehungsweise 21 Prozentpunkte der möglichen Kostenreduktion in den Szenarien 1 und 2 resultieren aus Einsparungen bei den Investitionskosten. Kurzfristig wirke vor allem eine verbesserte Logistikinfrastruktur bei der Installation kostensenkend. Langfristig bestimme der Trend zu größeren Turbinen und effizienten Fertigungsverfahren für die Tragstrukturen die Entwicklung. Insbesondere für Szenario 2 wird erwartet, dass ein intensiverer Wettbewerb und Skaleneffekte durch größere Turbinen und Stückzahlen die Offshore-Winkraft von morgen erheblich günstiger machen.

Für Peter ist damit klar: »Der Trend muss ganz klar in Richtung Serienfertigung gehen.« Auf geringere Wartungs- und Betriebskosten entfallen fünf beziehungsweise acht Prozentpunkte des Einsparpotenzials. Haupttreiber seien auch hier die optimierte Logistik sowie schnellere und leistungsfähigere Schiffe. Finanzierung und Risiko stellen den größten Einzelposten in der Aufstellung dar. Sie sind der Grund, warum die Offshore-Windenergie »sehr viel stärker auf stabile Rahmenbedingungen angewiesen ist als die anderen erneuerbaren Energien«, wie der Prognos-Mitarbeiter betont.

Risikoaufschläge

Zwölf beziehungsweise neun Prozentpunkte gehen auf die erwartete Reduktion der Finanzierungskosten und eine Senkung der Reserven für Projektrisiken zurück. »Mit einer konstanten Entwicklung, die Erfahrungen aus früheren Projekten ermöglicht, könnte es gelingen, die Risikoaufschläge zu verringern«, hofft Peter.

Das Kostensenkungspotenzial sei erheblich, so Eckhoff, allerdings nur realisierbar, wenn die Industrie auf Investitionssicherheit vertrauen könne. Die Branche benötige verlässliche Rahmenbedingungen, um ein signifikantes Marktvolumen erreichen zu können. Denn nur so könne man »Projekterfahrungen gewinnen, technische Innovationen vorantreiben und die Kosten deutlich senken«.

Entsprechende Handlungsempfehlungen für das »politische und regulatorische Umfeld« liefert die von der Offshore-Stiftung gemeinsam mit Verbänden und Unternehmen der Branche bestellte Studie gleich mit. Neben einer stabilen Refinanzierung durch das EEG sei der Bestandsschutz für getätigte Investitionen und Investitionsentscheidungen wichtig. Insbesondere sei dafür zu sorgen, dass das Wachstum auf See auch nach der ersten Ausbaustufe ab 2017 kontinuierlich aufrechterhalten bleibt.

Regulatorische Entscheidungen sollten aufgrund der langen Planungszeiträume der Branche von Dauer sein.

»Der Rahmen kann ruhig ambitioniert sein«, so Peter, »aber er muss langfristig sein«.

Um die Kosten für Installation und Wartung zu senken, sollten in enger Abstimmung mit der Industrie Technologiestandards für Anlagenkomponenten und Netzanschlüsse eingeführt und europaweit koordiniert werden.

Serienfertigung

Zudem empfiehlt die Studie, Zertifizierungs- und Genehmigungsverfahren zu vereinfachen. Dabei wäre es ratsam, auf Erfahrungen aus dem Kraftwerks- und Anlagenbau zurückzugreifen, um den Aufwand zu reduzieren. Weitere Handlungsempfehlungen richten sich an die Industrie. Sowohl was Rotorgrößen als auch Turbinenleistungen betrifft, bestünden je nach Standort noch Möglichkeiten zur Optimierung.

Spielraum für Kostensenkungen sieht die Studie ferner bei den Fundamentdesigns und der Installationslogistik. Betreiberübergreifende Konzepte für Betrieb und Wartung der Windparks würden mittelfristig ebenfalls deutliche Kostenvorteile bringen. Vieles hängt an der Serienfertigung: Gerade in den Bereichen Turbinen- und Tragstrukturentechnik, aber auch bei den Netzanschlusskomponenten ließen sich die Kosten noch erheblich senken, so die Studie.

Voraussetzung seien eine dynamische Marktentwicklung und die weitgehende Realisierung von Technologiestandards. Damit liegt der Ball wieder bei der Politik. »Wir haben in Deutschland eine Reihe von Projekten, die in den Startlöchern stehen. Ihnen fehlt derzeit die nötige Investitionssicherheit«, berichtet Eckhoff.

Um die nötige Weiterentwicklung in der Industrie in Gang zu bringen, sei eine zeitnahe Umsetzung erforderlich. »Wir sind bereit, uns auf eine Roadmap einzulassen.« Ein kontinuierlicher Ausbau auf See hätte auch volkswirtschaftlich Vorteile, wirbt der Chef der Offshore-Stiftung: Die Wertschöpfung bleibe in Deutschland, »chinesische Produktionsstätten« würden nicht gefördert. Auch Frank Peter sieht die europäischen Hersteller und Zulieferer bei Offshore-Wind »klar im Vorteil gegenüber asiatischen«. Indes herrscht auf deutscher See noch immer Flaute, wie eine aktuelle Herstellerbefragung der Deutschen Wind-Guard zeigt. So gingen im ersten Halbjahr 2013 nur 21 Offshoreanlagen mit 105MW installierter Leistung ans Netz – europaweit waren es 1.045MW.

Hans Forster

Erschienen in Ausgabe: 09/2013