Lernziel: Unternehmerisch denken und handeln

Karriere

Personalentwicklung - Offiziell wünschen sich die Führungsspitzen unternehmerisch denkende und handelnde Mitarbeiter. Tatsächlich herrscht Skepsis: Macht dann nicht jeder was er will? Eine Lernaufgabe für beide Seiten.

28. August 2012

Oft heißt es: »Unsere Mitarbeiter müssen bei der Alltagsarbeit mehr Eigenverantwortung zeigen. Ohne ihre Bereitschaft Risiken zu tragen, können wir die Herausforderungen des Marktes nicht meistern.« Das Gros der Mitarbeiter zeige diese Eigenschaften beziehungsweise Verhaltensweisen jedoch nicht. Nur wenige blickten bei ihrer Arbeit über den Rand ihres Schreibtischs hinaus und seien bereit, das Risiko eventueller Fehlentscheidungen einzugehen. Ihr Augenmerk richte sich vielmehr darauf, sich abzusichern, sodass ja kein Kollege oder gar Vorgesetzter sie kritisieren kann. Und das gilt auch in der mittleren Führungsebene.

Eine Erklärung wäre, dass über Jahrzehnte eben nichts anderes gefordert wurde, als übertragene Aufgaben nach genauer Vorgabe zu erfüllen. Völlig ungewohnt ist es folglich, am Arbeitsplatz eigenständig Entscheidungen zu treffen. Ein ungeschriebenes Gesetz der Vergangenheit lautete zudem: Erfüllt eure Aufgaben und mischt euch nicht in fremde Kompetenzbereiche ein. Entsprechend groß sind Verunsicherung und die Angst, sich in die Nesseln zu setzen, wenn man der Forderung nach mehr Eigeninitiative und -verantwortung folgt.

Mit dem über Jahrzehnte antrainierten Verhalten lässt sich aber nicht erklären, dass auch viele junge mittlere Führungskräfte im Arbeitsalltag ein wenig risikobereites Verhalten zeigen. Denn sie sind neu in der Organisation. Doch lernen sie in vielen Betrieben rasch: Eigenverantwortliches Verhalten wird zwar propagiert, doch wenn ich zu viel davon zeige, wird dies sanktioniert. Und berufliches Fortkommen fördert ein solches Verhalten nicht.

Warum gerade der Nachwuchs oft solche Erfahrungen sammelt, liegt häufig an der obersten Führungsriege. Die graust insgeheim die Vorstellung von vielen kleinen Unternehmern in ihrer Organisation – selbst wenn sie verbal das Gegenteil propagieren. Denn sie befürchten Kontrolle und Steuerung. Denn ein verinnerlichtes Credo lautet: Führung erfolgt stets nach dem hierarchischen Prinzip. Wer oben ist, sagt wo’s langgeht, und wer unten steht, erfüllt die Vorgaben. Nicht wenige Führungskräfte betrachten es zudem als ihr Privileg, über die Weitergabe von Information zu entscheiden. Sie glauben auch, es sei ihr Recht, in das Tagesgeschäft ihrer Untergebenen hineinzuregieren. Dabei müsste das Fordern von mehr Eigenverantwortung und -initiative von einem konsequenten Rückzug der Vorgesetzten aus dem Tagesgeschäft begleitet sein.

Diese Widersprüchlichkeit registrieren die Mitarbeiter – und reagieren mit ebenso widersprüchlichem Verhalten, selbst wenn es sich bei ihnen um scheinbar gestandene Manager handelt. Wenn die geforderte Bereitschaft und Fähigkeit zu unternehmerischem Denken und Handeln tatsächlich verankert werden soll, ist deshalb zunächst ein Umdenken und Neulernen der oberen Führungskräfte nötig.

Doch eine solche Erkenntnis spiegelt sich leider in den meisten Personalentwicklungskonzepten nicht wider. Sie setzen in der Regel den Fokus einseitig auf die Mitarbeiter. Sie sollen die Fähigkeit entwickeln, unternehmerisch zu denken und zu handeln. Übersehen wird, dass auch ihre Vorgesetzten die Fähigkeit entwickeln müssen, Mitarbeiter unternehmerisch denken und handeln zu lassen. Auch die Unternehmens- und Führungskultur muss sich wandeln – und zwar top-down.

Ulrich Dessel

Erschienen in Ausgabe: 07/2012