LNG-Boom mit Risiken

STUDIE Liquefied Natural Gas (LNG) gehört zu den am schnellsten wachsenden Sektoren im Energiemarkt. Die Chancen werden größer, aber auch die Gefahren.

19. April 2007

Im Hinblick auf das derzeit viel diskutierte Thema Versorgungssicherheit wird verflüssigtes und mit Tankern über die Weltmeere transportiertes Erdgas eine immer wichtigere Rolle spielen. Trotz einigerstruktureller und regionaler Unterschiede wird der LNG-Weltmarkt in Zukunft sehr flexibel und liquide sein, wie die Marktanalyse ›Value and Growth in the Liquefied Natural Gas Market‹ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) aufzeigt.

Das weltweite LNG-Volumen wird sich Prognosen der Internationalen Energie Agentur (IEA) zufolge von 2005 bis 2010 nahezu verdoppeln. Rund 40 % des globalen Angebotszuwachses bei Gas entfallen auf LNG. Der LNG-Handel soll 2010 etwa 300 bis 350 Billionen m3 pro Jahr erreichen, nachdem 2005 rund 192 Billionen m3 umgesetzt worden waren. Zugleich vereinen sich die bislang eher regional orientierten Märkte in den USA, Europa und Asien immer mehr zu einem globalen Markt. Waren bislang Japan und Südkorea die größten LNG-Importeure, verzeichnen Europa und insbesondere die USA ein starkes Importwachstum. »Dort kann die bisherige Erdgasproduktion mit dem wachsenden Bedarf nicht mehr Schritt halten«, berichtet PwC.

Mindestens ein Drittel des weltweiten Importwachstums zwischen 2005 und 2015 wird auf die USA entfallen. China und Indien werden auf lange Sicht ebenfalls mehr LNG einführen. Auf der Exportseite dominieren derzeit vier Staaten das Geschäft: Indonesien, Katar, Algerien und Malaysia stehen für über 59 % der LNG-Produktion.

PwC rechnet damit, dass Katar bis 2015 seine führende Position ausbauen wird. »Zwei Drittel des weltweiten LNG-Exportwachstums entfallen auf das Emirat, das dank seiner geografischen Lage Südostasien, Europa und die USA gleichermaßen gut versorgen kann«, so die Berechnung. Darüber hinaus entwickelt sich Nigeria zu einem wichtigen Lieferland. Russland, Iran, Libyen, Angola und Äquatorial Guinea drängen ebenfalls verstärkt in den Markt.

NEUE TECHNIKEN VERÄNDERN MARKT

PwC geht davon aus, dass sich der LNG-Markt stark verändern wird: »Deutlich zeichnen sich Tendenzen zu einem verstärkten Wettbewerb ab: Hatten die zehn größten Exportunternehmen 1995 noch einen Marktanteil von 84,5 Prozent, wird dieser bis 2015 auf rund 60 Prozent sinken.«

Diese Wandlung des Marktes werde vor allem von der technischen Entwicklung vorangetrieben, die besonders in der Schiffbauindustrie und dem spezialisierten Anlagenbau zu beobachten sei, heißt es in der Studie.

Ein Trend: Kleinere LNG-Produktionseinheiten und flexible Transportcontainer ermöglichen den Zugriff auf Gasreserven, die im Normalfall nicht ausgebeutet worden wären. PwC folgert daraus, dass dies »eine größere Liquidität und die Entstehung neuer Märkte mit zusätzlichen Marktteilnehmern« nach sich zieht.

Für die Energieunternehmen berge die sich abzeichnende Entwicklung des LNG-Marktes zahlreiche Wachstumschancen. Hohe Öl- und Gaspreise in Verbindung mit einer effizienteren Infrastruktur und geringeren Transportkosten hätten dazu geführt, dass sich die Ertragsperspektiven bei LNG-Projekten deutlich verbesserten.

Dennoch empfiehlt PwC: »Die Unternehmen sollten bei ihren Investitionen in entsprechende Projekte die möglichen Risiken jedoch nicht außer Acht lassen. Denn hohe Gaspreise könnten auch zu einem Nachfragerückgang führen und LNG im Vergleich mit anderen Energieträgern weniger wettbewerbsfähig machen.«

Dazu komme, dass beim Bau der LNG-Anlagen hohe planungsrechtliche Hürden nicht auszuschließen seien. Zudem sei die Finanzierung derartiger Großprojekte äußerst komplex, ebenso wie die technischen Herausforderungen bei Bau und Betrieb. Zudem weisen die Unternehmensberater darauf hin, dass Währungsrisiken dies noch verschärfen könnten.

IMMER KÜRZERE VERTRAGSLAUFZEITEN

Auch der Downstream-Bereich sei nicht ohne Risiko, da etwa die Vertragslaufzeiten immer kürzer werden würden. Zudem neigten einige Staaten dazu, die Gaspreise zu regulieren. »Sollte der Energiemarkt wieder eine Niedrigpreisphase erreichen, zeichnen sich für die Unternehmen Risiken bei der Kostendeckung ab«, heißt es in der PwC-Studie. Für Vermarktungsunternehmen gelte deshalb grundsätzlich, dass sie sich Zugriff auf Kapazitäten bei Verflüssigung, Transport und Regasifizierung langfristig sichern müssen.

Die im Downstream-Bereich angesiedelten Energieversorger hätten dabei vornehmlich das Ziel, ihre primären Brennstoffquellen zu sichern und zu diversifizieren.

»Konzerne, die im Rahmen eines Portfolios in vielen Teilen der LNG-Kette aktiv sind, sind sehr flexibel aufgestellt«, prognostiziert PwC. Die Gründe: Durch Optimierungen ihres Portfolios aus Beteiligungen, Liefer- oder Abnahmevereinbarungen, Zugangsrechten und Optionen können sie vergleichsweise einfach Kosten reduzieren, operative Schwierigkeiten lindern und Preisunterschiede im Markt ausnutzen.

Jedoch sei hier ein liquider LNG-Markt die Voraussetzung. »Zu den künftigen Gewinnern werden vor allem die Unternehmen gehören, die die immer komplexer werdenden Wechselbeziehungen und Ungewissheiten des LNG-Marktes frühzeitig identifizieren, einschätzen und bewältigen«, betont PwC.

NEUE MÖGLICHKEITENPRODUKTION DIREKT AN BORD

Die Verflüssigung und Regasifizierung an Bord spezieller Tanker ist einen wichtiger Schritt in Richtung Flexibilität. Das Erdgas kann so direkt in das Gasnetz an Land eingespeist werden. Damit können zahlreiche Orte weltweit mit LNG beliefert werden, ohne dass dafür hohe Investitionen in eine entsprechende Umwandlungsinfrastruktur an Land notwendig sind. In Europa wurde die Regasifizierung an Bord erstmals Anfang Februar 2007 im britischen Teesside praktiziert.

Erschienen in Ausgabe: 04/2007