Herr Bull-Berg, im Frühjahr wurde im Beisein von Angela Merkel der Windpark Arkona vor Rügen in Betrieb genommen, an dem Equinor beteiligt ist. Welche Rolle spielen Erneuerbare in der Unternehmensstrategie?

ANZEIGE

Bjarne Lauritz Bull-Berg: Wir gehen davon aus, dass im Jahr 2030 rund 15 bis 20 Prozent unserer Investitionen in neue Energielösungen fließen werden. Diesen Ansatz wollen wir künftig weltweit umsetzen, zum Beispiel in den USA und Asien. In Deutschland und Europa konzentrieren wir uns zurzeit auf Offshore-Windprojekte.

Der deutsche Windmarkt an Land und auf See bleibt nach Meinung der Branche unter seinen Möglichkeiten. Grund seien die Ausbau-Deckel des EEG, heißt es. Wie bewerten Sie das?

ANZEIGE

Deutschland ist und bleibt ein wichtiger Markt für uns. Gleichzeitig gibt es im Moment kaum interessante Projekte in Nord- und Ostsee. Der Grund sind die aktuellen politischen Rahmenbedingungen. Die Projektpipeline hat sich dadurch verlangsamt.

Einerseits sorgen die Ausbaugrenzen für eine verringerte Dynamik des Marktes; andererseits sind es die fehlenden Netzkapazitäten für die Anbindung von Offshore-Parks sowie die begrenzte Kapazität für die Übertragung des Windstroms.

Bis 2030 sollen 65 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland aus erneuerbaren Energien kommen.

Richtig. Das 65-Prozent-Ziel ist sehr ambitioniert. Es gibt große Fortschritte. Aber es bleibt viel zu tun. Das heißt, die fehlenden Ausschreibungsmengen und fehlenden Leitungskapazitäten müssen überwunden werden.

Wir verstehen die Position der deutschen Bundesregierung. Aber mit Blick auf das 65-Prozent-Ziel sind Aktivitäten seitens der Regierung erforderlich. Darüber muss man sich klar sein. Wir und die Branche brauchen sobald wie möglich Klarheit. Das wird auch geschehen, da bin ich mir sicher.

In Anzeigenkampagnen betont Equinor die Rolle von Erdgas für den Klimaschutz. »Energiewende mit Gas – schneller und preiswerter Klimaschutz«, heißt es. Aktuell spielt Erdgas nur eine untergeordnete Rolle in den Szenarien der Bundesregierung für 2030 und später.

Jährlich benötigt Deutschland rund 2.500 TWh Energie. Davon entfällt zirka 550 TWh auf Strom. Der Rest basiert auf Molekülen. Wärme ist ein großer Markt für Erdgas, denken Sie nur an die Prozesswärmeerzeugung in der Industrie.

Mittelfristig sehen der Atom- und Kohleausstieg diese Szenarien vor: bis 2030 wird sich der Kohleanteil an der Energieerzeugung im Vergleich zu heute um die Hälfte reduziert haben. Voraussichtlich wird der Großteil der Kohlekapazitäten von 42 GW aus dem Markt genommen.

VITA

Bjarne Lauritz Bull-Berg

Bull-Berg ist Vice President Government and Regulatory Affairs Germany und damit Leiter des Berliner Büros von Equinor. Für diese Position wechselte Bjarne Lauritz Bull-Berg von Oslo nach Berlin.

Bisher war er bei Equinor für das Marketing von Raffinerieprodukten zuständig. Der Norweger ist seit 2007 bei Equinor.

Zugleich gehen in den nächsten Jahren rund 12 GW mit dem Ausstieg aus der Kernenergie vom Netz. Zeitgleich steigt der Anteil Erneuerbarer an der Erzeugung. Erneuerbare sind naturgemäß volatil. Das heißt, es braucht gleichzeitig eine stabile Versorgungsquelle. Aus unserer Sicht gewinnt Erdgas damit an Gewicht für die Stromerzeugung.

In Deutschland könnte in naher Zukunft eine CO2-Steuer für den Wärmesektor und das Verkehrswesen eingeführt werden. Das hätte auch Folgen für den Energieträger Erdgas.

Kein Zweifel, die Zukunftsfähigkeit von Erdgas hängt von den CO2-Emissionen ab. Dekarbonisieren kann man den Energieträger auf verschiedene Arten.

Entweder indem man erneuerbaren Wasserstoff als Basis für synthetisches Erdgas nimmt. Oder indem man das CO2 zum Beispiel vor der Verbrennung von konventionellem Erdgas abspaltet und unterirdisch lagert. Letzteres machen wir seit Jahren erfolgreich an unseren Offshore-Erdgasförderplattformen in der Nordsee und in der Barentssee.

In Deutschland ist Carbon Capture and Storage, kurz CCS, ein heikles Thema. Pilotprojekte mit CCS in Brandenburg wurden nach Bürgerprotesten eingestellt.

Ich weiß, dass das Thema CCS in Deutschland viel kritischer gesehen wird, als zum Beispiel in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden oder Großbritannien. In Norwegen haben wir mittlerweile 20 Jahre Erfahrung mit CCS gesammelt.

Die Technik mag für manche nicht wünschenswert sein, aber sie ist erprobt und ein guter Weg für die rasche Dekarbonisierung von Erdgas. Beispielsweise in der Nordsee lagern wir jährlich rund eine Million Tonnen CO2 unterirdisch ein, in einer Tiefe von 1.000 Meter unter dem Meeresboden. Ebenso jährlich 700.000 Tonnen unter dem Meeresboden der Barentssee. Die Speicherung wird dabei strengstens überwacht. Leckagen wurden bisher nicht festgestellt. Die meisten seriösen internationalen Klimaszenarien beinhalten bereits CCS als ein Element zur Erreichung der Klimaziele, so wird es zum Beispiel auch vom Weltklimarat IPPC empfohlen.

Synthetischer Wasserstoff aus erneuerbaren Energien gilt als Schlüssel für die Sektorkopplung. Das gilt auch für die bundesweit bestehende Rohrleitungsinfrastruktur.

Das ist das Schöne an der Sektorkopplung. In Deutschland gibt es 475.000 Kilometer Erdgasrohrleitungen. Wenn man die umrüstet auf den Betrieb mit Wasserstoff, lässt sich die Sektorkopplung realisieren.

… was finanziert werden muss. Bisher ist das nicht geplant.

Sicher, das kostet, aber technisch ist es möglich. Ein Beispiel ist die Umstellung der Stadtgas-Versorgung in den sechziger Jahren von Citygas aus Kohle auf Erdgas. Das zeigt: Erdgas kann vieles. Wir sind der Auffassung, dass für die angestrebte CO2-Reduzierung alle verfügbaren Techniken einzusetzen sind.

Mein Appell an die deutsche Bundesregierung: Unsere Gesell- schaft und die Umwelt können nicht warten, bis 100-prozentige Lösungen entwickelt sind. In der Zwischenzeit sollten wir auch 94-prozentige Lösungen verfolgen, um eine frühere Emissionsreduzierung zu erreichen.

Was man jetzt braucht für den Klimaschutz, ist das Bekennt- nis, ernsthaft CO2 reduzieren zu wollen. Aktuell erfasst beispielsweise der ETS-Handel nur 40 Prozent der Emissionen. Das muss sich ändern.

hd