Laufzeitverlängerung

Strom - Für viele Betreiber von Wind- und PV-Anlagen ist das Ende der EEG-Vergütung der Einstieg in den Weiterbetrieb. Stromhändler nutzen das für neue Kundenangebote.

25. März 2019
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(Bild: Verbund)

Herr Pflanzl, künftig fallen sukzessive mehr und mehr Wind-, Biogas- und PV-Anlagen aus der EEG-Förderung. Tendenziell wird sich das Geschäft für Direktvermarkter teils deutlich ausweiten, sagen Experten. Rechnen Sie ebenfalls damit, und wie stellt sich Verbund darauf ein?

Thomas Pflanzl: Dieses Geschäft wird erst Ende 2020 beginnen. Das, was wir darüber in den letzten Monaten gehört haben, ist aus meiner Sicht ein Hype. Alle Marktteilnehmer versuchen gerade, sich zu positionieren.

Was ab Ende 2020 passieren wird, ist im Prinzip nichts anderes als eine Fortsetzung von Geschäftskontakten, die schon heute bestehen. Wir von Verbund betreuen als Direktvermarkter aktuell ungefähr 1.700 MW – davon entfallen circa 300 bis 400 MW auf Anlagen, die Ende 2020 aus der EEG-Förderung fallen. Das heißt, wir können in aller Ruhe mit diesen Kunden sprechen und passende Geschäftsmodelle für den Weiterbetrieb finden.

Worauf kommt es dabei an?

Zu klären ist unter anderem, ob der Strom wie bei allen anderen Kraftwerksarten auch vermarktet wird, oder ob es Kunden gibt, die Interesse an direkt geliefertem Strom aus diesen Altanlagen haben. Offen ist auch die Frage, in welchen Bilanzkreis Ü20-Strom geliefert wird und mit welchen anderen Stromprodukten sich dies kombinieren lässt. Denn die Ü20-Anlagen passen nicht zum Verbrauchsprofil eines Industrie- oder Gewerbekunden. Das heißt, da ist einiges zu tun zwischen den Altanlagen auf der einen und Industriekunden auf der anderen Seite.

Was ist denn Ihre Empfehlung an Betreiber von Altanlagen? Manche Experten sagen, dass sich etwa bei Onshore-Wind der Weiterbetrieb nicht lohne angesichts der knappen Margen, bedingt durch das aktuelle Strompreisniveau.

Viele Betreiber von Altanlagen werden jetzt ein Gutachten für den Weiterbetrieb erstellen lassen, das wissen wir aus vielen Gesprächen.

VITA

Thomas Pflanzl

Key-Account-Manager

ist seit 2014 bei Verbund Deutschland in der EEG-Direktvermarktung aktiv.

Zuvor war er Erdgas-Experte in verschiedenen Funktionen, zuletzt Verbund-Erdgas-Koordinator.

Sie sprachen davon, dass die wetterbedingte Stromproduktion eines Wind- oder PV-Parks nicht zum Energiebedarf bei Industrie und Gewerbe passt. Wie gleichen Sie das an?

Verbund ist einer der größten europäischen Produzenten von sauberem Strom aus Wasserkraft, von daher ein erfahrener Erneuerbaren-Spezialist. Wir liefern seit über 20 Jahren unter anderem Grünstrom, kombiniert mit innovativen Flexibilitätsprodukten, an deutsche Stadtwerke, Weiterverteiler und Industriekunden. Auf diese Art und Weise werden wir auch Windstrom einbinden und mit Strom aus Wasserkraft kombinieren.

Denn klar ist, kaum jemand am Markt wird ein Stromprodukt anbieten können, das allein auf Windstrom basiert – das geht de facto nicht. Sie müssen ja für den Industriekunden oder für ein Stadtwerk einen bestimmten Fahrplan liefern können. Und das gelingt nur dann, wenn man Windstrom effizient kombiniert, zum Beispiel mit planbarem Grünstrom aus Wasserkraft.

Im EU-Ausland werden Direktlieferungen zunehmend für neue Wind- oder PV-Parks abgeschlossen. Zum Beispiel in Spanien. Wie wird sich das entwickeln in Kontinentaleuropa? Werden wir dahin kommen, dass Neuanlagen mit solchen Verträgen per se schon abgeschlossen werden?

Das ist eine wirtschaftliche Frage. Wenn Anlagenbetreiber ins Ausschreibungsverfahren gehen für Wind, dann können sie für EEG-Förderung einen Zuschlag erwarten von 50 bis 60 Euro pro Megawattstunde. Das ist mit Sicherheit mehr als das, was sie direkt vom Kunden bekommen können. Im Moment kann ich mir kaum vorstellen, dass eine Neuanlage ohne EEG-Förderung vermarktbar ist.

Es kann aber sehr wohl sein, dass in Kombination mit einer Neuanlage, die an einem guten Standort errichtet wird, sehr wenig zusätzlich gebraucht wird. Das heißt, es kommt darauf an, die Synergieeffekte geschickt zu nutzen bei der Kombination neuer Projekte mit Bestandsanlagen, die aus der EEG-Förderung rausfallen und mit Grünstrom aus Wasserkraft kombiniert werden.

Für die Betreiber ist es wichtig, möglichst weit in die Zukunft zu schauen. Sei es bei Preisen, sei es bei Vertragslaufzeiten. Was ist heute üblich, und wie wird sich das voraussichtlich verändern?

Heute wird in der Direktvermarktung Strom für Zeitspannen von 12 bis 36 Monaten vermarktet. Längere Verträge sind selten. Ohne EEG-Förderung werden Anlagenbetreiber ein größeres Interesse an längerfristigen Verträgen haben.

Bei den Altanlagen werden sich wahrscheinlich Drei- bis Fünf-Jahresverträge etablieren. Bei neuen Anlagen, die ohne EEG-Förderung auskommen, kann ich mir auch Verträge vorstellen von fünf bis zehn Jahren oder sogar noch länger. Auch schon in einer Kombination mit PPA-Verträgen für Endkunden.

PPA-Stromlieferverträge, sprich Direktlieferverträge, waren bislang in Deutschland nicht üblich.

Das ist so. Es gibt die Direktlieferung hier de facto nicht, dafür aber erste zaghafte Ansätze, um mit Grünstrom aus Wasserkraft direkte Vertragsbeziehungen herzustellen. Industriekunden haben heute keine Schwierigkeiten, Herkunftsnachweise zur Stromlieferung hinzuzukaufen, damit sie komplett grün beliefert werden. Die zusätzliche Qualität bei Direktlieferung ist die, dass nicht nur die Herkunftsnachweise gekauft werden, sondern direkt aus den physisch identifizierbaren Anlagen. Dass der Grünstrom aus ganz bestimmten Windparks stammt, muss der Industriekunde dann natürlich im Markt auch kommunizieren.

Die IT-Industrie sowie die Automobilindustrie nutzen bereits PPA, etwa Google in Finnland und Mercedes-Benz in Polen.

Mir fällt auf, dass diese Direktlieferung bestimmte Industriekunden schon sehr interessiert, zum Beispiel die Automobilindustrie. Das Thema ist aber noch nicht überall bekannt. Wünschenswert wäre es, wenn es von der Industrie breiter angenommen wird, sodass mehr Sogwirkung aus Sicht der großen Stromkunden entsteht und damit mehr Dynamik in den Markt kommt. Da sind, wie gesagt, noch viele Industriekunden, die sich mit diesem Zukunftsthema noch nicht wirklich befasst haben. Zum Beispiel von der Lebensmittelindustrie würde ich mehr erwarten. hd

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 18 bis 19